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Doping Austausch von Körperflüssigkeiten

30.10.2004 ·  Die Dopingfälle im Sport haben drastisch zugenommen. Dabei haben Sportler ihre eigenen Tricks, Tests zu umgehen. Mit krimineller Energie und ruhiger Hand manipulieren sie ihre Urinproben.

Von Evi Simeoni
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Es muß die Hölle gewesen sein. Aber eine Hölle, in die viele Sportler den ungarischen Diskuswerfer Robert Fazekas heute noch wünschen. Fast viereinhalb Stunden brachte der Mann nach seinem vermeintlichen Olympiasieg in Athen beim Dopingtest zu. Es ist nicht überliefert, wieviel Flüssigkeit er in der Zeit zwischen dem 23. August 2004 um 22 Uhr 15 und dem 24. August um 2 Uhr 41 getrunken hat, aber es dürften mehrere Liter gewesen sein. Und doch schaffte er es, einzuhalten und den versammelten Experten eine ausreichende Menge seines Urins zu verweigern.

Später regte sich sein Anhang auf, ihr armer Schützling habe stundenlang nackt, unter psychischem Druck, im Kontrollzimmer ausharren müssen, in aggressiver Atmosphäre habe er eine psychische Blockade gespürt, später hieß es, als tiefreligiöser Mensch habe er in Gegenwart anderer Personen kein Wasser lassen können. Die empörten ungarischen Funktionäre bezeichneten die Umstände der Kontrolle als "unmenschlich".

Das Ganze klingt wie ein Fall für "Amnesty International". Aber in Wirklichkeit war in jener entnervenden olympischen Nacht von Athen allen Beteiligten klar, daß der unter Druck geratene Fazekas kein Opfer war. Alle wußten, daß Leute wie er daran schuld sind, daß solch entwürdigenden Prozeduren im Leistungssport überhaupt nötig sind. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die Kontrolleure des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in jener Nacht durch aufmerksames Beobachten verhindern konnten, daß Fazekas eine sorgfältig vorbereitete Betrugsvorrichtung in Gang setzte. Offenbar hatte er vor, aus einem an seinen Genitalien befestigten Plastiksack Urin von einer anderen Person abzugeben, was den Schluß zuläßt, daß in seiner eigenen Körperflüssigkeit Rückstände von Dopingmitteln zu finden gewesen wären.

Die gute Nachricht: Fazekas war seine Goldmedaille schnell wieder los. Doch die Erleichterung darüber ist unter Athleten und Trainern nicht besonders groß. Was, fragen sie, kann man daraus schließen, daß ein Spitzenathlet wie Fazekas es wagte, sogar bei den Olympischen Spielen den Betrug mit seiner Gerätschaft zu versuchen? Wie oft hat es schon geklappt? Und wieviele Doper mit krimineller Energie und ruhiger Hand kommen regelmäßig mit so etwas durch?

Anabole Steroide weiter populär

Zwei Schlüsse, da sind sich die Experten einig, drängen sich nach den - in nie gekannter Rigidität vorgenommenen - Kontrollen in Athen auf. Erstens: Die altbewährten anabolen Steroide sind immer noch das Dopingmittel der Wahl. Selbst Kenner zeigten sich in Athen schockiert von in verblüffend kurzer Zeit aufgepumpten Körpern, von unglaublichen Leistungssprüngen bei manchen Sportlern - besonders in der Leichtathletik und natürlich im Gewichtheben. Bei acht von zwölf positiven Dopingtests in Athen - nicht gerechnet die Vorkontrollen der Gewichtheber - wurden Anabolika gefunden, darunter dreimal das beliebte Ben-Johnson-Präparat Stanozolol und zweimal das durch Katrin Krabbe bekanntgewordene Clenbuterol. Es handelte sich um vier Fälle aus der Leichathletik, drei aus dem Gewichtheben, einen aus dem Ringen.

Zweitens: Die Manipulation von Dopingproben - sprich: Der Versuch, den Urin eines Dritten als den eigenen auszugeben - feiert eine Renaissance. Fazekas war in Athen nicht der einzige Fall, wobei in Ungarn offenbar besonders viele betrügerische Tüftler zugange sind: Die beiden in Athen abgegebenen Urinproben des mittlerweile disqualifizierten Hammerwurf-Olympiasiegers Adrian Annus etwa stammten von zwei verschiedenen Personen.

Der Versuch zweier IOC-Kontrolleure, ihn in seinem ungarischen Wohnort Jak um eine weitere Probe zu bitten, scheiterte an einem wutentbrannten Mob. Zu einem weiteren Termin an der österreichischen Grenze erschien der Sportler nicht. Auch der ungarische Gewichtheber Zoltan Kovacs verweigerte in Athen vier Stunden lang erfolgreich die Urinabgabe und wurde bestraft. Der griechische Gewichtheber Leonidas Sampanis wiederum wurde nach dem Wettkampf positiv auf Testosteron getestet, wohingegen die Eingangskontrolle sechs Tage vor dem Wettkampf ein negatives Resultat ergeben hatte. Er berief sich unter anderem darauf, wie unvernünftig es doch wäre, kurz vor dem Wettkampf noch das längerfristig wirksame Testosteron einzunehmen.

Mit diesen verordneten Vorkontrollen wollte der Internationale Gewichtheberverband im übrigen beweisen, daß nur saubere Athleten bei Olympia an die Hantel gehen. Beobachter berichten jedoch, daß manch ein Stemmer oder eine Stemmerin direkt von der Toilette zur Dopingkontrolle gegangen sei. Was hinter der zugehaltenen Tür im gekachelten Intimbereich passierte, kann nur vermutet werden - die Techniken gehen bis zum - bei Männern ziemlich schmerzhaften - Infiltrieren des Fremdurins durch einen selbst gesetzten Katheter.

Obwohl Frauen es auf dem Gebiet der physischen Manipulation leichter haben, wurde kurz vor den Spielen der türkischen Leichtathletin Sureyya Ayhan, Europameisterin über 1500 Meter, vorgeworfen, sie habe fremden Urin abgegeben, worauf sie freiwillig auf ihren Olympiastart verzichtete. Schon 1992 stellten Dopingfahnder fest, daß die damalige Trainingsgruppe des neuerlich in Verruf geratenen Neubrandenburger Leichtathletiktrainers Thomas Springstein - Katrin Krabbe, Grit Breuer und Silke Möller - eine Art Einheitsurin abgeliefert hatte. Vor den Weltmeisterschaften der Gewichtheber 2003 wurde drei bulgarischen Athleten nachgewiesen, daß sie identischen Urin abgegeben hatten - ihr Pech war ein Herzmedikament in allen drei Proben.

Mit Schläuchen und Ballons

"Wir dachten eigentlich, die früher übliche Praxis, Urinproben zu manipulieren, sei weitgehend passe", sagt Professor Klaus Müller, der Leiter des IOC-akkreditierten Anti-Doping-Labors in Kreischa. "Doch offenbar wird es nun wieder versucht." Die Gründe sind im Erfolg der Anti-Doping-Programme zu suchen. Die Nachweisbarkeit anaboler Steroide reicht zeitlich immer weiter zurück, zudem können immer mehr Substanzen nachgewiesen werden. "Die Analysen werden besser, die Informationen, wo die Athleten sich aufhalten, werden besser", sagt Rune Andersen, Direktor der zuständigen Abteilung bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA). "Da gerät mancher Athlet in Panik und sieht als letzten Ausweg nur die physische Manipulation." Klaus Müller ergänzt: "Schuld daran mag auch eine gewisse Nonchalance bei der Probenentnahme sein."

Tatsächlich hindert immer wieder das Schamgefühl die passend zum Probanden männlichen und weiblichen Kontrolleure daran, bei der Urinabgabe genau hinzusehen. Trotzdem appelliert die WADA regelmäßig an ihre Kontrolleure in aller Welt, genau das zu tun. In einem Rundbrief wurden Modelle von Manupulationsgeräten vorgestellt, die der WADA von Mitgliedern zugeschickt worden waren. Auf diese Weise kam ein wahres Kuriositätenkabinett zusammen. Am beliebtesten scheinen an hautfarbene Schläuche angeschlossene Gummiballons zu sein, die in den Körperöffnungen versteckt werden - bei Männern im After, bei Frauen in der Scheide - und die mit Hilfe eines Ventils im entscheidenden Augenblick geöffnet werden. Andersen verfügt aber auch über ein besonders luxuriöses Set: Eine ziemlich echt aussehende Penis-Attrappe, die mit Hilfe eines Gürtels getragen wird, der wiederum einen Urintank verbirgt. Instant-Urin von bester Qualität wird im übrigen mitgeliefert, auch eine kleine Heizung, mit der die Flüssigkeit auf Körpertemperatur gebracht wird, alles frei Haus über das Internet.

Zu zahme Kontrolleure

Auch Fälle von uringefüllten Kondomen, die im Bedarfsfall mit einem Nädelchen angestochen werden, sind in einschlägigen Kreisen bekannt. Am wirksamsten aber ist die nahezu spurlose Variante. "Schwierig zu kontrollieren ist das Katheterisieren", sagt Rune Andersen, dessen Organisation während der Olympischen Spiele zwar nicht für das Anti-Doping-System zuständig war, aber eine unabhängige Beobachtergruppe nach Athen entsandte und unter anderem das weltweite Trainingskontrollsystem organisiert.

"Wir predigen den Kontrolleuren, die Athleten nicht vorzuwarnen", sagt Andersen zum Thema Katheter, "ein Athlet kann das schließlich nicht dauernd bereithalten. Doch leider wird häufig vorgewarnt." Insgesamt, gibt Andersen zu, bestehe bei den Kontrollen noch viel Raum für Verbesserungen. Mängel im Ablauf der Kontrollen, wochenlange Ankündigungen vor Tests in der Trainingsphase, nachlässiger Umgang mit der Pflicht der Athleten, ihren Aufenthaltsort anzugeben, und unterschiedliche Kontrolldichte in den einzelnen Ländern werden immer wieder von Nationen beklagt, die sich ernsthaft dem Anti-Doping-Kampf verschrieben haben. "Wir müssen die Qualität der Kontrolleure verbessern", sagt Andersen. "Wenn man dort Amateure hat, nützt das beste Analysesystem nichts."

Eine mögliche Lösung des Problems böte die komplette Umstellung der Dopinganalytik auf Blutproben, wie sie bereits zum Nachweis des Blutdopingmittels Epo benötigt werden. "Blutproben würden die Absicherung bedeuten, daß man authentische Proben bekommt", sagt Doping-Analytiker Müller. Allerdings sei gerade bei anabolen Steroiden die Nachweismethodik auf Urinproben abgestellt. Zudem seien die Blutmengen, die man entnehmen könne, geringer als die Urinmengen. Eine weitere Möglichkeit, die Abgabe von Fremdurin zu überprüfen, wäre der DNA-Test. Doch diesen hält Müller für zu teuer. "Das wäre mit Kanonen nach Spatzen geschossen."

Auch die Entnahme von zwei Urinproben im Abstand von einer halben bis zwei Stunden hält er für unzumutbar für die "Gutwilligen". Es sei davon auszugehen, daß es sich bei den Manipulierern um Einzelfälle handele. Müller baut darauf, daß für eine Manipulation der Urinproben die kriminelle Energie der Athleten zu hoch sein müsse. "Das ist so unangenehm, daß sich viele Probanden davor scheuen würden." Allerdings fordert diese Einschätzung eine Gegenfrage heraus: Was sind das dann für Männer und Frauen, die in gewissen Sportarten oben auf den Siegerpodesten stehen? Verdienen sie es noch, daß man sie feiert? Und müssen ihre Nationen nicht großes Glück haben, wenn ihre Hymne nicht gespielt wird für einen Menschen, der zu allem bereit ist für eine olympische Medaille, sogar dazu, seine eigene Menschenwürde zu verletzen?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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