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Deutschland Die Wiedergeburt eines Teams

29.06.2008 ·  Eigentlich wollte die deutsche Nationalelf nie mehr eine Turniermannschaft sein. Mit dem Klinsmann-Aufbruch stand dieser Begriff als Synonym für unschöne, unattraktive und lahme Siege teutonischer Eisenfüße. In der Not helfen aber doch die deutschen Tugenden.

Von Michael Ashelm, Wien
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Und plötzlich tauchte dieser Gedanke bei Joachim Löw doch noch auf. „Die Siegermentalität ist schon sehr ausgeprägt in Deutschland“, sagte der Bundestrainer: „Es gibt hier durch viele positive Erfahrungen dieses Vertrauen, auch wenn es schlecht läuft, ein Spiel noch drehen zu können.“ Das war nach dem Zittersieg gegen die Türkei. Was Löw vor dem großen Finale dieser Europameisterschaft zu beschreiben versuchte, war nichts anderes als das in Jahrzehnten von der Fußballwelt ehrfurchtsvoll geprägte Phänomen der deutschen „Turniermannschaft“. Einige Länder haben dafür sogar eigene Begriffe erfunden: zum Beispiel „La Mannschaft“.

Schon viele Vorgänger der Spanier waren auf dem Platz in wichtigen Spielen von dieser unsichtbaren Kraft in die Knie gezwungen worden, obwohl ihnen im Gegensatz zum deutschen Widerpart Schönheit und Glanz des eigenen Spiels eigentlich besten Erfolg garantiert hatten. Doch breitete sich diese gefürchtete Turniermannschaft erst mal mit der hartnäckigen Klammertechnik von Kraken aus, verloren die tollsten Ballzauberer ihren Verstand, kollabierten beim Gegner die Systeme.

Power, Perfektion, Psychologie

Von Sepp Herberger über Franz Beckenbauer bis Rudi Völler - deutsche Kicker, deutsche Trainer und deutsche Mannschaften behielten in schwierigen Situationen meistens die Nerven und entnervten damit ihre Gegner. Als „Bestia Negra“ (schwarze Bestie) bezeichnen bis heute die Anhänger von Real Madrid den deutschen Rekordmeister Bayern München. Der in Spanien beschäftigte Nationalverteidiger Christoph Metzelder kennt die Befindlichkeiten der Fußball-Iberer. „Ich weiß, dass die Spanier sehr großen Respekt davor haben, wie wir spielen und gewinnen.“

Doch diese EM zeigt ein Paradoxon: Eigentlich wollte die deutsche Nationalelf nämlich nie mehr eine Turniermannschaft sein. Mit dem forschen Klinsmann-Aufbruch 2004 stand dieser in der Fußballwelt mit Furcht belegte Begriff als Synonym für unschöne, unattraktive und lahme Siege teutonischer Eisenfüße. Der neue deutsche Fußball sollte ein ganz anderes Bild abgeben: Power, Perfektion, Psychologie. Die ganze Wucht dieser selbstbewussten Strategie zeigte sich vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft im eigenen Lande und sollte basierend auf einer erfolgreichen Qualifikationsrunde auch in diesem Turnier die Gegner von Beginn an in die Ecke drängen - dominieren. Das Ziel: mit einer Daueroffensive an die Spitze. Als die schönen Pläne in der Vorrunde aus unterschiedlichen Gründen nicht aufgingen und der Mannschaft zeitweise die Kontrolle entglitt, stellte sich die Frage, woran sich die zurechtgestutzte deutsche Elf noch aufbauen könnte.

Nach dem Systemausfall gegen Kroatien der altbewährte Reflex

Eine Antwort kam recht bald: Die Krisensituation nach dem Systemausfall gegen Kroatien und dem Verlust des Trainers durch Aussperrung löste einen altbekannten Reflex aus. Der Konflikt machte nicht schwächer, sondern hauchte der Nationalelf neues Leben ein. Das hatte Fußball-Deutschland in der Vergangenheit schon öfters bei anderen Turnieren auf ganz ähnliche Weise erlebt.

Die wichtigsten Protagonisten behielten ihre Nerven. Kapitän Michael Ballack redete intern Fußballerdeutsch, polte seine unsicheren Mitstreiter auf den Erfolg und gab einen wichtigen Impuls zur Umstellung des taktischen Systems. Mit stoischer Ruhe verbreitete der angeschlagene Löw währenddessen in der Öffentlichkeit Hoffnung und Zuversicht.

Erst mal den Rhythmus der Spanier zerstören

Die Wende im letzten Moment - die Turniermannschaft war wiedergeboren. Gewollt hat das auf diese Weise niemand der Verantwortlichen, der Erfolg gibt ihnen dennoch eine schöne Vorlage. Der glückliche Treffer durch Philipp Lahm im Halbfinale gegen die Türkei nach seinem schweren Patzer kurz vorher im Spiel hat dieses neue Bild besonders stark charakterisiert.

„Die Mannschaft ist der Gewinner. Sie hat mit Disziplin, harter Arbeit und Glauben an sich selbst viel erreicht“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff vor dem Showdown von Wien. Das klingt stark nach alten Tugenden. Über die vielen anderen Zielsetzungen und Ansprüche, die eigentlich in die Tat umgesetzt werden sollten, kann man ja später wieder nachdenken. Jetzt gilt es erst einmal, den Rhythmus der Spanier zu zerstören.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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