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Doping Der Unfall

13.08.2004 ·  Dem Gastgeber droht vor der Eröffnung der Spiele ein spektakulärer Skandal. Olympiasieger Kostas Kenteris und die Olympia-Zweite Ekaterini Thanou haben Dopingproben verweigert und waren danach in einen Motorradunfall verwickelt.

Von Hans-Joachim Waldbröl, Athen
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Ohne Helm, im ärmellosen Hemd und mit kurzen Hosen über die Athener Hauptstraßen zu brausen, daraus machen sich viele junge Leute auf schweren Maschinen mit aufheulenden Motoren einen Sport: Motorradfahren sieht furchtbar gefährlich aus in Griechenland.

Ältere Menschen sorgen sich ernstlich um die Gesundheit ihrer rasenden Töchter und Söhne - wie man nun wieder erlebt hat, nicht ganz ohne Grund. Der 31jährige Konstantinos Kenteris und seine zwei Jahre jüngere Beifahrerin Ekaterini Thanou sollen am späteren Donnerstag abend auf der Rückfahrt von einer Stippvisite bei ihrem Trainer Christos Tsekos im südlichen Athener Stadtteil Glyfada ausgerutscht und umgefallen sein.

Ein Sturz als Glücksfall?

Ist der protokollierte Motorradsturz ein Glücksfall für den Olympiasieger von Sydney über 200 Meter und die Olympiazweite von 2000 über 100 Meter? Oder ausgesprochenes Pech für den Dopingkontrolleur vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC)? Zwei Fragen, zumindest eine Antwort: Die beiden aussichtsreichsten Leichtathleten der griechischen Olympiamannschaft haben sich nur leicht verletzt, so das offizielle Bulletin des KAT-Hospitals. Schnitte und Abschürfungen an Armen und Beinen. Leider trage "Kostas" Kenteris nun eine hinderliche Halskrause, und auch seine Sozia fühle sich so schlapp und benommen, daß beide im Krankenhaus bleiben müßten, heißt es.

Eine heiße Geschichte, dieser berichtete Unfall und die verbreitete Diagnose. Denn geborgen in der Fürsorge des medizinischen Personals und gefesselt ans Krankenbett, ist es dem unglücklichen Pärchen natürlich gestern nicht möglich gewesen, vor der Disziplinarkommission des IOC auszusagen, die vom deutschen Vizepräsidenten Thomas Bach geleitet wird. Das Gremium war noch zu nächtlicher Stunde von IOC-Präsident Jacques Rogge an die Arbeit gerufen worden, um möglichst schnell die entscheidende Frage zu beantworten: Dopingvergehen oder nicht?

Verdächtige Trainervita

Ein überraschende Alternative nur für denjenigen, der weder den aktuellen Vorfall noch die längere Vorgeschichte der Vereinskameraden und Arbeitskollegen "Kostas" Kenteris und Ekaterini Thanou sowie die Trainervita von Christos Tsekos kennt. Letzterer, der lange in den Vereinigten Staaten gelebt hat und inzwischen sein Geld als Importeur von Nahrungsergänzungsmitteln verdient, gehörte schon zum griechischen Kleinteam, das 1997 beim Hallensportfest in Dortmund einen Kontrolleur in die Ecke gedrückt und auf schnellstem Wege entkommen war. Damals schon mit dabei: Ekaterini Thanou und Charis Papadias; jener 100-Meter-Läufer, der im vergangenen Jahr bei den griechischen Meisterschaften über Lautsprecher zur Dopingkontrolle gerufen wurde und sich taub stellte. Jedenfalls erschien er nicht.

Aber erst mal zurück zu diesem Donnerstag und angefangen um 18.15 Uhr. Da erschien der erwähnte Dopingkontrolleur beim Chef de mission der griechischen Mannschaft, Yiannis Papadoyiannakis, weil er Kenteris und Thanou nicht auf ihren Zimmern im Olympischen Dorf angetroffen habe. Also hinterließ der Dopingkontrolleur zwei Benachrichtigungen für einen sofortigen Test. Dem Manne konnte nämlich auch vom olympischen Teamleiter der griechischen Leichtathleten, Iannis Stamatopoulos, nicht geholfen werden. Dieser erzählte seinem Chef de mission, die beiden Gesuchten hätten das Olympische Dorf verlassen, "um einige persönliche Sachen zu besorgen".

Notorisch dopingverdächtig

Stamatopoulos will das notorisch dopingverdächtige Duo benachrichtigt haben; zwei Sprinter, die sich während der letzten Jahre durch diverse Ausflüge nach Katar, auf die Kanaren oder nach Südafrika, wo sie ausgerechnet als Griechen "Sonne und Hitze" suchten, einen gewissen Trainingseffekt im Umgehen von Kontrollen erarbeitet haben. "Sie sagten, sie würden zurückkommen, und baten um eine Verschiebung um einige Stunden. Dann seien sie wieder im Olympischen Dorf und könnten sich den Dopingtests unterziehen." Dazu kam es aber nicht mehr, so die höchstpersönliche Auskunft des IOC-Präsidenten am Tag danach.

Von der vorerst verschobenen Anhörung der beiden Patienten und der Interpretation durch die vergeblich wartende Untersuchungskommission hängt nicht nur die nähere sportliche Zukunft von "Kostas" Kenteris und Ekaterini Thanou ab, sondern auch die Stimmungslage im griechischen Team. Denn die Verweigerung einer Probe wird nach Artikel 2 des am 1. Januar in Kraft getretenen Welt-Anti-Doping-Codes als Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen gewertet. Definiert ist die Streitsache so: "Die Weigerung oder das Unterlassen ohne zwingenden Grund, sich einer angekündigten Probenahme zu entziehen, die gemäß anwendbaren Anti-Doping-Bestimmungen zulässig ist, oder ein anderweitiger Versuch, sich der Probenahme zu entziehen."

„Hoffentlich knickt man nicht ein“

Nun können die Verdächtigen zwar sagen, sie hätten die Nachricht ja nicht rechtzeitig bekommen. Doch dieser Version widerspricht der deutsche olympische Chefarzt in Athen, Professor Wilfried Kindermann. Er berichtete gestern morgen, die beiden Athleten seien am Vortag noch im Dorf angesprochen und erst dann vermißt gemeldet worden. "Wenn es so ist, wie ich gehört habe, dann ist es eine verweigerte Dopingkontrolle und somit ein Verstoß. Ich hoffe, daß man aufgrund der Prominenz der Athleten nicht einknickt." Im internationalen Code, der von allen an Olympia interessierten Athleten anerkannt worden ist, steht nämlich auch: Die Sportler müssen ihren Aufenthaltsort zu jeder Zeit bekanntmachen und stets erreichbar sein, für Hausbesuche oder Telefonanrufe der Fahnder im Dienste der Sauberkeit.

In dieser Sache hat Istvan Gyulai, Generalsekretär des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), ebenfalls Interessantes zu berichten: Erst vor einer Woche seien Kenteris und Thanou in Chicago zu einem IAAF-Test gebeten worden. Dazu sei es jedoch nicht gekommen, weil das reiselustige Pärchen, das übrigens nur sportlich miteinander verbunden ist, plötzlich abreisen mußte. Einen Tag früher als geplant.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2004 / Nr. 188
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