http://www.faz.net/-gtl-8xo5f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 10.05.2017, 19:03 Uhr

Eishockey-WM Erstmal Schluss mit rosarot

Die Niederlage gegen Russland tut doppelt weh. Das deutsche Eishockeyteam steht bei der WM vor einer Belastungsprobe. Zwei wichtige Spieler fehlen bei der Begegnung mit der Slowakei.

von , Köln
© EPA Bundestrainer Marco Sturm beim Spiel gegen Russland während der Eishockey-Wm

Das „ungute Gefühl“, von dem Marco Sturm sprach, hat sich über Nacht dann doch nicht verflüchtigt. Am Montagabend hatte sich der Bundestrainer noch mit dem bisweilen tröstlichen Hinweis aus der Arena verabschiedet, dass „morgen ja ein neuer Tag“ sei und „dann alles anders aussehen“ könne. Der Wunsch war dabei hauptsächlich Vater des Gedankens. Der aber unerfüllt blieb.

Marc Heinrich Folgen:

Auch am Dienstag sah die Eishockey-Welt der Nationalmannschaft nicht mehr ganz so rosarot aus wie nach der Auftaktüberraschung gegen die Vereinigten Staaten. Vielmehr ist die Weltmeisterschaft nun noch keine Woche alt, und Sturms Team muss die erste Belastungsprobe bestehen. Sie hat zwei Spiele nacheinander verloren – und was noch schwerer wiegt: Sie hat zwei wichtige Spieler verloren.

Eine Partie mit unangenehmen Folgen

Das 3:6 (0:3, 0:2, 3:1) gegen Russland war eine Partie, die unangenehme Folgen mit sich brachte, von denen sich erst zeigen muss, ob die Auswahl des Turnier-Gastgebers gefestigt genug ist, um sie ohne weiteres zu verkraften. Schon an diesem Mittwoch geht für sie der Wettstreit in Köln mit der Begegnung mit der Slowakei (20.15 Uhr/ Live bei Sport 1) weiter, und dann werden Patrick Hager und Tobias Rieder fehlen.

Die beiden gelten aufgrund ihres Könnens und mitreißenden Naturells eigentlich als unverzichtbar in Sturms Konzept, wie bei diesem Klassentreffen der internationalen Elite ein Ergebnis erzielt werden kann, das am Ende gewachsenen Ansprüchen gerecht wird. Der Kölner Angreifer Hager und der bei den Arizona Coyotes in der NHL unter Vertrag stehende Rieder gehören zu den stürmischen Führungskräften, die der Coach bei den vorhandenen persönlichen Möglichkeiten (und solange Leon Draisaitl in Nordamerika beschäftigt ist) nicht wirklich adäquat ersetzen kann.

Unerwartete Aggressivität

Für Hager war in dem Duell gegen die Sbornaja schon Mitte des ersten Drittels Schluss, nachdem er übermütig in einen Zweikampf mit dem russischen Kapitän Sergei Mosjakin gegangen war, ihn zu Fall brachte und dabei verletzte; Hager erhielt eine Matchstrafe und muss gegen die Slowaken, einen der ernsthaftesten Mitbewerber im Rennen um die Viertelfinal-Qualifikation, und in der Partie gegen Dänemark am Freitag gesperrt zuschauen.

Auf seine ruppige Attacke, die ihnen den Anführer genommen hatte, reagierten die Russen ihrerseits mit einer Aggressivität, die an die Grenzen des Erlaubten ging. Während des hektischer werdenden Geschehens erwischte es Rieder, dem es beim Versuch, Mitspieler Brooks Macek auszuweichen, den Schlittschuh verdrehte.

Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

Mehr erfahren

Er habe sofort „ein Knacksen“ verspürt, berichtete der 24-Jährige, der nur noch humpelnd zur Ersatzbank schleichen konnte – und umgehend mit dem Arzt in der Kabine verschwand; von dort aus ging es direkt weiter ins Krankenhaus.

„Es schaut nicht gut aus“, lautete Sturm erste Ferndiagnose, die sich wenige Stunden später bewahrheitete: Rieder erlitt einen Syndesmose-Riss im rechten Fuß – für ihn ist die WM beendet. Wieder einmal. Schon im vergangenen Jahr in Sankt Petersburg musste er wegen einer Knieblessur vorzeitig passen. Der Bundestrainer ließ am Dienstag offen, ob er den bisher nicht gemeldeten Mannheimer David Wolf nachnominiert oder weiter auf Verstärkung aus der National Hockey League spekuliert.

Mehr zum Thema

„Jede Niederlage tut weh“, sagte Sturm, und wer ihm in diesem Moment ins Gesicht schaute, in dem vom Lächeln keine Spur war, das sonst seine Lippen umspielt, konnte ahnen, wie sehr ihn diese in weiten Teilen unbefriedigende Vorstellung ärgerte. Vor allem mit Hager ging er hart ins Gericht. Während der Unterzahl, die sein Foul nach sich gezogen hatte, trafen die Russen zum 3:0 – damit war die Angelegenheit früh entschieden. „Ich weiß, dass es keine Absicht war“, sagte Sturm.

Aber: „Patrick muss sich besser benehmen. Er hat uns in Schwierigkeiten gebracht, und wenn er die Bilder sieht, muss er selbst sehen, dass es keine kluge Entscheidung war“, formulierte er seine Kritik unverblümt. Und er fügte an: „Einfacher wird es durch so etwas nicht.“

Übertriebene Härte und Missmut der Gegner

Schon zuvor hatten sich die Deutschen durch übertriebene Härte den Missmut der Gegner zugezogen; Matthias Plachta fiel unangenehm gegen den Amerikaner Johnny Gaudreau auf, Marcus Kink tat es ihm bei seinem Kontrollverlust gegen den Schweden Elias Lindholm gleich. „Das müssen wir abstellen“, sagte Sturm und verlangte mehr Disziplin bei der Verteidigung der eigenen Zone. „Uns passieren oft die gleichen Fehler, an vielen Gegentoren sind wir selbst schuld“, stellte er fest.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Seine Hoffnung, dass defensiv mehr Solidität gegen die Slowakei erkennbar sein wird, verband Sturm mit der Rückkehr des Kapitäns: Christian Ehrhoff gab gegen die Russen sein verspätetes WM-Debüt und hinterließ dabei nicht den Eindruck, übermäßig an den Folgen der Rückenschmerzen zu leiden, die ihn übers Wochenende noch zum Zuschauen gezwungen hatten. „Er ist sehr gut und für uns sehr wichtig“, betonte Sturm, der den Kölner an der Seite des Münchners Konrad Abeltshauser aufstellte.

Als reaktionsschnelles Duo zogen sich die beiden vor allem in numerischer Gleichzahl gegen den 27-maligen Weltmeister anständig aus der Affäre. Auch für Abeltshauser ist klar, dass ein Weg zum Erfolg unter anderem über das Fernbleiben von der Strafbank führt: „Jeder Einzelne bei uns hat eine Aufgabe übernommen, und wenn dann einer abgeht, tut es für die anderen mehr weh“, sagte der 24-Jährige, der kürzlich mit dem EHC München Meister und als „Verteidiger des Jahres“ gekürt wurde. Sein Ziel sei es, auch bei dieser WM „richtig was“ zu erreichen: „Nur nicht unterzugehen, reicht bei uns keinem.“ Es kommen – vorerst – vier wichtige Gelegenheiten in der Vorrunde, genau das zu zeigen.

Starke Frauen – reif für die Insel

Von Achim Dreis

Deutschlands Beachvolleyball-Spielerinnen sind außergewöhnlich erfolgreich. Doch Ärger über den zentralen Stützpunkt überschattet die ganze Saison. Viel ungeschickter kann ein Verband kaum agieren. Mehr 1 16

Zur Homepage