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Eishockey-Kommentar : Der Trend gegen den Trott

Wer auffallen will in der bunten Welt des Sports, braucht besondere Attraktionen Bild: dpa

Veranstalter, Verantwortliche und Vereine dürfen sich nach dem ersten Winter Game in der DEL auf die Schulter klopfen. Wer die bunte Eventkultur als Ausverkauf reiner sportlicher Ideale kritisiert, verkennt den Konkurrenzkampf auf dem Jahrmarkt der Attraktionen.

          Operation gelungen, Eishockey lebt. Veranstalter, Verantwortliche und Vereine dürfen sich nach dem ersten Winter Game in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) gegenseitig auf die Schulter klopfen. Das Wagnis, das sichere Terrain der Halle für einen Tag zu verlassen und mit viel Geld und Tamtam in ein Fußballstadion einzuziehen, endete als Erfolg. Mehr als am Samstag in Nürnberg scheint kaum möglich in einer Liga, die im Kampf um allgemeine Aufmerksamkeit neue Wege beschreitet. Fortsetzung folgt - hoffentlich.

          Es erscheint wie eine verkehrte Sportwelt, die sich in den vergangenen Tagen präsentierte: Fußballklubs gehen, bevor sie zu Trainingslagern in die Ferne aufbrechen, hinein in die Halle, um ein wenig vom früheren Budenzauber zu verbreiten. Zwei Eishockeyteams zieht es dagegen nach draußen ins Fußballstadion, um dem Ligatrott zu entfliehen.

          Die Richtungen sind grundverschieden, das Ziel ist das gleiche: Das Publikum, stets auf der Suche nach Sensationen, will unterhalten werden, mit spektakulären, wenn möglich ständig neuen Ideen. Subjekte der Begierde sind vor allem jene, die schon die heimische Fußball-WM 2006 zu einem Sommermärchen gemacht haben: Menschen, deren Lust an der Party die Leidenschaft für den Sport übersteigt.

          Kein Verband und keine Liga kann es sich mehr leisten, allein auf das sportliche Angebot zu setzen. Bei Fußballklubs, um ein Dortmunder Bonmot Jürgen Klopps zu verallgemeinern, muss der Hausmeister nur das Stadionlicht anknipsen, und die Zuschauer strömen sogleich herbei. Der Rest dagegen muss sich mühen, dahin zu kommen, wo die meisten Menschen sind - oder dorthin, wo der Fußball freie Zeit und freie Plätze hinterlässt: wie neulich in Schalke, wo die Biathleten wie seit Jahren gewohnt ihre Stadionrunden drehten.

          Das gab es noch nie: Eishockey vor 50.000 Zuschauern im Nürnberger Stadion Bilderstrecke
          Das gab es noch nie: Eishockey vor 50.000 Zuschauern im Nürnberger Stadion :

          Oder wie am Samstag in Nürnberg, wo Ice Tigers und Eisbären einen Freiluftrekord aufstellten. Oder wie zwischendrin am Olympiaberg in München, wo die Skirennfahrer einen Spezialslalom unter Flutlicht hinter sich brachten. Jeweils 50.000 Zuschauer in Schalke und Nürnberg sowie 17.000 an der Piste in München haben gezeigt, wie sich Massen bewegen lassen: mit Wettkampf, Rockmusik, Lichtshow.

          Wer diese bunte Eventkultur als Ausverkauf reiner sportlicher Ideale kritisiert, verkennt den Konkurrenzkampf auf dem Jahrmarkt der Attraktionen. So spürt die DEL den Atem der Handball-Liga und des Basketballs im Nacken und muss sich einiges einfallen lassen, um ihren Status als Deutschlands beliebteste Hallensportart zu sichern und weiter Fans, Sponsoren und Fernsehsender für sich zu gewinnen.

          DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke bezeichnete die Premiere des Winter Game als „verspäteten Silvesterknaller“ - allerdings ohne die Doppeldeutigkeit beabsichtigt zu haben: Ein Böller macht „puff“, die Menschen sind kurz hellauf begeistert - und kehren am übernächsten Morgen unbeeindruckt ins Alltagsleben zurück. Ein einzelner Kracher wie in Nürnberg droht im allgemeinen Feuerwerk der Ideen schnell unterzugehen.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.Z.

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