Home
http://www.faz.net/-gtl-nn5l
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 16. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Dumme weiße Männer

03.05.2003 ·  Die deutsche Trash-Kultur hat einen neuen Helden: Effenberg schreibt

Artikel Lesermeinungen (0)

Es war neulich, kurz vor acht an einem milden Frühlingsabend, als das deutsche Fernsehen all seine magischen Kräfte entfaltete und dem aufmerksamen Zapper einen Moment bescherte, den man gleichermaßen glücklich, schockierend und revolutionär nennen möchte.
Der Sender RTL 2 zeigte "Big Brother - The Battle", die neueste Staffel jener Serie, die mit jeder Folge noch ein bißchen zynischer und dümmer wird, und nach zehn Minuten war die Langeweile angesichts von ein paar jungen Menschen, die ihre Tage mit den immerselben Floskeln und Imponiergesten töten, weitaus stärker als die Empörung über jene, die das Ganze inszenieren - und als Gegengift bot sich in 3Sat die "Kulturzeit" an, das ambitionierteste unter den ambitionierten Magazinen. Hier ging es um Theater, Kunst und neue Filme, dort um überhaupt nichts. Die kulturellen Maßstäbe schienen intakt zu bleiben, wenngleich es beim Zappen, wie bei der Montage im Film, natürlich immer wieder zu interessanten Bedeutungsverschiebungen kam, welche dann beispielsweise suggerierten, daß, einerseits, eine Kunstausstellung womöglich in einem Container eröffnet werde; und daß, andererseits, das Gebrabbel auf RTL 2 vielleicht doch eine tiefere Bedeutung in sich berge.
Als aber im Big-Brother-Haus das Licht ausging, begann dort das Mädchen Khadra von seiner Kindheit in Somalia zu erzählen, gleichzeitig wurde im Kulturmagazin ein neues Buch besprochen; und während die Kritikerin in 3Sat mit gesuchten (und schnell gefundenen) Adjektiven das Buch erledigte, sprach Khadra davon, wie ihre Familie dem Bürgerkrieg entfloh und wie sie sich fühlte, wenn sie, die Halbwüchsige, dabei in Revolverläufe schauen mußte. Für diesen Moment, der sehr flüchtig war und natürlich alles andere als repräsentativ, waren die Floskeln bei der Hochkultur und die präziseren Begriffe und die tieferen Wahrheiten dort, wo man nichts als Wortmüll erwartet hatte - und dann waren beide Sendungen auch ganz schnell vorbei.
Es sind Momente wie dieser, die einen vor allzu schnellen Schlüssen, allzu großem Pessimismus retten, wenn man in diesen Tagen über unsere Hauptstraßen geht, wo große, schwarz-weiß-rote Plakate einen seltsam tätowierten Mann und eine Frau mit verbundenen Augen bei einer Art Vorspiel zeigen; Plakate, die mit Sprüchen wie "In der Liebe bin ich Egoist" oder "Ich bin mein eigenes Idol" für den größten Medien-Zynismus der Saison werben: Der ehemalige Fußballer Stefan Effenberg hat etwas getan, was man wohl, allen inneren Widerständen zum Trotz, "schreiben" nennen muß, ein ganzes Buch mit dem Titel "Ich hab's allen gezeigt", die "Bild"-Zeitung druckt vorab, die Konkurrenz zitiert - und schon nach unserer ersten Woche mit Effenbergs Prosa stellt sich die Frage, ob es tatsächlich, wann immer man glaubt, den absoluten Tiefpunkt gesehen zu haben, noch ein bißchen tiefer, schmutziger, gemeiner geht. Effenberg jedenfalls ist ganz weit unten - in den Vereinigten Staaten würde man Schauplatz und Personal seines Buchs als "White Trash" bezeichnen.
Er schreibt über Sex (mit der Frau eines ehemaligen Mannschaftskameraden), über Drogen und deren Folgen ("...mußte erst mal auf die Toilette und ordentlich über der Kloschüssel abhängen, um zu kotzen"), über Leute und was er von ihnen hält ("Verpisser") - und die einzige halbwegs angenehme Wirkung dieser Prosa ist die: Die jüngere Vergangenheit der deutschen Trash-Kultur erscheint auf einmal in einem milderen Licht. Wer Effenberg gelesen hat, der wird in Verona Feldbusch eine charmante Abgesandte des Bürgertums sehen. Dieter Bohlen, dessen Buch "Nichts als die Wahrheit" samt den dazugehörigen Auftritten des Autors auf der Frankfurter Buchmesse ja auch schon starke kulturpessimistische Affekte mobilisierte, liest sich heute, wenn man in dem Buch noch einmal blättert, wie ein Provokateur und Ironiker. Und der "Bild"- Kolumnist Franz Josef Wagner, der lange mit dem Vorwurf leben mußte, daß er das Niveau jedes Mediums, dessen Chefredakteur er war, noch einmal weit nach unten gedrückt habe, jener Franz Josef Wagner schickte, per "Bild", schon am Dienstag einen besorgten Brief ("furchtbares Wortgekicke") an den Autor Effenberg.
So scheint am absoluten Tiefpunkt angekommen zu sein, was schon sehr weit unten begann: eine Bewegung, die seit Jahren alle bildungsbürgerlichen Ängste mobilisiert und der man doch, wenn man sein Ressentiment unterdrücken konnte, emanzipatorische Effekte bescheinigen mußte. Man brauchte Verona Feldbusch nicht zu lieben, man brauchte sich nicht im Detail dafür zu interessieren, was junge Menschen in einem Container in der Kölner Vorstadt zu besprechen hatten, um wahrzunehmen, daß es sich hier auch um eine Befreiung handelte. Da strebten Menschen nach medialer Repräsentation, da wurde das Terrain der legitimen Kultur bedrängt von Vertretern einer Schicht, die bis dahin nur unter strengen Auflagen zugelassen waren - solange sie nämlich an den Fäden sozialkritischer Drehbuchautoren, wohlmeinender Dokumentaristen und unerschrockener Nachrichtenredakteure hingen. Jetzt sprachen diese Leute ohne Skript, und auch wenn das meiste, was man da zu hören bekam, vulgär und derb und nicht besonders elaboriert war: So steril wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen vor der Einführung privater Sender war es jedenfalls nicht.
Auch das Publikum, ohne dessen Zustimmung keine Zeitung und kein Sender eine Berühmtheit erfinden und erschaffen können, schien die befreiende Wirkung zu spüren, wenn es Prominenz an solche Leute verlieh, die nichts Besonderes waren, nichts Besonderes konnten und ihr kurzes Aufscheinen in den Schlagzeilen vielleicht bloß einem Skandal verdankten, einer Panne, einem Mißgeschick - wie jene hübsche und inzwischen fast vergessene Nachrichtensprecherin, die unbedingt nach Hollywood wollte und sich dabei aber so ungeschickt anstellte und schlecht beraten ließ, daß diese ganze Vergeblichkeit ihr für eine Weile viel Spott und auch ein wenig Mitgefühl sicherte.
An solchen Figuren demonstrierte das Publikum seine Macht, in solchen Geschichten stand ein Gleichheitszeichen zwischen denen, über die berichtet wurde, und denen, die das sahen oder lasen. Der Preis, den das Publikum für seine Emanzipation zahlen mußte, war allerdings, daß mit der Distanz zu denen, die man früher Stars nannte, auch der Raum verschwand, in dem einst die bunten, naiven und trotzdem tröstlichen Glücksversprechungen der populären Kultur sich entfalten konnten.
Stefan Effenbergs Prosa allerdings wirft nicht nur ästhetische, sondern vor allem auch moralische Fragen auf. Es gibt da eine Passage, die müßte man, um die Probleme wirklich deutlich zu machen, eigentlich wörtlich zitieren; und andererseits möchte man sie, noch während man die Sätze liest, am liebsten schon wieder vergessen haben. Es geht darin um einen bösen Morgen im Leben des Fußballers, um den Tag, an dem er in seiner Einfahrt einen Penner liegen sah, einen Mann, der in seinem eigenen Schmutz lag, mit blutverschmiertem Gesicht, einen Menschen, also, dem es an jenem Morgen offenbar sehr schlecht ging. Effenberg allerdings sieht weniger die Kreatur als seinen eigenen Ekel, den er ausführlich beschreibt, und das einzige, was ihm leid tut, sind die Sohlen seiner Schuhe, mit denen er den Mann berührt, um ihn aufzuwecken.
Offenbar wissen Effenberg und seine Ghostwriter nicht, was sie da tun - sonst hätte ihnen doch, was die Ästhetik der Szene angeht, auffallen müssen, daß die Begriffe, die armseligen Sätze und die Gossenwörter, mit denen hier hantiert wird, noch fürchterlicher stinken als der Mann, den sie beschreiben wollen: daß also ein durchschnittlich sensibler Leser sich eher vor Effenberg als vor dem armen Penner ekeln wird.
Was die Moral angeht, war wohl nichts anderes zu erwarten von diesem Mann - das Bestürzende an dieser Passage ist nicht bloß der Umstand, daß da einem Mannschaftsspieler solche Gefühle wie Mitleid und Erbarmen offenbar völlig unbekannt sind: Beunruhigend ist vor allem, daß der Mann sich traut, seine eigene Verkommenheit so lautstark zu bekennen. Wenn das die Emanzipation der unteren Schichten ist, dann wünscht man sich ganz dringend eine Elite zurück, welche über genügend Autorität verfügte, einen wie Effenberg, wenn schon nicht zur Scham, dann wenigstens zum Schweigen zu bringen.
In dieser Hinsicht ist Effenbergs Text jedenfalls mehr als bloß das Selbstzeugnis eines besonders unangenehmen Zeitgenossen: Dieter Bohlen forderte moralische Autoritäten noch heraus. Stefan Effenberg weiß überhaupt nichts mehr von deren Existenz. Und offenbar ist er nicht der einzige.
Man darf nicht traurig werden über der Lektüre und auch nicht pessimistisch. Man muß solche Typen bekämpfen. CLAUDIUS SEIDL

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.05.2003, Nr. 18 / Seite 27
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Letzte Chance für eine Chaotin

Von Michael Reinsch

Die Läuferin Lindenberg fürchtete öffentlich, Olympia zu verpassen, weil sie drei Dopingtests verpasst hatte - aus eigener Blödheit, wie sie sagte. Nun schweigt sie erleichtert. Mehr

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   21  32   46 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   21  35   44 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   21  22   43 Verbesserung zur Vorwoche
4.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   21  18   41 Verschlechterung zur Vorwoche
5.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   21  -1   33 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   21  0   31 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   21  -2   31 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   21  -11   27 Verbesserung zur Vorwoche
9.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   21  3   26 Verbesserung zur Vorwoche
10.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   21  -8   26 Verbesserung zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   21  -2   25 Verschlechterung zur Vorwoche
12.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   21  -12   24 Verschlechterung zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   21  -6   23 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   21  -12   22 Gleichheit zur Vorwoche
15.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   21  -11   20 Gleichheit zur Vorwoche
16.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   21  -11   18 Gleichheit zur Vorwoche
17.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   21  -14   18 Gleichheit zur Vorwoche
18.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   21  -20   17 Gleichheit zur Vorwoche