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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die ARD und Doping Überrollt

29.06.2006 ·  "Tiefgehende Schizophrenie" nennt Doping-Aufklärer Werner Franke die Haltung der ARD gegenüber der Tour de France. Und er hat recht. Als bestes Beispiel dient die angebliche Doping-Enthüllungssendung "Die rollende Apotheke" heranziehen.

Von Evi Simeoni
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"Tiefgehende Schizophrenie" nennt Doping-Aufklärer Werner Franke die Haltung der ARD gegenüber der Tour de France. Und er hat recht. Man nehme als Beispiel die angebliche Doping-Enthüllungssendung "Die rollende Apotheke" Mittwoch nacht.

Die ganze Aktion, die offenbar der Ehrenrettung der Dauerjubler in der Sportredaktion dienen sollte, begann mit einem aufschlußreichen Trailer: Flotte Musik, rasante Bilder und der Hinweis auf die umfangreiche Übertragung des Tour-Starts am Samstag sollten erst einmal die gewohnte Quote bringen. Brennendste Frage im Trailer: Wer wird Lance Armstrong beerben? Brennendste Frage in der Realität: Wer schafft es eigentlich bis ins Ziel der Tour, ohne als Doper aufgeflogen zu sein? Alexander Winokurow etwa, der in Jubelpose gezeigt wurde? Der darf zwar starten, aber sein ganzer Rennstall seht unter massivem Dopingverdacht. Jan Ullrich? Die Zweifel sind angesichts der jüngsten Nachrichten aus Spanien groß.

Von wegen großer Saubermann

Eigentlich hätten auch die Film-Autoren Hagen Boßdorf und Uli Fritz dies lange kommen sehen können. So aber fällt ihre Dokumentation in zwei merkwürdig unstimmige Teile. Fieberhaft haben sie bis zum letzten Moment daran gearbeitet, die aktuelle Nachrichtenlage in ihren Film zu integrieren, und mußten erleben, wie ihr angeblicher Kronzeuge für sauberen Radsport, der bereits 2002 wegen der Einnahme verbotener Substanzen gesperrte T-Mobile-Kapitän Jan Ullrich, immer mehr unter Druck geriet (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: T-Mobile suspendiert Jan Ullrich).

Und zur Wahrheitsfindung mit einem Vergleich der genetischen Fingerabdrücke ist Ullrich auch nicht bereit. So beginnt der Film mit der Darstellung der Verdachtsmomente gegen denselben Ullrich, der sich später in mehreren Sequenzen als großer Saubermann darstellen darf. Angesichts dieser Diskrepanz erübrigt es sich fast, die vielgescholtene Nähe des Autoren Boßdorf zu Ullrich und dessen T-Mobile-Team noch einmal ins Spiel zu bringen.

Es muß weh getan haben

Und doch scheint es, als wären die ARD und ihr Spitzen-Sportpromoter Boßdorf nicht ganz schmerz-unempfindlich. Es muß weh getan haben, daß auch nach einer Begegnung der Parteien vor Gericht Werner Franke immer noch ungestraft behaupten darf, die ARD-Sportberichterstattung klammere aktiv das Thema Doping aus. Deshalb wohl verdichtete sich der Film zu einem Bombardement des (bisher von der ARD ja in naiver Unwissenheit gehaltenen) Zuschauers mit alten und neuen Dopingfällen, mit buntkugeligen Blutkörperchen, die durch Animationsvenen rollen, und graphisch dargestellten genetischen Bausteinen, die ausgeschnitten und eingefügt werden. Es war ein betäubender Schnelldurchlauf durch mehrere Jahrzehnte Dopinggeschichte, bis hin zu den jüngsten Skandalen um Armstrong und die spanische Razzia. Der Versuch, in einer Stunde mitten in der Nacht alles nachzuholen, was man in rund zehn Jahren versäumt hat, mußte scheitern.

Um die Wirkung der Doping-Katastrophe im Radsport auf junge Leute zu illustrieren, wurde zudem immer wieder ein gewisser, von Schauspielern unterschiedlichen Alters dargestellter Manuel gezeigt, der angeblich durch seinen überehrgeizigen Vater und den im System verstrickten Trainer zum Doping kam. Die Frage allerdings, woher der kleine Manuel das Heldenbild vom modernen Radprofi bezogen hat, wird nicht gestellt. Wer hat eigentlich Jahr um Jahr in Tausenden von Übertragungsstunden seinen sportbegeisterten jungen Zuschauern vermittelt, das Dopingproblem wäre hauptsächlich eine Erfindung der Zeitungen und kaum erwähnenswert? Es waren, um es deutlich zu sagen, die Verharmloser aus der Sportredaktion der ARD.

Quelle: F.A.Z., 30.06.2006, Nr. 149 / Seite 46
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