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Die Schiedsrichter-Gerichtsshow: Fußball, Lügen und Video

 ·  Jürgen Jansen verteidigt sich gegen unbekannte Vorwürfe und versucht Dinge sichtbar zu machen, die nicht sichtbar zu machen sind

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PASSAU. Jürgen Jansen hat 142 Bundesligaspiele gepfiffen, er ist Schiedsrichter durch und durch, soviel darf man ihm glauben. Die Pressekonferenz, die der Essener Unparteiische am Freitag in Passau nutzen wollte, um die Öffentlichkeit von seiner Unschuld im Wettskandal zu überzeugen, war straff organisiert. Er habe zwar keine Roten Karten dabei, ließ er die Fotografen wissen, aber wer nach den ersten beiden Minuten noch Bilder schieße, müsse den Saal verlassen, die Sache solle "gesittet" über die Bühne gehen, er bitte "einfach um Fairplay". Es war fast wie bei einem Fußballspiel, eine Stunde lang, mit drei Minuten Nachspielzeit. Jansen war mit seinem Anwalt erschienen, in Jeans, Sakko, mit Krawatte, und er war gut vorbereitet. Zunächst, sagte er, "und schreiben Sie das", bitte er um "Fairplay" seinen Kindern gegenüber, sie seien "Jagdszenen" ausgesetzt, könnten nicht mehr zur Schule gehen, würden von Paparazzi verfolgt. "Laßt sie in Ruhe", sagte er, "es geht nur um mich."

Doch worum geht es? Jansens Problem: Weil sein Anwalt bislang keine Einsicht in die Akten der Berliner Staatsanwaltschaft bekommen hat, bleibt die Frage vage, gegen welche Vorwürfe er sich eigentlich wehren soll. Es ist bislang nicht von Geldübergaben die Rede, von Verbindungen zum betrügerischen Kollegen Hoyzer, von Kontakten zu illegalen Wettkreisen; was im Raum steht, sind zwei Partien, die Jansen geleitet hat und bei denen - von wem auch immer - Unregelmäßigkeiten unterstellt werden. Dabei handelt es sich um das Bundesligaspiel Kaiserslautern gegen Freiburg (3:0) vom 27. November vergangenen Jahres und um die Zweitligapartie Dresden gegen Unterhaching am 21. November 2004 (1:0). Als Zugabe hatte Trainer Toppmöller noch die Begegnung des FC St. Pauli gegen Bayer Leverkusen (2:2) aus der Saison 2002 ins Spiel gebracht.

Jansen, sichtlich aufgewühlt, aber das Interesse auch genießend ("Meine Damen und Herren, liebe Fernsehzuschauer"), erhebt sich von seinem Stuhl und bittet im bestens ausgestatteten Multimediaraum um die Einspielung einer ersten Spielszene. Über die Videoleinwand flimmert eine Szene aus der Partie beim FC St. Pauli: ein Foul des Leverkuseners Zé Roberto, das Jansen nicht mit einer Roten Karte bestraft, sondern nur mit einer Gelben - eine Szene, wie sie im Laufe einer Saison des öfteren vorkommt, letztlich nicht der Rede wert, aber nun noch einmal genau kommentiert. Jansen spielt in Dozentenpose die nächste Szene ein: Der Ball trifft den Leverkusener Bernd Schneider im Strafraum halb am Arm, halb am Kopf, Jansen hat damals auf Elfmeter entschieden, was man machen kann oder auch nicht. Nächste Szene, und da wird es interessant: Bei der Partie in Kaiserslautern, gegen deren Wertung Freiburg Einspruch erhoben hat, wird Jansen unterstellt, mehrere Fouls von Stürmer Jancker nicht geahndet zu haben. Jetzt zeigt er erst einmal ein paar Ausschnitte, die zeigen, wie er Foulspiele des kantigen Pfälzer Stürmers abpfeift, dann die Szene vor dem 1:0, in der sich Jancker ganz offensichtlich korrekt einsetzt. Schließlich die Szene vor dem 2:0, diesmal läßt Jansen ein Foul von Jancker im Mittelfeld ungeahndet - Jansen versucht wortreich zu erklären, warum er so entschieden hat, daß Grätschen mit ausgestrecktem Bein in Richtung Ball erlaubt seien und die Sichtposition des Schiedsrichters nicht immer optimal sei, alles untaugliche Erklärungsversuche, weil längst klargeworden ist, daß die Bilder natürlich nichts beweisen können: Sie können seine Unschuld nicht beweisen und seine Schuld schon gar nicht. Sie können höchstens eine falsche Entscheidung belegen - wie sie an jedem Wochenende im bezahlten Fußball im Dutzend zu sehen sind.

So steht Jansen vor der Videowand, will Beweise zeigen, und sein Anwalt meint, man würde das doch sehen, wenn einer betröge. Es ist ein hilfloser Versuch, mit Hilfe von Videobildern Dinge sichtbar zu machen, die nicht sichtbar zu machen sind. Und es wird klar, wie recht die Fußballrichter mit ihrer grundsätzlichen Vorsicht gegenüber "Fernsehbeweisen" haben. Sie sind schon bei der Frage mit Vorsicht zu genießen, ob ein Schiedsrichter eine Szene falsch beurteilt; für die Beantwortung der Frage, warum ein Schiedsrichter eine Szene falsch beurteilt, sind sie völlig ungeeignet. Jansen setzt sich wieder.

Der Essener, 44 Jahre alt, hat im Sommer seinen Job als Versicherungswirt aufgegeben, um sich alleine der Schiedsrichterei zu widmen. 35 000 Euro hat er damit im vergangenen Jahr verdient, was die Frage aufwirft, wie er es sich leisten konnte, seinen Job an den Nagel zu hängen, wo die Altersgrenze für Schiedsrichter bei 47 Jahren liegt und sein Karriereende damit abzusehen ist. Auch darauf ist er vorbereitet. Er habe finanziell keine Probleme, "ich habe eine gute Abfindung bekommen". Seine Beziehung zu Hoyzer, dem Skandalschiedsrichter, der ihn offenbar belastet? Keinen Kontakt habe er mit ihm gehabt außer auf Lehrgängen und bei Spielen, als der Berliner als vierter Schiedsrichter eingesetzt worden war. Und Wetten? Mal einen Schein ausfüllen, ja, zum Spaß, kleine Beträge, das sei auch Schiedsrichtern erlaubt. "Aber in so eine Wettbude", sagt er, würde er niemals gehen. "Da haben ja alle eine Knarre dabei." Dieses Milieu ist ihm zuwider, das nimmt man ihm ab, "sauber" ist Jansens Lieblingswort, das auch an diesem Tag in Passau immer wieder fällt. "Sauber, korrekt und gerecht" habe er zeit seines Lebens gepfiffen, und das gelte - "schreiben Sie das" - für alle 22 Bundesligaschiedsrichter. Woher er das wisse? "Sie haben hier einen Sachverständigen sitzen", sagt Jansen und erzählt von seinem Ziel: "Einmal noch das Pokalfinale pfeifen." Aber Berlin ist weit für ihn in diesen Tagen. Daß er nach Passau gereist ist, will er nicht als Flucht verstanden wissen. Er besucht seine Eltern. "Wo soll man sonst hin", fragt er, "in meiner Lage."

MICHAEL EDER

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2005, Nr. 30 / Seite 34
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