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IOC-Session in Lima : France first

Paris leuchtet bereits im Zeichen der Spiele. Bild: AFP

Die Stimmen-Jagd ist vorerst abgeblasen: Paris 2024, Los Angeles 2028 – erstmals werden nun zwei Spiele auf einmal vergeben. Und die IOC-Mitgliedschaft dürfte sich wie eine Katze fühlen, der Thomas Bach persönlich die Maus weggenommen hat.

          Witzig war es schon: Wenn die jeweiligen Präsidenten ans Podium traten, ihr Pokerface aufsetzten, umständlich den großen Umschlag öffneten und den Gastgeber kommender Olympischer Spiele bekanntgaben. Das Bild wurde in allen Nachrichten gezeigt. Aber das war einmal. Mit dem Titel „The End of the Envelope“ könnte man die aktuelle Folge der olympischen Endlos-Serie umschreiben, die an diesem Mittwoch in Lima fortgesetzt wird. Umschlag war gestern. Diesmal ist das Rennen schon entschieden, bevor es gestartet wurde: Ursprünglich hatten sich beide Kandidaten für 2024 beworben, doch Paris bekommt nun die Olympischen Spiele 2024, und Los Angeles folgt vier Jahre später.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          France first also. So wurde es schon von der außerordentlichen Vollversammlung im Juli in Lausanne eingefädelt, den Rest haben die beiden Anwärter zusammen mit dem IOC im Stillen zusammengeschnürt. Klar: Ein Blockbuster ist die 131. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nun leider nicht mehr. Die Mitglieder dürfen das Ganze nur noch abnicken. Nägelkauende Bewerber am Tag der Entscheidung sind ebenso Vergangenheit wie die Partys danach und die angeblich spontanen Freudenversammlungen an zentralen Plätzen der Siegerstädte. Dass die Delegationen von Paris 2024 und Los Angeles 2028 sich trotzdem noch ein bisschen vor der knappen Hundertschaft der IOC-Mitglieder spreizen und sich hinterher wie Sieger feiern werden, ist nur noch Nostalgie.

          Thomas Bach
          Thomas Bach : Bild: AFP

          Der Chef persönlich hat dem ganzen Procedere die Luft rausgelassen. Thomas Bach hat angesichts zweier hochkarätiger Kandidaten unter Dehnung der Olympischen Charta durchgesetzt, dass in diesem Jahr erstmals in der Geschichte zwei Spiele auf einmal vergeben werden. Die nächste Sommer-Entscheidung fällt erst wieder 2025 für die Spiele 2032. Die Zukunft ist also über Bachs Amtszeit hinaus gesichert – angesichts des schwindenden Interesses potentieller Bewerber war das überlebenswichtig für das IOC. Außerdem musste Bach dringend einen der schädlichsten Schwachpunkte des Systems abschneiden: den Stimmenhandel, die große Verlockung der selbsternannten Funktionärselite. Regelmäßig holen das IOC die Machenschaften seiner hochgeehrten Mitglieder ein. Zurzeit belasten vor allem die staatsanwaltlichen Untersuchungen gegen Carlos Nuzman das Image, eine der zentralen Figuren der Spiele 2016 in Rio de Janeiro, zwölf Jahre lang IOC-Mitglied, jetzt Ehrenmitglied und Träger des Olympischen Ordens für besondere Verdienste.Die französischen und brasilianischen Behörden werfen ihm vor, den Kauf afrikanischer Stimmen für Rio 2016 angebahnt zu haben.In Lima erklärte die Exekutive des IOC, seine brasilianischen Anwälte würden sich mit den dortigen Behörden in Verbindung setzen. „Wo es Beweise gibt, werden wir handeln.“

          Dass solch ein Prozess auch einmal ohne staatsanwaltschaftliche Hilfe angestoßen wurde, ist lange her: Vor 18 Jahren beim Skandal um die Vergabe der Winterspiele 2002 in Salt Lake City half das IOC sich selbst. Nicht sehr effektiv, wie man sieht. So wird nicht nur Rio belastet. Auch Tokio 2020 wird von französischen Staatsanwälten mit dem Kauf des afrikanischen Blocks in Zusammenhang gebracht. Und noch ein pikanter Vorwurf: Nuzman soll im Rahmen der Bewerbung um die Winterspiele 2014 für Sotschi gestimmt haben – zum Preis von einem russischen Pass, den die brasilianische Polizei jetzt beschlagnahmte.

          Die Stimmen-Jagd ist also vorerst abgeblasen. Und die Kandidatenphase für die Winterspiele 2026 – die Zeit, in der IOC-Mitglieder umworben werden – wurde auf ein Jahr verkürzt. Solche Maßnahmen seien aber nicht der Grund, warum er mit Olympiabewerbungen abgeschlossen habe, sagte Mike Lee, der sich geradezu den Ruf eines Bewerbungs-Gurus erworben hat, in Lima. Lee hat London zum Gewinn der Spiele 2012 begleitet, Qatar zum Gewinn der Fußball-WM 2022 – und Rio warf 2009 in Kopenhagen mit seiner Hilfe die Mitbewerber um die Spiele 2016 aus dem Rennen. Chicago musste damals frühzeitig einpacken, obwohl eigens der damalige amerikanische Präsident Barack Obama nach Kopenhagen gereist war. Nur, um Opfer von Korruption zu werden? Wenn das stimmt, worauf die Ermittlungen hinweisen: Was für eine Blamage für das IOC! Auch Paris 2024 hatte sich die Dienste von Mike Lees Agentur Vero gesichert, in Lima genießt der Brite mit dem Rundhaarschnitt auch diesen Triumph, nimmt aber gleichzeitig Abschied von den Ringen. Es sei eine persönliche Entscheidung. „Es ist nicht das schlechteste, mit einer Goldmedaille aufzuhören“, sagte er. Alle Bewerbungen, die er betreut habe, betont Lee, seien „ethisch“ abgelaufen. Also auch Rio 2016? „Es ist nichts bewiesen“, sagte er. „Die Ermittlungen laufen noch.“

          Anstatt Mitglieder zu umgarnen, setzten sich die drei Parteien – die beiden nach mehreren Rückziehern übrig gebliebenen Bewerber und das IOC – an den Verhandlungstisch, und alle legten ihre Karten auf den Tisch: Paris lag in den Prognosen vorne. Los Angeles punktete mit der Tatsache, dass Verträge mit mehreren amerikanischen IOC-Großsponsoren ausliefen. Paris wollte gerne zum 100. Jubiläum der Spiele 1924 wieder zum Zuge kommen. Los Angeles war unter Umständen bereit auszuweichen. Es sollte sein Schaden nicht sein: Der Veranstaltungszuschuss des IOC steigt für die Kalifornier auf zwei Milliarden Dollar. Paris bekommt 1,7 Milliarden. Dazu darf Los Angeles einen höheren Anteil an einem möglichen Gewinn behalten. 160 Millionen werden umgehend überwiesen – für die Sportförderung der Jugend. So sind alle zufrieden. Die beiden Bürgermeister Anne Hidalgo und Eric Garcetti heben die Daumen. Nur die IOC-Mitgliedschaft dürfte sich insgeheim ein bisschen fühlen wie die Katze, der Thomas Bach persönlich die Maus weggenommen hat.

          Quelle: F.A.Z.

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