27.08.2005 · Für Armstrong steht seine Unschuld fest. In Frankreich dagegen scheint man gegen seine Vorwürfe gewappnet. Dopingfahnder Jacques de Ceaurriz hat noch nicht alle Karten aufgedeckt. Die Proben bieten auch die Möglichkeit zweifelsfreier DNA-Analysen.
Von Jürgen Kalwa, New YorkLance Armstrong hat schon viele Fernsehinterviews hinter sich. Jene gleich nach einer Etappe der Tour de France auf dem Weg zur Siegerehrung wirkten meistens so, als sei der Held des Radsports nicht daran interessiert, der Welt Auskunft über seine innere Befindlichkeit zu geben. Alles, was die Kameras einfingen, war Körperspannung pur. Gepanzerter Ehrgeiz auf zwei Beinen.
In amerikanischen Talkshows gibt sich der 33 Jahre alte Armstrong gewöhnlich sehr viel aufgeschlossener. Da sieht man dann einen intelligenten Gesprächspartner, dessen Gehirn womöglich genausogut funktioniert wie Herz und Lungen. In seinen Antworten zeigt sich, daß er die Fragen ernst nimmt. Und er wirkt wie ein Mensch, der zwar keinen Humor hat, aber den Rummel um die eigene Person ganz amüsant findet.
Verfolgte Unschuld gegen einen Peloton
Jenen Lance Armstrong, der am Donnerstag abend im CNN-Studio in New York antrat, um sich abermals gegen die in der französischen Sportzeitung "L'Equipe" erhobenen Dopingvorwürfe zur Wehr zu setzen, hatte man in den Vereinigten Staaten allerdings noch nie gesehen. Er saß mit erhobenem Kopf nach vorne Richtung Kamera gebeugt, die Arme auf den Tisch gestützt, und gab Vorgekautes zum besten. Der Grundton des Tages, für den nur jemand Verständnis hat, der genau das tut, wofür der Texaner neuerdings ständig plädiert, nämlich daß man sich in seine Lage versetzen möge, lautete: Hier hat ein Athlet seit Jahren ein einsames Rennen gefahren - verfolgte Unschuld gegen einen Peloton aus Leuten, die ihm nur Schlechtes gönnen.
Die Übung brachte wenig zutage. Sie ergab nur soviel: Der siebenmalige Tour-de-France-Sieger hat sich noch nicht entschieden, ob er überhaupt in der Angelegenheit gerichtliche Schritte einleiten will. Nachdem er in den vergangenen Jahren acht Zivilklagen in drei Ländern angestrengt hat, die allesamt noch anhängig sind, sucht er nach einem preiswerteren Weg, seine Reputation zu verteidigen: die Plattform eines Fernsehsenders mit internationaler Reichweite zum Beispiel. "Ich nehme diese Anschuldigungen leichter als die anderen", sagte er. Seine Begründung: "Ich bin vom aktiven Sport zurückgetreten. Ich fahre nicht mehr Rad. Ich muß nicht zurück nach Frankreich." Ganz abgesehen davon: "Wenn man jemanden verklagt, gibt ihm das mehr Bedeutung, als er verdient."
Argumentation überzeugt nicht
Die Argumentation wirkte nicht überzeugend, zumal seine Behauptung, in seiner Karriere keinerlei Dopingmittel genommen zu haben, unterstellt, daß die sechs Proben betreffenden Laborbefunde des offiziellen Anti-Doping-Labors im Pariser Vorort Chatenay-Malabry manipuliert worden sind. "Ich habe 1999 während der Tour de France siebzehn Urinproben abgegeben. Was ist mit den anderen elf?"
Die Antwort auf diese Frage wird voraussichtlich demnächst die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) beschäftigen. Sie wurde nach Angaben von Jacques de Ceaurriz, dem Leiter des Labors, über die Untersuchungsergebnisse informiert. Gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" gab der französische Dopingfahnder zu erkennen, daß die veröffentlichten Proben nur ein Teil der angehäuften Informationen seien. "Es gibt auch positive Proben aus dem Jahr 1998", sagte de Ceaurriz. "Von 1999 haben wir etwa 80 Proben untersucht, davon waren zwölf positiv. Von 1998 wurden rund 70 Proben untersucht, davon waren 40 positiv. Das bedeutet nicht, daß 40 verschiedene Fahrer gedopt waren. Es kann auch nur einen kleinen Teil des Fahrerfeldes betreffen."
Wissenschaftliche Substanz der Resultate
Wada-Chef Richard Pound hat die Unterlagen persönlich noch nicht gesehen. Aber er unterstrich am Donnerstag, daß ihn die Kritik an etwaigen Verfahrensfehlern, wie sie von Armstrong moniert werden, weit weniger interessiert als die wissenschaftliche Substanz der Resultate. Die Befunde müsse man "sehr viel ernster nehmen" als die Dopinggerüchte um den Texaner aus der Vergangenheit. "Wenn es eines gäbe", meinte der Kanadier bezogen auf die Zahl der Armstrong zugeschriebenen positiven Resultate, "könnte man sagen, das ist eine Anomalie. Aber wenn man bis zu sechs hat, dann muß es dafür eine Erklärung geben." Bei dem Datenmaterial, das der Wada zugestellt wurde, befanden sich nach Angaben von Pound keinerlei Hinweise auf die Identität der Radfahrer. Welchen Wert die Befunde haben, wird als nächstes Olivier Rabin, der wissenschaftliche Wada-Direktor, beurteilen.
Für Armstrong gibt es derweil keinen Zweifel, zumal er sich eine eigene Version der Geschichte zusammengekocht hat. "Ein Typ in einem Pariser Labor öffnet deine Probe, also Jean Francois Soundso. Und er testet sie. Es ist niemand da, der ihn beobachtet. Es werden keine Vorschriften beachtet. Und dann bekommst du einen Anruf von einer Zeitung, die sagt: ,Wir haben herausgefunden, daß Sie sechsmal mit Epo gedopt waren.' Seit wann herrschen Zeitungen über den Sport?"
In Frankreich scheint man gegen solche Vorwürfe gewappnet. Dopingfahnder Jacques de Ceaurriz hat ohnehin noch nicht alle Karten aufgedeckt. Die Proben böten auch die Möglichkeit zweifelsfreier DNA-Analysen.
Lance Armstrong Superstar
Frank Bach (Spindel)
- 27.08.2005, 20:51 Uhr