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Doping Petzen ist nützlich

09.10.2006 ·  Die Dopingbranche gedeiht dort, wo positive Proben ihr Treiben nicht stören, als gefährlicher Geheimbund durch mafiose Diskretion, die in seltensten Glücksfällen durchbrochen wird: Ab und zu plaudert einer aus der Apotheke. FAZ.NET-Spezial.

Von Hans-Joachim Waldbröl
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Wer war's? Was in den Krimis, die angeblich das Leben schreibt, als Standardfrage nach dem gesuchten Täter für Spannung sorgt, wandelt sich in den Enthüllungsgeschichten des Leistungssports mehr und mehr zur verärgerten Nachfrage der Betrüger, wer sie verpetzt hat. Denn die Dopingbranche gedeiht dort, wo positive Proben ihr Treiben noch nicht stören, als gefährlicher Geheimbund durch mafiose Diskretion, die in seltensten Glücksfällen durchbrochen wird: Ab und zu plaudert einer aus der Apotheke. Und dann - nur dann - kann die saubere Seite des Sports auftragsgemäß handeln. Wie weit sie vor Gericht damit kommt, ist leider noch eine andere Sache.

Dank sei den „Denunzianten“ - vor allem denen, die gar keine sind, weil sie aus den Offenbarungen keinen eigenen Vorteil zu ziehen gedenken. Diesen Edelmut darf man bis auf weiteres auch jenem Hamburger Mediziner zubilligen, den die Anonymität vorläufig noch schützt. Er hat aus der Praxis seines früheren Chefs dokumentiert und veröffentlicht, mithin sachdienliche Hinweise zur Ergreifung eines vermutlichen Täters geliefert. Ein peinliches Paradox, daß er sich damit ins Unrecht gesetzt hat, indem er die Ärztekammer erst nachher informiert hat. Vorher hätte er es tun müssen, jedenfalls nach Standesordnung. Doch wer weiß, was dann aus dem Fall geworden wäre. Unter den Tisch gekehrt?

Nicht alle Beweggründe haben moralische Qualität

Zufälle, von denen die Sportrechtler und Zivilrichter profitierten können, sind eine Rarität. Welches junge Mädchen, dem rasch Rach- oder Eifersucht unterstellt wird, erzählt schon den Eltern, dem Verein oder Verband, daß es vom Trainer Pillen zum sofortigen Verzehr verordnet bekommen hat? Die Sprinterin Anne-Kathrin Elbe legte, sicher auch gegen innere und äußere Widerstände, Beweise auf den Tisch, die ihren früheren Trainer Thomas Springstein vor Gericht brachten und zu seiner Verurteilung wegen Minderjährigen-Dopings führten. Hier, bei der jungen Athletin, war ganz sicher Mut vonnöten. Den jungen Arzt könnte auch noch etwas anderes als pure Zivilcourage motiviert haben, um vermuteten Sportbetrug anzuprangern. Denn, so heißt es, der Anonymus habe inzwischen eine eigene Praxis eröffnet und biete dort, in wirtschaftlicher Konkurrenz zum Beschuldigten, ebenfalls Leistungsdiagnostik an.

Ganz gewiß haben nicht alle Beweggründe moralische Qualität. Denn nichts lag dem zunächst nur als „hochrangigen Leichtathletiktrainer“ erwähnten und erst später als Trevor Graham benannten Dunkelmann ferner, als der guten Sache zu dienen. Er schickte jene Spritze, die vor gut drei Jahren zur Enttarnung des bis dahin nicht bekannten und deshalb auch nicht analysierbaren Tetrahydrogestrinon diente, an die amerikanische Anti-Doping-Agentur. Dadurch konnten zahlreiche Athleten, unter ihnen der entehrte Europameister über 100 Meter, Dwain Chambers, des Dopings überführt werden.

Ehrlichkeit durch die „Kronzeugenregelung“?

Die reine Absicht, schmutzige Praktiken aufzuklären, hatte Graham nicht: Ihm lag in allererster Linie daran, die sportlichen Gegner zu schwächen. Daß er so dämlich wäre, damit nach und nach auch eigene Schützlinge wie den ehemaligen 100-Meter-Weltrekordläufer Montgomery oder Olympiasieger und Doppelweltmeister Gatlin ans Messer zu liefern, hätte niemand gedacht.

Die Einzelfälle mehren sich, aber sie sind keine prägenden Merkmale eines funktionierenden Anti-Doping-Systems. Selbst die schon lange diskutierte „Kronzeugenregelung“, die Täter oder Mittäter zu ausgesprochener Ehrlichkeit animieren soll, verspricht keinen aufklärenden Effekt. Die Dopingbekämpfer bleiben vorerst auf bemerkenswerte Ausnahmen angewiesen - und müssen sich sogar über dubiose Figuren wie einen Trevor Graham freuen. Leider.

Quelle: F.A.Z., 09.10.2006, Nr. 234 / Seite 31
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