31.05.2006 · Bluttransfusionen können Leben retten - als Dopingmittel im Sport bergen sie tödliche Risiken. Die Radsportbranche reagiert vorzugsweise mit eisigem Schweigen auf die Affäre um den spanischen Mediziner Fuentes. Doch Sportlerbeichten, vorzugsweise in Autobiographien, untermauern schlimmste Vermutungen.
Von Ralf MeutgensDer ehemalige Radprofi Jesus Manzano ist in der Branche zutiefst verhaßt, weil er ein Stück Wahrheit ans Licht brachte. In einem Interview mit der spanischen Zeitung "As" berichtete er von Dopingpraktiken in seinem Team Kelme. Er schilderte die Folgen einer Bluttransfusion, die er 2003 nach einem Zusammenbruch bei der Tour de France erhalten haben will. "Nach 125 Millilitern begann ich mich plötzlich sehr schlecht zu fühlen. Ich fühlte mich so kalt, als ob ich am Nordpol bin und nicht in Valencia im Juli. Wenn sie mir den ganzen halben Liter gegeben hätten, läge ich jetzt in einer Holzkiste."
Vor wenigen Tagen erklärte er, daß ihm in einem Labor in Madrid Blut abgenommen worden sei. "Ich kenne die Doktoren Fuentes und Merino gut." Diese beiden waren in der vergangenen Woche von der spanischen Polizei verhaftet worden. In ihren Räumen waren 200 Blutkonserven, mutmaßlich von Leistungssportlern, gefunden worden. Der dringende Verdacht: Blutdoping, und damit nach spanischem Recht Angriff auf die öffentliche Gesundheit. In Deutschland wäre eine solche Polizeiaktion undenkbar. Blutdoping verstößt nicht gegen geltendes Recht. Es wurde bei der Novellierung des Arzneimittelgesetzes offenbar vergessen.
Tödliche Risiken
Die Methode, die in der klinischen Praxis Leben retten kann, birgt im Halbdunkel der betrügerischen Sportszene tödliche Risiken (Siehe auch: "Es sind Riesenmengen im Umlauf"). Als Dopingtechnik erlebt sie eine Renaissance - lange Zeit galt sie als überholt. Der finnische Langläufer Lasse Viren gilt seit seinen Olympiasiegen 1972 als Pionier der Bluttransfusionen im Sport. Er begann damit, sich die künstliche Vermehrung von roten Blutkörperchen, den Erythrozyten, zunutze zu machen. Diese sind maßgeblich für den Sauerstofftransport und damit für die Leistungsfähigkeit verantwortlich. Man schätzt die Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit durch Bluttransfusionen auf bis zu fünf Prozent. Bei einer Tour de France über 3.500 Kilometer würde der Vorsprung gegenüber einem nicht gedopten Teilnehmer rechnerisch 175 Kilometer betragen. Die Leistungsdichte der Radprofis läßt Rückschlüsse zu. Regelmäßige Sportlerbeichten, vorzugsweise in Autobiographien, untermauern schlimmste Vermutungen.
Blutdoping ist kein Problem des Radsports allein. Die Ausdauersportler des Österreichischen Skiverbandes hatten ihren Blutdopingskandal bei den Olympischen Winterspielen in Turin (Siehe auch: Olympia-Kommentar: Verdorbene Ware) Der finnische Skisport stand am Abgrund, als bei der WM 2001 im eigenen Land sechs Teilnehmern die Einnahme des Blutplasma-Expanders HES nachgewiesen worden war. Er wurde zur Verschleierung von Epo-Doping eingesetzt, und man war der Meinung, ein Nachweis im finnischen Labor sei zu dieser Zeit noch nicht möglich. Der deutsche Leichtathlet Damian Kalabis experimentierte 1998 bei seinem EM-Sieg mit dem (damals noch nicht verbotenen) HES. Doch in keiner anderen Sportart dürfte heute Doping allgemein und Blutdoping speziell derart exzessiv betrieben werden wie im Radsport. Der hält mit einer Serie von bislang 13 unerklärlichen Todesfällen junger Athleten in drei Jahren einen tragischen Rekord (Siehe auch: Doping im Radsport: Heile Welt in Magenta).
Schlimmste Vermutungen
Wie es geht, ist kein Geheimnis. Aus zuvor entnommenem Blut werden die Erythrozyten herausgefiltert und bei zwei bis acht Grad Celsius gelagert. Die Tiefkühltechnik, die Blutkonserven über Jahre haltbar machen kann, ist eine apparativ und verfahrenstechnisch sehr aufwendige Methode und wird in der Medizin nur in speziellen Zentren angewandt. Vor der Blutabnahme ließ man die Sportler früher ein Höhentrainingslager absolvieren, bei dem sie mit einer verstärkten Produktion von roten Blutkörperchen auf die dünne Luft reagieren. Das nach dem erhöhten Trainingsreiz gewonnene Blut konnte je nach Anforderung wieder infundiert werden (Siehe auch: Dopingskandal: Jan Ullrich dementiert Verbindung zu Fuentes).
Als das Nierenmedikament Erythropoietin (Epo) auf dem Markt auftauchte, kam Blutdoping durch Transfusionen zunächst aus der Mode. Das Hormon, das die Produktion der Erythrozyten ankurbelt, erwies sich schon wegen seiner ständigen Verfügbarkeit als praktikabler. Das teurere und aufwendigere Höhentraining und die Transfusion konnten entfallen. Über zehn Jahre wurde Epo im Sport mißbraucht, weil es nicht nachweisbar war. Doch seit es einen validierten Epo-Test gibt, ist das Blutdoping wieder das Dopingmittel der Wahl.
Epo-Kur im Trainingslager
Epo ist deshalb aber nicht aus dem Rennen - im Gegenteil, man kann die Methoden kombinieren. Heute wird durch Epo getuntes Blut zum Wettkampf retransfundiert und steigert so zeitgenau die Leistung. Dadurch, daß Epo heute fein dosiert appliziert wird und bereits einmal verstoffwechselt wurde, ist es nach der abermaligen Zuführung im Blut nicht mehr nachweisbar. Die Epo-Kur, die notwendig ist, damit das später zu entnehmende Blut die gewünschte Konsistenz erhält, wird vorzugsweise in weit entfernten Trainingslagern oder in Regenerationszeiten unternommen. So wird das Risiko einer Trainingskontrolle minimiert.
Von einem besonders abenteuerlichen Einsatz der Eigenbluttransfusionen berichtete die französische Zeitung "L'Equipe" unter Berufung auf ein Interview mit dem amerikanischen Teamarzt Prentice Steffen. Danach erfolgt die Transfusion durch den Mannschaftsarzt während einer Rundfahrt morgens nach dem Passieren der Dopingkontrolle. So weisen die Sportler beim Dopingtest einen normalen Hämatokritwert auf. Wäre dieser Wert, der die Viskosität des Bluts angibt, zu hoch, würde der Fahrer aus Gründen des Gesundheitsschutzes aus dem Rennen genommen. Nach der Transfusion könnten die Fahrer von den Kontrolleuren unbemerkt den Tag über mit hoher Sauerstoffkapazität fahren. Am Abend würden sie "aus Sicherheitsgründen" wieder punktiert.
Bluttransfusionen können mit Fremd- oder Eigenblut durchgeführt werden. Beide Varianten, die in der Medizin segensreiche Wirkung haben, sind oder waren im Sport populär. Blutersatzstoffe, auch aus der Veterinärmedizin, wurden im Radsport mißbräuchlich eingesetzt, sind heute in aller Regel nachweisbar. Vor einem dieser Präparate haben Radprofis einander in der Vergangenheit sogar per Handzettel gewarnt, nachdem es zu lebensgefährlichen Zwischenfällen gekommen war.
Leistungssteigerung durch Fremdblut
Mittlerweile gelingt auch der Nachweis von Fremdblutdoping. Der Vorteil dabei war, daß derjenige, dessen Blut zuvor mit Epo manipuliert worden war, kein Leistungssportler sein mußte. Somit fiel er auch nicht unter das Kontrollreglement und mußte keinen überraschenden Dopingtest fürchten. Gefährlich waren das erhöhte Infektionsrisiko mit HIV-, Hepatitis- oder Kreutzfeldt-Jakob-Erregern und die Möglichkeit eines allergischen Schocks auf körperfremdes Eiweiß. Der kann auch bei einer Blutgruppengleichheit, selbst von einem Verwandten ersten Grades, auftreten (Siehe auch: Prominente Doping-Fälle im Radsport).
Im Radsport wurde mehrmals Fremdblutdoping nachgewiesen - etwa dem Amerikaner Tyler Hamilton bei der Spanien-Rundfahrt 2004. Und es gibt Aussagen zur Praxis, Verwandte als Blutspender einzusetzen. Daneben bestehen die Gefahren, die unvermindert auch für das Eigenblutdoping gelten. Allein die unsachgemäße (zu warme) Lagerung könne sich nach Meinung des Homburger Sport- und Transfusionsmediziners Stefan Mörsdorf fatal auswirken. Bei zwei bis acht Grad Celsius, der im Krankenhaus üblichen Lagertemperatur, seien die roten Blutkörperchen maximal 35 bis 49 Tage haltbar. "Je älter die Blutkonserve, desto größer wird die Gefahr, daß sich in ihr kleinste Gerinnsel bilden, die nach der Transfusion die Blutgefäße des Empfängers verstopfen können."
Erhöhte Neigung zu Thrombosen
Ein weiteres Risiko ist die Verdickung des Blutes im Körper des Athleten durch Transfusionen und die erhöhte Neigung zu Thrombosen. Wenn damit extreme körperliche Belastungen und ein hoher Flüssigkeitsverlust einhergehen, sind die Gefahren nicht mehr abzuschätzen. Es soll in der Hektik des Geschehens aber auch schon zu Verwechslungen von Blutkonserven gekommen sein, so daß ungewollt Fremdblutdoping praktiziert wurde.
Eigenblutdoping kann durch die derzeitige Analytik nicht nachgewiesen werden, weil die zugeführten Erythrozyten mit den im Empfängerblut vorhandenen identisch sind. Es dürfte allerdings möglich sein, anhand der in Madrid beschlagnahmten Blutbeutel die Besitzer des kostbaren Safts festzustellen. Ein Vergleich der genetischen Fingerabdrücke wäre eine Möglichkeit. Die andere wäre der Zugriff auf das Blutarchiv des Internationalen Radsport-Verbandes, für das sich dessen Funktionäre so gern loben lassen. Eine allzu aufwendige Aktion auf der Basis einer dünnen Gesetzeslage? Immerhin könnte die Justiz auf diese Weise ein internationales Menschenlabor ausheben. Wenn auch nur vorübergehend: Ein Gespenst namens Gendoping bereitet sich schon auf seinen Start vor.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 20 | 31 | 43 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 20 | 33 | 41 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 20 | 21 | 41 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 20 | 19 | 40 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 20 | -1 | 32 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 20 | 1 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 20 | -2 | 30 | ![]() |
| 8. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 20 | -2 | 24 | ![]() |
| 9. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 10. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 20 | -12 | 24 | ![]() |
| 11. | ![]() |
VfB Stuttgart | 20 | -2 | 23 | ![]() |
| 12. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 20 | -6 | 22 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 20 | -6 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 20 | -9 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 20 | -19 | 17 | ![]() |