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Russischer Ko-Trainer Worobjew : Zwischen Frankfurt und Magnitogorsk

Hinter der Bande: Ilja Worobjew (rechts) und Cheftrainer Oleg Znaroc diskutieren bei der WM in Köln. Bild: Imago

Ilja Worobjew hat sich in Deutschland durchgebissen und wurde zu einem Eishockeyprofi von Format. Bei der WM ist er Assistenztrainer der Russen – dabei überlässt er nichts dem Zufall.

          Das Smartphone ist immer dabei – und steht selten still. Ilja Worobjew ist in diesen Tagen ein vielbeschäftigter und oft gefragter Mann. Er muss und will ständig erreichbar sein. Die Weltmeisterschaften laufen aus seiner Sicht bislang sportlich nach Plan. Das russische Team, bei dem er als Assistenztrainer zusammen mit Chefcoach Oleg Znarok das Kommando führt, hat in der Vorrunde seine Pflichtaufgaben erfüllt und ist nach einem ungefährdeten 3:0-Sieg im Viertelfinale über Tschechien fürs Halbfinale qualifiziert; Gegner dort sind an diesem Samstag (15.15 in Köln) die Eishockey-Künstler aus Kanada, die Titelverteidiger.

          Die Sbornaja ist Rekord-Champion mit bislang 27 Titeln, wobei der überwiegende Teil von Vorgänger-Mannschaften gewonnen wurde (22), die ehedem als „Rote Maschine“ noch im Namen der UdSSR die Gegner demontierten. „Wir können nicht klagen“, sagt Worobjew und macht es sich im Sessel in der Lobby des Teamhotels in Köln bequem.

          Erfolgreich in Köln: Russlands Eishockey-Team ist ins Halbfinale eingezogen
          Erfolgreich in Köln: Russlands Eishockey-Team ist ins Halbfinale eingezogen : Bild: dpa

          Die Russen kommen momentan in den Genuss, eine feine Bleibe, die sich in Laufweite der Arena befindet, mit ihrem Tross nutzen zu können, während sich der Rest der aus sieben Nationen bestehenden Vorrunden-Konkurrenz gemeinsam eine Unterkunft am Rhein teilt. Sie hätten ihren Aufenthalt systematisch geplant, sagt Worobjew, nichts dem Zufall überlassen und Voraussetzungen schaffen wollen, dass das Turnier den gewünschten Verlauf nimmt. Er kennt sich in Deutschland bestens aus, seit er 1993 als Achtzehnjähriger zusammen mit seinem Vater in Frankfurt beim seinerzeitigen Eissportklub „Die Löwen“ landete, die seinen Vater Pjotr als Trainer verpflichtet hatten. Anfangs eine gewöhnungsbedürftige Situation.

          Der Junior konnte weder Deutsch noch Englisch, sollte aber als einer von zwei Ausländern im Team sogleich Besonderes vollbringen. Vom Boulevard wurde er als „tapsiger russischer Bär“ verspottet. Das schmerzte, machte ihn aber nur stärker, wie er im Rückblick meint. Er biss sich durch, lernte die Sprache, erhielt später die deutsche Staatsbürgerschaft und entwickelte sich zu einem Stürmer von Format. Bei den Hessen verdiente er sich von 1993 bis 1999 sowie 2007 und 2010 in 240 Partien eine Rolle als Publikumsliebling. Seine treffsichere Art auf dem Spielfeld und sein humorvolles Auftreten abseits davon kamen an.

          Worobjews Hauptwohnsitz befindet sich nach wie vor in Frankfurt, wo auch seine Frau Anna und die Zwillinge Daniela und Nikita weiterhin leben. Hierzulande trug er außerdem die Trikots der Krefeld Pinguine und der Adler Mannheim, bei denen er unter anderem mit den aktuellen deutschen Nationalspielern Dennis Seidenberg und Christian Ehrhoff gemeinsame Sache machte. Worobjew findet die Veranstaltung auch deswegen „so interessant, weil man ständig gute Bekannte und wichtige Leute trifft“, bei denen es sich lohne, auf einen Schwatz in den Katakomben stehenzubleiben.

          Im Alltagsgeschäft ist er weit weg im Einsatz. Sein Arbeitgeber ist HK Metallurg Magnitogorsk, bei dem er seit Oktober 2015 die Verantwortung trägt. Worobjew war relativ früh nach Ende seiner aktiven Laufbahn – das wegen der Folgen einer Gehirnerschütterung früher als geplant kam – hinter die Bande gewechselt. Abermals an der Seite des Vaters wagte er den Schritt ins Ungewisse. Zusammen landeten sie in der Nachwuchsabteilung bei Lokomotive Jaroslawl – einem Klub, der traurige Berühmtheit erlangte. Am 7. September 2011 stürzte das Flugzeug, das die Profimannschaft zum ersten Saisonspiel in Minsk bringen sollte, kurz nach dem Start ab; nicht ein Kadermitglied oder Betreuer überlebte.

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          Die Kontinental Hockey League (KHL) bestimmte daraufhin Pjotr Worobjew zum Chefcoach, der den Wiederaufbau gestalten sollte, und Ilja Worobjew sekundierte, ehe sich in der Saison darauf die Wege trennten: Es zog ihn weiter zum Hockeyklub nach Magnitogorsk, einer Industriestadt knapp 2000 Kilometer östlich von Moskau. Die eine Hälfte der Stadt gehört noch zu Europa, die andere schon zu Asien, geteilt wird sie durch den Fluss Ural – und geprägt von einem kolossalen Eisenwerk, das noch immer Tausende Menschen beschäftigt und zugleich Hauptgeldgeber von Worobjews Klub ist.

          Die gewöhnungsbedürftigen Lebensbedingungen in der Gegend, die nach Untersuchungen von Umweltschützen zu den 35 am meisten verschmutzen Regionen der Erde gehört, stören Worobjew nach seinen Angaben nicht: „In meinem Job ist es überall das Gleiche. Man ist zum Schlafen zu Hause, aber die meiste Zeit in der Eishalle und kennt drei, vier, fünf Restaurants.“ Die „finanziellen Möglichkeiten“, wie er es nennt, die in der KHL noch immer deutlich besser sind als zum Beispiel in Deutschland, tragen wohl auch zu seiner Zufriedenheit bei. Mit Metallurg wurde er 2016 Meister und scheiterte jüngst im Endspiel um den Gagarin-Cup an SKA Sankt Petersburg – das von Znarok betreut wird.

          Während des Finals im April „waren wir Rivalen“, sagt Worobjew, „nun sind wir unter der Flagge vereint“. Schon seit drei Jahren kümmern sich die beiden bei Großereignissen als Duo um die Nationalmannschaft, bei der es nach dem Scheitern bei Olympia in Sotschi auf allen Ebenen einen großen Personalwechsel gab. „Wir haben viel Talent und sind zur Arbeit bereit“, sagt Worobjew in Köln, bevor er sich auf dem Weg zum Training macht, dafür die Tasche packt und das Telefon kurz aus der Hand legt. Für ihre Smartphones haben sie alle eine Hülle mit dem gleichen Aufdruck erhalten: „Russland ist mein Leben.“ Dann klingelt es auch schon wieder.

          Quelle: F.A.Z.

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