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Veröffentlicht: 16.05.2017, 23:13 Uhr

Einzug ins WM-Viertelfinale Deutsches Happy-End in dramatischem Eis-Krimi

Spannender geht es kaum! Das deutsche Eishockey-Nationalteam bezwingt Lettland in einem packenden Spiel im Penaltyschießen – in das sich die DEB-Auswahl erst kurz vor Schluss retten kann. Gegner im Viertelfinale ist der größtmögliche Favorit.

von , Köln
© dpa Was für ein Drama! Deutschlands Eishockey-Team besiegt Lettland im Penaltyschießen.

Alles oder nichts! Die Ausgangslage an diesem Abend hatte sich für beide Mannschaften auf einen leicht verständlichen Nenner bringen lassen – und das machte die Aufgabe für sie umso schwerer. Nur ein Sieg zählte, und die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bestand die Nervenprobe. Durch ein 4:3 nach Penaltyschießen (0:0, 2:1, 1:2, 0:0, 1:0) gegen die zuvor punktgleichen Letten sicherte sich das Team von Bundestrainer Marco Sturm den vierten Platz in der Gruppe A.

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Damit gehen die Weltmeisterschaften für sie an diesem Donnerstag weiter, und die Veranstaltung behält ihren Publikumsmagneten. Auch am Dienstag verfolgten 18.800 Zuschauer das von Erfolg gekrönte Bemühen des Turnier-Gastgebers, der es nun mit einem Schwergewicht der Szene zu tun bekommt: Kommender Gegner für Sturm und seine Spieler sind die Kanadier, die sich bislang am zweiten Spielort Paris keine Blöße gaben und ihre Ansprüche mit dem ersten Vorrundenplatz untermauerten – nach dem Umzug an den Rhein gehen sie als Titelverteidiger und Olympiasieger klar favorisiert in die Auseinandersetzung mit den Deutschen, die dann vor allem eines wieder in die Waagschale werfen müssen: ihren Kampfgeist.

Aggressives Forechecking und hohe Laufbereitschaft

In Köln kommt es außerdem zum Aufeinandertreffen zwischen den Vereinigten Staaten und Finnland. In Paris spielt Rekordweltmeister Russland gegen Tschechien um den Einzug in das Halbfinale. Die Schweiz trifft auf Schweden.

Die Männer in Schwarz-Rot-Gold hatten am Dienstag eine ziemlich genaue Vorstellung, wie sie die Begegnung mit dem Weltranglisten-Zwölften bestreiten wollten: initiativ, mit aggressivem Forechecking und hoher Laufbereitschaft in der Rückwärtsbewegung. Philipp Grubauer im Tor bekam so bei seinem Debüt zunächst nicht allzu viele Gelegenheiten, sein Können zu demonstrieren. Denn seine Vorderleute nahmen die Abwehrpflichten genauer als bei vorangegangenen Auftritten und ließen die Letten durch viel Körpereinsatz im Duell um die Scheibe nur selten mit Geschwindigkeit vor Grubauer aufkreuzen. Gleichzeitig durchquerten sie die neutrale Zone ihrerseits mit schnellen Schritten und sorgten somit immer wieder für Überraschungsmomente.

46444838 Drin ist der Puck: Zwischenzeitlich sah es für die Deutschen nicht gut aus. © dpa Bilderstrecke 

Sturm hatte die Angriffsreihen jeweils um eine Person verändert. Der Coach wollte mit diesem Manöver die Letten irritieren, nachdem mehrere Mitglieder ihres Betreuerstabs in den vergangenen Tagen ausgiebig die deutschen Übungseinheiten verfolgt hatten. So startete Leon Draisaitl, ihr Star, um den sich seit dem Wochenende fast alles dreht, in einer neuen Formation mit den Nürnbergern Yasin Ehliz und Patrick Reimer. Von diesem Trio gingen anfangs die meisten Aktionen aus. Schon nach der Hälfte des ersten Drittels verzeichnete die Schuss-Statistik mit 13:2 Versuchen ein klares Übergewicht zugunsten der Deutschen, wobei Reimer eine sehr gute, von Draisaitl initiierte Möglichkeit ungenutzt verstreichen ließ (6. Minute).

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Ehliz wiederum zog aus der Distanz ab, doch Elvis Merzlikins wehrte den Schuss mit dem Helm an den Pfosten ab (11.) und brachte später auch noch den Schoner rechtzeitig auf den Boden, als wieder Reimer vor ihm auftauchte (18.). Der Keeper unterstrich, warum er bei dieser WM bis dahin als Torhüter mit der besten Fangquote herausragte und sein Weg vom HC Lugano in der Schweiz wohl alsbald in die National Hockey League führen wird, wo sich die Columbus Blue Jackets die Rechte an ihm sicherten. Grubauer musste dagegen nur einmal eingreifen und packte bei einem Schlenzer von Gunars Skvorcovs kompromisslos zu (9.).

Im Mittelabschnitt ging es nicht nahtlos so weiter, weil jetzt auch die Letten früher störten, doch das Privat-Duell zwischen Reimer und Merzlikins fand seine Fortsetzung: Draisaitl setzte seinen Angriffskollegen optimal in Szene, doch der „Spieler des Jahres“ aus der Deutschen Eishockey Liga fand wiederum in dem aufmerksam parierenden Goalie seinen Meister (24.). Im Powerplay war es dann aber soweit: Christian Ehrhoff nahm Maß von der blauen Linie, und den Abpraller brachte David Wolf mit der Rückhand im Netz unter (31.). Dabei hatten die Deutschen Glück, dass die Referees nicht erkannten, dass dem Treffer eine Abseitsposition vorausgegangen war. Und es kam für sie in der gleichen Minute noch erfreulicher. Nur 27 Sekunden später erhöhte Verteidiger Dennis Seidenberg mit seinem ersten Turniertreffer auf 2:0.

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Damit war klar, die Letten würden attackieren müssen, wenn sie noch eine Wende erreichen wollten – und sie taten es. Grubauer klärte erst gegen Kaspars Daugavins spektakulär mit der Spitze der Kelle über die Latte, musste sich beim nächsten guten Versuch von Skvorcovs aber geschlagen geben (38.). Die Spannung steigerte sich weiter, als Janis Sprukts ausglich (49.), und Andris Dzerins das 3:2 für die Letten folgen ließ (57.). Damit jedoch nicht genug: Felix Schütz sorgte nach Draisaitl-Hereingabe mit seinem Treffer 33 Sekunden vor der Schlusssirene in Überzahl für die Verlängerung. Sie verstrich folgenlos, und das Penaltyschießen musste die Entscheidung bringen. In dieser Glücks-Lotterie strahlten dank der Gewitztheit von Frederik Tiffels, der den letzten Penalty verwandelte, und der Reaktionsstärke Grubauers am Ende eines packenden Eishockey-Krimis die Deutschen.

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Von Anno Hecker

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