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DFL-Papier Ein guter Tag für den Fußball?

 ·  Das Sicherheitspaket zum Thema „Stadionerlebnis“ wird mit großer Mehrheit verabschiedet. Trotzdem führt die Mitgliederversammlung der DFL eines noch einmal zu Tage: Das Misstrauen zwischen Fans und Ordnungsmacht ist groß.

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© Eilmes, Wolfgang Hunderte Fans vor dem Hotel und ihre Stimme: „Die Gefahr ist groß, dass jetzt Probleme auftreten, die es vorher nicht gab“

Das Szenario am Ort der Entscheidung führte das Dilemma noch einmal im Kleinen vor Augen. Straßensperren, demonstrative Polizeipräsenz, Videoüberwachung - das alles konnte bei manchem Beobachter durchaus ein leichtes Gefühl von Beklommenheit verursachen. Andere wiederum werden unter dem Eindruck von ein paar hundert überwiegend schwarz gekleideten Fußballfans eine potentielle Bedrohung empfunden haben. Alles in allem war vor dem Hotel in einem Frankfurter Büroviertel, in dem sich die 36 deutschen Profiklubs an diesem Mittwoch zur Mitgliederversammlung trafen, ganz handfest zu spüren, wovon in den vergangenen Tagen und Wochen so viel die Rede gewesen war: Dass das gegenseitige Misstrauen groß ist zwischen einem Teil der Fußballfans auf der einen Seite und der Ordnungsmacht auf der anderen.

Als die Vertreter der Liga am Nachmittag vor die Öffentlichkeit traten, um zu verkünden, was die Versammlung beschlossen hat, taten sie das mit einer doppelten Botschaft: Zum einen demonstrierten sie ein hohes Maß an Einigkeit: Alle 16 Anträge zu Sicherheitsmaßnahmen in deutschen Stadien, die unter dem Begriff „Stadionerlebnis“ - der Zusatz „sicher“ verschwand im Laufe des Prozesses - subsumiert waren, wurden angenommen. Und zwar, wie Ligapräsident Reinhard Rauball betonte, mit „großer Mehrheit“. Zugleich versuchte Rauball, den Fans die Botschaft mit verbalem Entgegenkommen wenn schon nicht schmackhaft, dann doch zumindest verdaulich zu machen: „Ich glaube, dass unter dem Strich der professionelle Fußball als Gewinner hervorgegangen ist“, sagte Rauball. Und an die Adresse der Fans: „Wir können allen Fans versichern, dass die heutigen Beschlüsse die Fußballkultur in Deutschland nicht gefährden werden - im Gegenteil, sie werden sie schützen.“

„Die Drohungen müssen damit vom Tisch sein“

Rauball bezog sich damit auf die Drohungen von Seiten der Politik, die im Falle eines Scheiterns des Sicherheitskonzepts mit teils drastischen Maßnahmen gedroht hatte, allen voran einer Abschaffung der Stehplätze sowie für die Vereine eine finanzielle Beteiligung an den Einsatzkosten der Polizei. Diese Szenarien sieht Rauball als erledigt an. „Der Politik möchte ich zurufen: Die Drohungen der vergangenen Wochen müssen damit ein für alle Mal vom Tisch sein“, sagte er und machte damit auch deutlich, wie sehr ihm die Einmischung der Politik in die Verbandsautonomie missfallen hatte.

Die größten Bedenken der Fanvertreter hatten drei wesentlichen Punkten gegolten. Erstens der Frage, ob die Klubs ohne weiteres Heimspiele zu Risikospielen erklären können, was mit einem reduzierten Kontingent an Eintrittskarten für die Auswärtsfans verbunden wäre. Zweitens der Durchführung von Sicherheitskontrollen beim Einlass - hier wurde moniert, dass die als unverhältnismäßig und grenzüberschreitend empfundenen Ganzkörperkontrollen nicht explizit ausgeschlossen wurden. Und drittens ging es um das Tempo, mit der das Konzept, das in Folge der Sicherheitskonferenz im Juli dieses Jahres entwickelt wurde, den Weg durch die Institutionen nehmen sollte. Auch einigen Vereinen ging es etwas zu schnell. Sie beantragten eine Vertagung der Entscheidung, doch ihr Antrag wurde bei nur fünf Ja-Stimmen abgelehnt.

Rauball spricht von „Leitplanken“

In den anderen beiden Punkten gab es noch Änderungen, von denen sich zeigen wird, ob sie den Fans weit genug gehen. Risikospiele, so erläuterte es Peter Peters, DFL-Vizepräsident und federführend mit dem Sicherheitspapier befasst, könnten „nicht willkürlich“ ausgerufen werden. Es bedürfe vielmehr einer schriftlichen Begründung, die rechtzeitig an DFL und Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu übermitteln seien. In der Frage der Sicherheitskontrollen wurde dem bisherigen Text der Zusatz „angemessen“ angefügt. Hier gilt wie für vieles, was die einzelnen Punkte des Konzepts betrifft: Erst die Interpretation durch die Vereine und die Umsetzung wird zeigen, welches Ausmaß die Beschlüsse in der Praxis annehmen. Rauball sprach von „Leitplanken“, die nun von den Klubs konkret und je nach individueller Einschätzung umgesetzt werden müssten.

Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des FC Bayern München, zeigte sich zufrieden: „Es ist jetzt geklärt, dass die Bundesliga sich gegen Gewalt, Pyrotechnik und Rassismus stellt.“ Zugleich wollte er von einem grundsätzlichen Problem mit der Fußball-Basis in den Kurven nichts wissen. „Wir haben uns nie von den Fans entfernt, es gab nur ein Kommunikationsproblem.“ Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, aber betonte, weiterhin den Dialog mit den Fans pflegen zu müssen: „Da war heute nichts gegen die Fans. Wir müssen jetzt rausgehen, und es ihnen erklären.“ Zu den Forderungen der Politik hatte es gehört, dass sich die Vereine finanziell stärker an den Fanprojekten beteiligen sollten - die Rede war von einer Aufstockung von drei auf zehn Millionen Euro im Jahr. Rauball nannte keine Zahl, kündigte aber an, sich einer solchen Summe nähern zu wollen.

Zu den Klubs, die diese Beschlüsse rundum ablehnten, gehörten der FC St. Pauli und der FC Union Berlin. „Es gibt keinerlei Veranlassung, sich einem wodurch auch immer motivierten politischen Druck zu beugen und zum jetzigen Zeitpunkt symbolisch eine Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, die überhaupt nie infrage stand“, sagte Dirk Zingler, der Präsident des Berliner Zweitligaklubs. Die Vertreter der Fanorganisationen reagierten mit Kritik. „Wir sind enttäuscht, dass der Antrag der Vertagung nicht stattgegeben wurde“, sagte Ben Praße von der Fanvereinigung „Unsere Kurve“. Axel Schulz von „Pro Fans“ sprach von „Frustration“ und fügte an: „Die Gefahr ist groß, dass jetzt Probleme auftreten, die es vorher nicht gab. Wir können unsere Gruppen nur aufrufen, weiter am Dialog zu arbeiten.“ Den Willen zum Dialog bekundete am Mittwoch auch die DFL ausdrücklich. Fürs Erste dürfte es spannend sein, wie die Reaktionen der Basis am Wochenende in den Stadien ausfallen werden. Was dies betraf, wollte sich Liga-Chef Rauball auf keine Prognose einlassen. „Ich gehöre nicht zu den Leuten, die spekulieren.“

FAZ.NET stellt die 16 Anträge vor

Das Konzept „Stadionerlebnis“, das die Sicherheit in den Stadien verbessern und den deutschen Fußball im Kampf gegen Randalierer voranbringen soll, umfasst 16 Anträge auf 37 Seiten in ausführlichem „Juristendeutsch“. Die Nachrichtenagentur dpa fasst die Anträge in jeweils einem Satz zusammen:

Antrag 1: Die Veranstaltungsleiter von Bundesliga-Spielen bekommen eine genaue Funktionsbeschreibung.

Antrag 2: Ein verbindlicher Dialog zwischen Fans und Clubs wird verankert.

Anträge 3 und 4: Die Polizei bekommt bei Videoüberwachung in den Stadien mehr Kompetenzen.

Antrag 5: Der Ordnungsdienst des Gastvereins wird im Stadion des Heimvereins mit einbezogen.

Antrag 6: Aufgaben der Sicherheitsbeauftragten werden genau festgelegt.

Antrag 7: Verbindliche Teilnahme des Veranstaltungsleiters an Sicherheitsbesprechungen bei Risikospielen.

Antrag 8: Kontrollen an Stadioneingängen werden verschärft.

Antrag 9: Ordnungsdienste werden geschult.

Antrag 10: Aufgaben des Fanbeauftragten am Spieltag werden festgelegt.

Antrag 11: Festlegungen für Risikospiele und Spiele unter Beobachtung.

Antrag 12: Ein Zertifizierungsverfahren („Stadionerlebnis“) wird entwickelt.

Antrag 13: Eine ständige Kommission Stadionerlebnis wird eingerichtet.

Antrag 14: Festgelegt wird, wann das Ticketkontingent für Auswärtsfans reduziert werden darf.

Antrag 15: Weiterentwicklung der DFB-Sportgerichtsbarkeit (Anträge sollen erst zum DFB-Bundestag im Oktober 2013 erarbeitet werden).

Antrag 16: Erlöse aus der Vermarktung (Fernsehgelder) werden zweckgebunden an die Vereine ausbezahlt, wenn diese wiederholt Sicherheitsmaßnahmen nicht erfüllen.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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