02.03.2010 · Jeden Tag eine neue Enthüllung, jeden Tag neue Opfer, jeden Tag neue Mitspieler, jeden Tag dasselbe: das Krisen-Management des DFB und seines Präsidenten Zwanziger im sogenannten Sex-Skandal wirkt atemlos und provinziell. Zwanziger steckt in seiner größten Krise.
Von Roland ZornJeden Tag eine neue Enthüllung, jeden Tag neue Opfer, jeden Tag neue Mitspieler, jeden Tag dasselbe: ein Verband, der zunehmend hilflos einer Affäre Herr zu werden versucht, die Theo Zwanziger, den Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) längst überfordert. Die Art und Weise, wie der DFB sein Krisenmanagement in der skandalumwitterten Schiedsrichterbeziehungsgeschichte zwischen Manfred Amerell und Michael Kempter betreibt, mutet zunehmend hektisch, panisch und dilettantisch an.
Der größte Sportfachverband der Welt, voran sein Vormann Zwanziger, scheint sich in diesem mehrdimensionalen Fall verrannt zu haben: Da ist nicht schnell genug reagiert worden, nachdem Kempter den Schiedsrichterkameraden und Vorgesetzten Amerell wegen „sexueller Belästigung“ angezeigt hat; da ist, nachdem die Causa verbandsintern geprüft und für abgeschlossen erklärt wurde, weiter Gericht gespielt worden; da ging Zwanziger allzu forsch in die Offensive; da wurde Kempter geraten, in ausgesuchten Medien die Gründe für sein zerrüttetes Verhältnis zu Amerell peinlich genau zu schildern; da wurde, ehe sich die streitenden Parteien am Donnerstag vor dem Landgericht München 1 treffen, aus dem Inneren der Verbandszentrale vehement geurteilt, wo mehr Zurückhaltung angebracht gewesen wäre.
Immer wieder war es Zwanziger, der aus der DFB-Akte Amerell weitere Details preisgab. Der Glaube, den öffentlichen Diskurs in einer heiklen Angelegenheit ständig befeuern und so auch instrumentalisieren zu müssen, wirkt fatal in einer Affäre, über die das letzte Wort noch nicht gesprochen worden ist. Dazu kommt ein Stück fehlende Professionalität im Umgang mit dem sogenannten Sexskandal. Anstatt kühl Fakten zu sammeln und die hitzig geführte Debatte nicht zusätzlich zu emotionalisieren, hat sich Zwanziger dazu hinreißen lassen, Verteidiger, Ankläger und Richter in einem sein zu wollen.
Zwanziger beherrscht die Kunst des Schweigens nicht
Der dabei erweckte Eindruck war bis jetzt atemlos und provinziell. Ginge die Bundesliga so mit ihren alltäglichen Schwierigkeiten und Problemchen um, sie gäbe für ihre zahlende Kundschaft ein geschäftsschädigendes Bild ab. Wer immer am Ende dieser verhängnisvollen Affäre mehr und wer weniger recht gehabt haben mag, für den Fußball-Bund ist diese auf dem Marktplatz erörterte Geschichte einer zerbrochenen Männerfreundschaft auch ein Kommunikationsdesaster.
Sollte es, wie von der Amerell-Partei am Montag behauptet, stimmen, dass dem früheren Schiedsrichter Franz-Xaver Wack vom DFB Akteneinsicht gewährt worden sei, um anschließend Druck auf den ehemals einflussreichen Pfeifenmann Amerell auszuüben, hätte auch der Verband seinen Skandal.
Sein Präsident, der zu gern der Versuchung nachgibt, den Tausendsassa des DFB zu spielen, macht jedenfalls dieser Tage seine eigene größte Krise im Fußball-Spitzenamt durch. Wer überall das letzte Wort haben möchte und die Kunst des Schweigens nicht beherrscht, bringt sich oft selbst in die Bredouille. Wie er da herauskommt, ist eine genauso spannende Frage wie der Ausgang der Causa Amerell.