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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Doping „In Amerika gibt es Nandrolon aus dem Regal“

 ·  Der neueste amerikanische Dopingskandal und die Folgen: Doping-Experte Werner Franke ist alarmiert vom Mißbrauch von Viehmast-Präparaten. Auch in Deutschland gibt es erste Opfer.

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Werner Franke hat den größten deutschen Dopingfall aufgeklärt: die systematische Manipulation im DDR-Sport, darunter die ahnungsloser Kinder. Am Deutschen Institut für Krebsforschung ist der 63 Jahre alte Professor der Molekularbiologie Leiter der Abteilung für Zellbiologie sowie Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates. Seit vier Jahren ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zellbiologie.

Sie sprechen regelmäßig zum Thema Doping mit Beamten der Food and Drug Administration in Amerika...

Dort herrscht ein politischer Krieg: Bestimmte chemische Verbindungen, die anabole Wirkung haben, werden behandelt, als hätten sie keine Wirkung. Sie werden Prohormone genannt, was insofern Quatsch ist, als sie durchaus wirken können. Sie unterliegen aber nicht dem Anabolic Steroid Act, einem Gesetz, sondern gelten als Supplements, was wir Nahrungsergänzungsmittel nennen. Dafür gibt es einen Riesenmarkt, insbesondere in der Body-Building- und Fitneß-Szene. Entsprechend groß ist ihre Lobby. So kommt es, daß Sie Nandrolon dort aus dem Regal kaufen können.

Fällt Tetrahydrogestrinon, das als THG gerade Schlagzeilen macht, unter diese Schutzdefinition; ist es rezeptfrei?

Nein. Es ist der Natur nach hormonell aktiv und, wie viele der Medikamente, die aus Mexiko in großen Mengen in die USA geschmuggelt werden, dort illegal. Es ist selbstverständlich nicht zugelassen. Das einzige für den Einsatz beim Menschen zugelassene Gestrinon-Präparat ist das der Firma Roussel, die heute zu Novartis gehört. Dieses G in THG ist ein potentes Steroid, das bei Endometriose, Wucherungen in der Gebärmutter, eingesetzt wird.

Ist eine solche Manipulation neu?

Ich habe hier eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Jahr 2000. In der Einleitung heißt es wörtlich, Gestrinon sei ein potentielles Doping-Steroid, obwohl es von den beim IOC akkreditierten Kontroll-Labors bisher nicht nachgewiesen wurde. Seine chemische Struktur sei ähnlich Trenbolon. Spätestens damals hätte man sich darauf einstellen müssen, daß es jemand auch strukturell verändert und zum Doping benutzt.

Was ist Trenbolon?

Das ist eine Verbindung, die sich nur gering von Gestrinon unterscheidet. Es ist eines der ältesten anabolen Steroide und seit den siebziger Jahren in der Viehmast im Einsatz, in den USA übrigens legal. Auf deutsch und englisch gibt es hier ein ausführliches Schrifttum über die Erfahrung von Bodybuildern mit dieser Substanz. Gestrinon und Trenbolon sind die Ausgangsverbindungen für THG.

Was ist die neue Qualität dieses Mittels?

Jemand muß sich gesagt haben, wenn Gestrinon so gut zu gebrauchen ist und wenn Trenbolon eine so große Tradition in amerikanischen Stieren hat, warum machen wir nicht etwas, das bei Kontrollen mit dem Massenspektrometer nicht an der Stelle erscheint, an der die bekannten Substanzen erscheinen? In einem Suchverfahren, bei dem man nur auf bestimmte Fragmente und Punkte schaut, rutscht so etwas durch.

...nur auf bestimmte Punkte schaut?

Man hat nicht offen gesucht; nicht immer mal wieder geschaut, ob irgendwo Spitzen erscheinen, die man nicht kennt. Also anders als in der Forschung, wo wir uns ja ganz besonders für die Dinge interessieren, die wir nicht kennen.

Arbeiten Doping-Kontroll-Labors mit Scheuklappen?

Die Labors haben Verfahrensprotokolle, denen sie folgen müssen, auch aus Rechtsgründen. Aber sie sollten auch Kontrollen vornehmen, um solchen Manipulationen auf die Spur zu kommen.

Nun suchen die Labors ausschließlich nach dem Nachweis von THG. Machen sie damit nicht wieder denselben Fehler?

Natürlich muß man sich jetzt sagen: Wenn uns das eine schon durch die Lappen gegangen ist, muß man öfter nach unbekannten Verbindungen suchen. Die Labors müssen sich darauf einstellen, daß solche Substanzen gezielt modifiziert werden. Ich bin sicher, sie werden das von nun an auch tun.

Vermuten Sie, daß es weitere, noch unbekannte Verbindungen gibt?

Ja. Weniger wegen der Verschleierung der Erkennungsmöglichkeit, sondern wegen der Nachweismöglichkeit. Bei Verbindungen, die schnell aus dem Körper verschwinden, muß man nur wissen, wann man sie absetzen muß. Und wann die Kontrolleure kommen. Das ist heute wieder besser absehbar als vor zehn Jahren. Mir hat man gesagt, daß in letzter Zeit in manchen Trainingslagern gar nicht kontrolliert worden ist.

Substanzen werden also planmäßig zum Doping und zum Unterlaufen von Nachweismöglichkeiten entwickelt? Sie fallen nicht als Nebenprodukte der medizinischen Forschung an?

Das ist alles schon einmal dagewesen. In der DDR hat die Akademie der Wissenschaft STS 646 nur für das Doping entwickelt.

Glauben Sie, daß deutsches Know-how in den Entwicklungen steckt?

Ich weiß nur, daß die Mutterverbindungen, die Trenbolon-Präparate Parabolan und Finaject, sowie das Gestrinon aus Europa stammen. Die Food and Drug Administration hat übrigens beobachtet, daß aus Kügelchen, wie sie in Rinderohren injiziert werden, Trenbolon extrahiert und zum Doping eingesetzt wird.

Müssen wir so etwas auch in Deutschland annehmen?

Der Mißbrauch von Veterinär-Steroidpräparaten ist alarmierend. Ich bin vor kurzem von einem Heilbronner Arzt um Rat angerufen worden, der einen jungen Kraftsportler mit entsprechenden Anabolika-Herzschäden als Patienten hatte: Er hatte gleichzeitig drei Veterinär-Steroide eingenommen. Und gestern abend (Montag) aus Schwäbisch Hall: auch dort ein Krankheitsfall mit Herzschaden und grausam schlechten Leberwerten.

Die Fragen stellte Michael Reinsch.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.2003, Nr. 246 / Seite 31
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