12.04.2006 · Die frühere Leichtathletin Ines Geipel hat beantragt, aus der deutschen Rekordliste gestrichen zu werden, in der sie seit 1984 über 4x100 Meter geführt wird. Ein Interview mit der Schriftstellerin zur festgefahrenen Diskussion über Rekorde aus der Doping-Zeit.
Die Schriftstellerin Ines Geipel hat im Sommer vergangenen Jahres beim Deutschen Leichtathletik Verband (DLV) beantragt, aus der deutschen Rekordliste gestrichen zu werden, in der sie seit 1984 unter ihrem damaligen Name Ines Schmidt mit der Staffel des SC Motor Jena (mit Bärbel Wöckel, Ingrid Auerswald und Marlies Göhr) und der Bestzeit von 42,20 Sekunden über 4x100 Meter geführt wird. Am vergangenen Wochenende hat der DLV über den Umgang mit Bestmarken aus der Zeit des Anabolikadopings diskutiert - nur wenige Rekordhalter nahmen daran teil.
Gerade mal vier der 47 Inhaber von deutschen Rekorden sind der Einladung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gefolgt, über umstrittene Bestmarken aus der Zeit des Hochdopings zu diskutieren. Ist der Versuch, erkennbare Doping-Rekorde zu streichen, schon gescheitert?
Gescheitert nicht, aber das Thema braucht ganz offensichtlich eine andere Seriosität. Es muß weiter nachgedacht werden. Wenn so viele Rekordhalter das Gespräch verweigern, dann ist das auch ein Strategiespiel. Drei ließen sogar Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel einen harschen Brief schicken . . .
. . . Marita Koch, Silke Möller und Frank Emmelmann, wie man lesen konnte.
Nach wie vor muß ein klarer Bruch zur verdreckten Geschichte der Steroid-Zeit und zum Zwangsdoping der DDR angezeigt werden. Aber wenn nicht einmal der Leichtathletikverband als Arbeitgeber Mitarbeiter zu so einem Gespräch motivieren kann, worauf sollen wir dann kommen?
Sie sprechen von Bärbel Wöckel, die mit Ihnen in der DDR-Rekordstaffel gelaufen ist und nun im Verband für die Jugendarbeit verantwortlich ist.
Ich werde keine einzelnen Sportlerinnen oder Sportler benennen. Aber man fragt sich schon, warum der Verband ehemalige Athleten in einer solchen Position nicht an ihre Verantwortung erinnert.
42 ehemalige Athleten, die nicht gekommen sind, haben mit dem DLV nichts mehr zu tun, und die Leistungen, die ihren Ruhm begründen, liegen in der Vergangenheit. Ist es nicht verständlich, daß sich jemand an das vielleicht Größte klammert, das er in seinem Leben erreicht hat?
Wir können ewig darüber diskutieren, ob einem in bezug auf die eigene Vergangenheit etwas verständlich ist. Doch diese Rekorde, um die es geht, sind Rekorde der Gegenwart. Es liegen unendlich viele Akten und vor allem solche aus Strafprozessen auf dem Tisch. Wenn die deutlich machen, daß knapp vierzig der noch gültigen Rekorde in einem Zwangs-Dopingsystem entstanden sind, haben wir ein Problem, nämlich das des Maßstabs und der Negierung von Urteilen, die vom Bundesgerichtshof anerkannt worden sind.
Würden Sie dem Verband raten, sie nun zu streichen?
Mein Vorschlag war immer, unbedingt das Gespräch zu suchen. Die Athleten sollen die Möglichkeit haben, auch unter Zuhilfenahme ebendieser Akten, sich von diesem Stück vergifteter Sportgeschichte zu emanzipieren und damit ja endlich auch zu befreien. Offensichtlich haben es die ehemaligen Topathleten damit besonders schwer. Das ist vor allem traurig. So geben sie sich ja praktisch lebenslänglich.
Verlangen sie damit nicht das Eingeständnis des Dopings?
Es braucht keine Selbstbezichtigungen mehr. Die ganze Chose liegt längst aktenkundig auf dem Tisch. Niemandem ist es je so leicht gemacht worden, sich von den Abhängigkeiten eines Systems zu distanzieren wie den DDR-Sportstars. Aber wo ist heute ihre Kameradschaft: Im Sport redet man ja immerzu davon - mit denen, die massiv geschädigt wurden? Wo ist ihre Kameradschaft mit den jetzt startenden Athleten, die nie eine reelle Chance haben werden, einen Rekord aufzustellen? Mittlerweile ist auch dem Leichtathletikverband klar, wie komplex und symbolisch die Geschichte mit den Rekorden ist. Er kann die Sache nun runterhandeln und eine Doppelliste - alte und neue Rekorde - als großen Lösungsversuch präsentieren oder sich grundsätzlich verhalten. Der Verband spricht von Ballast abwerfen und Schlußstrich. Aber geht es nicht um eine historische Hypothek und Verantwortung für die Zukunft? Im Mai kommt es zur Gründung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Wir brauchen eine Regelung für die vergifteten Rekorde, auch im Schwimmen und Eisschnellauf. Wir brauchen eine endlich glaubhafte Klärung der Stasi-Vergangenheit in allen Verbänden. Wir brauchen ein Konzept für die Opfer, auch bezogen auf die zweite Generation, und wir brauchen ein Dokumentationszentrum zum Sport der beiden deutschen Diktaturen. Vor allem aber: Wenn der DOSB tatsächlich etwas sein will, eine Identität beansprucht, dann doch nur mit einem Sport ohne Doping. Dazu gibt es im glaubhaften Moment keinen Willen, sondern immer nur dieselben Lügen oder Lippenbekenntnisse.
Sind das nicht zwei verschiedene Seiten einer Medaille?
Es gibt nur einen Sport. Wenn Deutschland einen Effizienzsport will, muß es auch bereit sein, den Preis dafür zu zahlen. Es kann nicht sein, daß bei dreißig Milliarden Euro Jahresumsatz weltweit im Sport ein halbes Prozent davon in Aufklärung und Antidoping gehen. Das ist ein eklatantes Mißverhältnis, das zu korrigieren Verbände und Politik gerade in diesem Land in der Pflicht sind.
Ganz konkret: Wenn Marita Koch auf ihren Fabel-Weltrekord über 400 Meter verzichten würde, was hätten Dopingopfer davon, und wäre etwas gewonnen, wenn dann Grit Breuer die Rekordliste anführte?
Wenn in dieser Gesellschaft ein Klima für Aufklärung, für Hinschauen, für historische Wahrheit herrschen würde, gäbe es nicht so ein flächendeckendes Verleugnen, wäre es diesen Athleten weniger leicht gestattet, derart zu mauern. Der Sport muß sich entscheiden: entweder seine weitere Erosion oder einen Sport, der in der Lage ist, mehr als nur den Sieg zu sehen. Das alte Modell hat in Ost wie West viele, einfach zu viele Opfer gekostet. Und heute? Der Sport hat ein heftiges Nierenproblem! Von 10 Milliarden Euro Umsatz mit dem Medikament Erythropoetin (Epo) fallen 1,6 Milliarden an Kranke, der Rest auf den Sport, wo Epo mißbraucht wird. Zahlen, die sich nicht einfach nur aussitzen lassen.
Kann man eine Zeit definieren, von der an neue Rekorde gelten?
Nein. Ein Rekord ist etwas Absolutes. Im Moment haben wir keine Ideallösung. Dem DLV kommt jetzt eine wichtige Pilotfunktion zu, national wie international. In der Welt hat man seine Arbeit sehr genau im Blick und braucht dafür auch alle erdenkliche Hilfe. Die kleine Lösung der Doppelliste bringt uns im Grunde nicht weiter und ist außerdem ungerecht gegenüber den Athleten, die immer sauber waren.
Was werden Sie tun?
Mittlerweile ist ein Dreivierteljahr seit meinem Antrag vergangen. Obwohl ich einerseits immer für Vermittlung bin, möchte ich andererseits auch nicht mißverstanden werden. Also werde ich nun einen Anwalt beauftragen, mittels Unterlassungsverfügung meinen Namen aus der Rekordliste zu löschen. Das ist mein Recht. Doping im DDR-Sport war vorsätzliche Körperverletzung, es war kriminell. Im Berliner Doping-Prozeß habe ich als Nebenklägerin dazu ausgesagt. Behalte ich diesen Rekord, bin ich für immer an diese Kriminalität gebunden und auch beteiligt. Das kann man nicht allen Ernstes von mir verlangen.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 21 | 32 | 46 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 21 | 22 | 43 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 21 | -1 | 33 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 21 | 0 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
Hamburger SV | 21 | -8 | 26 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 21 | -2 | 25 | ![]() |
| 12. | ![]() |
1. FC Köln | 21 | -12 | 24 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 21 | -6 | 23 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 21 | -12 | 22 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 21 | -11 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 21 | -11 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 21 | -14 | 18 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |