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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eishockey-WM Das Finale der Außenseiter

 ·  Russland gegen die Slowakei heißt das Überraschungs-Finale der 66. Eishockey Weltmeisterschaft.

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Russland gegen die Slowakei. Ein reicher Mann jetzt, wer vorher darauf gewettet hätte. Die 66. Eishockey-Weltmeisterschaft sieht ein Finale der Außenseiter.

Russland Außenseiter - das muss erklärt werden. Schließlich dominierte die „Sbornaja“ drei Jahrzehnte lang das Welt- Eishockey. Unschlagbar waren sie, die Herren in Rot mit den Buchstaben „CCCP“ auf der Brust. Erst seit 1954 nehmen sie an den Titelkämpfen teil und dürfen sich mit 22 Erfolgen längst Rekord-Weltmeister nennen.

Tiefpunkt vor zwei Jahren

Hätte die Weltgeschichte nicht einen anderen Weg eingeschlagen, wären es heute wahrscheinlich 25 Titel. Aber die Umwälzungen in der ehemaligen Sowjetunion betrafen auch den Kufensport. Den Aderlass an guten Spielern ins Ausland, speziell in die nordamerikansiche Eishockey-Liga NHL, hat das Land lange nicht verkraftet.

1993, kurz nach dem Fall des eisernen Vorhanges, gewann Russland in München den bislang letzten WM-Titel, die letzte Medaille sogar. Seither gelang der „Sbornaja“ wenig mit dem 11. Platz vor zwei Jahren ausgerechnet in St. Petersburg als Tiefpunkt.

Ein Team ohne Stars

Die jüngere Geschichte des russischen Eishockeys ist gezeichnet von Streitigkeiten innerhalb des Verbandes. Von Korruption und von Verstrickungen bis hinein in die Russen-Mafia. Ein Präsident, Vladimir Sytsch wurde auf offener Straße erschossen.

Vor diesem Hintergund erstaunt der Erfolg in Schweden. Mehr noch, als er fast gänzlich ohne NHL-Stars errungen wurde. Bei Olympia hatten sie noch das „Who is who“ ihrer Top-Leute aufgeboten. Aber aufgrund der schlechten Erfahrungen mit den Nordamerika-Exporten bei Weltmeisterschaften hieß der Auftrag an die trainierende Eishockey-Legende Boris Michailow (Acht Mal Weltmeister, zwei Mal Olympiasieger, erster der ewigen WM Scorerwertung), er möge ein Team aus den Kräften der einheimischen Liga formen.

Erst Pflichtsiege, dann Sensationen

Das Team ist in Schweden zwar mit zwei Pflichtsiegen gegen Polen und Österreich gestartet, hat dann aber von vier Spielen drei verloren. Erst im Viertelfinale gegen Titelverteidiger Tschechien hat sich die Mannschaft mit großem Einsatzwillen und Disziplin gefangen und die erste Sensation geschafft.

Diesem 3:1 folgte der dramatische 3:2 Sieg nach Penaltyschießen, der die tragischen Finnen einmal mehr kurz vor dem Ziel scheitern ließ. „Es ist hart, wenn die Mannschaft gewinnt, die nur darauf aus ist zu verteidigen“, lamentierte Suomi-Coach Hannu Aravirta.

Perfekte Defensive

„Es war für die Zuschauer vielleicht nicht so schön, aber wir wollen ja schließlich gewinnen“, analysierte Michailow. Und sein Kapitän, der ehemalige NHL-Crack Andrej Kowalenko, meinte, „wir müssen einfach in der Defensive perfekt sein“.

Wenn man mit einem Schussverhältnis von 12:40 ein WM-Spiel gewinnt, dann war das mehr als perfekt. Die Abwehr um den humorlosesten Verteidiger des Turniers, Alexander Wiudin (1,89 m; 110 Kilo) und den nicht immer stilsicheren, aber überragenden Torwart Maxim Sokolow ist das Geheimnis des russischen Erfolges.

Slowakei mit Olympia-Frust

Sie wird im Finale einer der talentiertesten Offensivabteilungen der Welt gegenüberstehen. Die Slowaken bieten mit Peter Bondra, Zigmund Palffy und Miroslav Satan drei Spieler auf, die in der vergangenen NHL-Saison knapp 40 Tore schossen, ebenfalls zu den WM- Topscorern gehören und die sich den Zorn der Olympia-Pleite in Schweden von der Seele spielen.

In Salt Lake City scheiterten sie auch deshalb in der Vorrunde an Deutschland, weil sie nur zeitweise und auf ihre NHL-Stars zurückgreifen konnten. Jetzt fehlen ihnen mit Marian Hossa (Ottawa) und Pavol Demitra (St. Louis) nur zwei Superstars. Der Rest ist aus Sicht von Nationatrainer Jan Filc, „gerade zu richtigen Zeit aus den Playoffs ausgeschieden und hat dem Team genau die richtigen Impulse gegeben.“

Plötzlich Favorit

Zweimal haben die Slowaken jetzt schon einen 0:2 Rückstand in einen Sieg umgebogen, weil so Kapitän Satan „wir nie den Glauben an uns verlieren.“ Zweimal in Spielen, in denen sie gegen Kanada und Schweden klar auf der Verliererstraße schienen.

Plötzlich müssen sie aber mit der Favoritenrolle gegen das junge russische Team klar kommen. Aber so wie die Slowaken im berauschenden Halbfinal-Spiel gegen Schweden auftraten, haben sich offenbar kein Problem mit ihrer neuen Rolle.

Welch ein Wandel: Als die Russen 1993 ihren 22. und letzten WM-Titel holten, war die Slowakei gerade mal seit vier Monaten ein eigenständiges Land. Viele werden sich heute an die Zeit zurückerinnern, als slowakische Stars wie der in Deutschland bestens bekannte Joschi Golonka oder die Statsny Brüder mit der CSSR legendäre Spiele gegen die Sowjetunion bestritten. Die alte Rivalität ist noch vorhanden, aber die Zeiten haben sich wahrlich geändert.

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