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Deutsches Eishockeyteam : Die Dampfmaschine Draisaitl

„Es war ein eiskalter Start, aber alles kein Problem“: Leon Draisaitl flog erst am Samstagmorgen aus Kanada ein und spielte schon am Abend gegen Italien. Bild: Imago

Er kam, schlief und siegte: Leon Draisaitl ist auf Anhieb der Antreiber im deutschen Eishockeyteam. Der NHL-Star sorgt für Zuversicht vor dem „Endspiel“ gegen Lettland.

          Es darf gerne noch ein bisschen mehr sein. 104 Pflichtspiele stecken Leon Draisaitl in den Knochen. Der Einundzwanzigjährige hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn sich dieser über acht Monate hinziehende Terminstress im Trikot der Edmonton Oilers für ihn noch um ein paar weitere, entscheidende Einsätze verlängert hätte.

          Doch das Aus im Wettstreit um den Stanley Cup, das ihn und seine Teamkollegen am Donnerstag erwischte, bedeutet für den deutschen Nationalspieler noch nicht das Ende der Saison. Er verlängert seine Eiszeit bis auf weiteres in Köln – wo er mit offenen Armen empfangen und dringend benötigt wurde. Auf Draisaitl ruhen die Hoffnungen der Mannschaft des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), dass die Heim-Weltmeisterschaft sich noch zu einem rundum erfreulichen Ereignis entwickelt.

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          Bislang fällt aus Sicht des Turnierveranstalters vor allem das wirtschaftliche Zwischenfazit positiv aus; am Samstagabend, beim 4:1 (2:1, 2:0, 0:0) gegen Italien, war die Arena auch beim sechsten Auftritt von Marco Sturms Belegschaft mit 18 500 Zuschauern ausverkauft. Das Ziel, die WM mit einem finanziellen Plus in siebenstelliger Höhe abzuschließen, scheint kurz vor dem Start in die K.-o.-Phase des Championats machbar. Mit welchem Ergebnis die DEB-Auswahl die Auftritte vor eigenem Publikum abschließen wird, lässt sich weiterhin allenfalls erahnen.

          Der (zwingend notwendige) Erfolg im Duell mit dem Weltranglisten-Achtzehnten hielt die Chance aufrecht, ins Viertelfinale einzuziehen. Dafür ist nun auch noch ein Sieg gegen Lettland, den direkten Konkurrenten um den vierten Tabellenplatz in der Vorrundengruppe A, an diesem Dienstag (20.15 Uhr / Live bei Sport1) erforderlich. Sturm sagte, er gehe „voller Zuversicht in das Endspiel“ – auch weil er mit Draisaitl nun einen Mann in seinen Reihen weiß, der „den Unterschied ausmachen kann“, wie er es formulierte.

          Der Spaß am spontanen Teamwork war auch dem Nachzügler anzumerken: „Ich freue mich riesig. Ich bin in Köln groß geworden, das ist auch für mich etwas ganz Besonderes“, sagte er. „Ich spüre keinen Druck, bin zwar noch nicht bei hundert Prozent, es gibt aber keine Ausreden: Ich bin gekommen, um dem Team zu helfen.“

          Sturm nominierte Draisaitl nach einem kurzen Vier-Augen-Gespräch sogleich für die Startformation als Center der ersten Reihe, unterstützt von Brooks Macek (München) und Matthias Plachta (Mannheim) auf den Flügeln. Gegen die Italiener benötigte der NHL-Stürmer keine Anlaufzeit, um auf Touren zu kommen. Was verwunderte in Anbetracht der Reisestrapazen, die hinter ihm lagen: Binnen 48 Stunden ging es für ihn von Los Angeles über Edmonton, Calgary und Frankfurt in seine Geburtsstadt, in der er fünf Stunden vor dem Eröffnungs-Bully im Auto der Mutter, die Vater und Sohn am Airport abgeholt hatte, eintraf; da hatte er 10 000 Flugkilometer quer durch neun Zeitzonen hinter sich.

          Zunächst legte sich Draisaitl daheim bei der Mama aufs Sofa und machte die Augen zu, stieß aber anschließend rasch zur Mannschaft, die ihm mit vielen Umarmungen und Schulterklopfern einen freundlichen Empfang bereiteten. „Leon ist der beste Eishockeyspieler, den wir in Deutschland haben. Schön, dass er jetzt da ist“, lauteten die Begrüßungsworte von Verteidiger Dennis Seidenberg. „Es war ein eiskalter Start, aber alles kein Problem“, meinte Draisaitl, der die Führung von Kapitän Christian Ehrhoff mit einem Querpass vorbereitete und sich so schon nach zweihundert Sekunden den ersten Scorer-Punkt verdiente; insgesamt stand er bei 24 Wechseln 17:10 Minuten als ständiger Ansporn auf dem Eis und war für die deutsche Offensive so etwas wie die personifizierte Dampfmaschine. „Leon kann man die Sache immer in die Hände geben, und er macht was daraus“, lobte Plachta, „er hat das Auge und den Körper, bei ihm stimmt das Gesamtpaket.“

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          Gegen die Italiener, die sich tapfer wehrten, aber kein wirklicher Prüfstein waren, gelang es Sturms Leuten bei fünf gegen fünf mehr Tempo als zuletzt gegen Dänemark (2:3) und die Slowakei (3:2) zu entwickeln, auch die Verteidiger brachten sich öfter mit Ideen bei der Spieleröffnung aus der eigenen Zone ein, am Bully-Punkt gingen nicht mehr so viele Pucks verloren (Draisaitl gewann gleich im ersten Drittel alle seiner sechs Anspiele). Sturm sah insgesamt eine „deutliche“ Steigerung – aber keinen Grund zur völligen Zufriedenheit. So fiel die fehlende Abwehrkraft von Torhüter Danny aus den Birken auf, der sich abermals als Unsicherheitsfaktor im deutschen Spiel entpuppte; der Südtiroler Michele Marchetti ließ ihn mit einem Schuss, bei dem er dem Keeper die Scheibe durch die Beine schob, ungeschickt aussehen.

          Aus den Birken, der während der zurückliegenden Monate dem Meister EHC München ein verlässlicher Rückhalt war, dürfte gegen die Letten, wenn es nicht zuletzt auf defensive Stabilität ankommen wird, auf der Ersatzbank sitzen. Denn aus Übersee ist auch für den Posten zwischen den Pfosten übers Wochenende prominente Unterstützung eingetroffen: Philipp Grubauer von den Washington Capitals wird, wenn nichts Unvorhersehbares im Training passiert, Sturms Vertrauen als Nummer eins für diese Alles-oder-nichts-Auseinandersetzung genießen. „Ich bin jederzeit bereit“, kündigte der 25 Jahre alte Rosenheimer an, der am Samstag schon auf der Bank saß – und Thomas Greiss verdrängte. Der Schlussmann, der wegen seiner im Internet geäußerten Zustimmung zu irritierenden Inhalten in die Kritik geraten ist stand „wegen einer Verletzung“, wie es offiziell hieß, gar nicht mehr im Kader. Die Wahrscheinlichkeit, dass für ihn in dieser Saison noch Spiele im deutschen Nationaltrikot hinzukommen, tendiert gegen null.

          Quelle: F.A.Z.

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