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Deutsches Davis-Cup-Team : Plädoyer für Kohlmann

Ein Team, zumindest in Portugal: Michael Kohlmann (l.) und Boris Becker (r.) Bild: AP

Der Anfang ist gemacht. Ob es auch 2018 im Davis Cup mit dem Doppel Becker/Kohlmann weitergeht, ist noch unklar. Wenigstens ein Spieler positioniert sich. Ein Kommentar.

          Als alles getan und gesagt war, ergriff Tim Pütz noch einmal für die deutschen Davis-Cup-Spieler das Wort. Dass es einer der beiden Debütanten und der in der Weltrangliste am schlechtesten positionierte Profi des Teams war, der sich traute, offenbart viel über die Persönlichkeit des 29 Jahre alten Frankfurters, den in Tennis-Deutschland bisher nur Weggefährten und Experten kannten. Unabhängig und unbeeindruckt von der großen Bühne, auf der er sich ausnahmsweise bewegte, sprach Pütz nach dem 3:2 über Portugal, das den Verbleib in der Weltgruppe sicherte, ein paar Sätze schlichter Wahrheit aus, die dem Deutschen Tennis Bund (DTB) noch sehr hilfreich sein können: „Es war wichtig, dass Boris Becker da war, er war eine Bereicherung. Aber viel wichtiger für den Erfolg war Teamkapitän Michael Kohlmann, er hat einen Superjob gemacht.“

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Pütz wagte die Einordnung der neuen Verhältnisse im deutschen Davis-Cup-Team nach der Berufung Beckers zum „Head of Men’s Tennis“, vor der sich alle anderen drückten, weil sie weder den Chef noch den Teamchef verprellen wollten, indem sie dem anderen zu viel Bedeutung beimessen wollten. Aber ein Deutungsvakuum ist auch nicht die Lösung. Vor allem dann nicht, wenn es ständig mit Inhalt gefüllt werden soll. Wie groß ist der Becker-Faktor? Was tut er genau, wie hilft er? Das waren die Fragen, mit denen die Spieler während der Woche in Portugal ständig konfrontiert wurden. „Wir empfanden es als schade, dass niemand nach Kohlmann fragte“, begründete Pütz seinen Vorstoß, den er keineswegs als Kritik an Becker oder dem Verband gewertet wissen wollte. Nur als Unterstützung für Kohlmann.

          „Guten Job gemacht“: Kapitän Kohlmann
          „Guten Job gemacht“: Kapitän Kohlmann : Bild: dpa

          Hat Kohlmann Unterstützung nötig, dessen Vertrag als Teamkapitän mit dem gewonnenen Abstiegsduell ausgelaufen ist? Sie kann auf jeden Fall nicht schaden. Der DTB verpflichtete Becker nicht, weil er Mängel bei der Betreuung der Davis-Cup-Mannschaft entdeckt hätte und einen Aufpasser oder Nachfolger suchte. Der Verband band die Tennis-Ikone an sich, weil der ewige Leimener ihm Aufmerksamkeit, Publicity, Bedeutung und auf Dauer damit vielleicht auch Geld garantiert. Bei der Suche nach einem konkreten Aufgabengebiet bot sich natürlich auch ein Engagement im Davis-Cup-Team als Berater an. Wenn schon Novak Djokovic gute Erfahrungen mit den Expertisen Beckers gemacht hat, dann werden sie auch den deutschen Spielern weiterhelfen können. Es wäre dumm, auf diesen Input zu verzichten, nur um Kapitän Kohlmann nicht auf die Füße zu treten.

          Und Kohlmann ist intelligent genug zu wissen, dass er sich nicht auf die Füße getreten fühlen darf, wenn er den Job behalten will. Er ging bei der Premiere in Portugal bis zum letzten Abend öffentlich sehr entspannt mit Beckers Anwesenheit um. Erst am Sonntag, ausgehöhlt von der Nervenanspannung des spannenden Abstiegsduells, wirkte er ein wenig genervt vom Thema, ohne sich jedoch verbal eine Blöße zu geben.

          Becker hatte es ihm auch leichtgemacht, locker zu bleiben. Der Star integrierte sich reibungslos ins Team, begegnete allen mit einer Mischung aus Respekt und Jovialität. Gegenüber den Medien hielt er sich sehr zurück. Ein neunminütiges Gespräch am Donnerstag, ein dreiminütiger Audiokommentar am Freitag, mehr wollte Becker nicht von sich geben, um Kohlmann nicht in den Schatten zu drängen. Seinen Aufgaben als Ratgeber und Beobachter kam er engagiert und gewissenhaft nach.

          Nach den Eindrücken von Portugal kann man nur sagen: Ein guter Anfang ist gemacht, so kann es weitergehen. Zumal die berechtigte Hoffnung besteht, dass sich mit jedem weiteren Davis-Cup-Match die besondere Situation mit Becker immer mehr normalisiert. Ob es 2018 im Davis Cup mit dem Doppel Becker/Kohlmann weitergeht, steht jedoch noch in den Sternen. Kohlmann vermied die Aussage, dass er gerne seinen Vertrag beim Davis-Cup-Team verlängern würde, schloss es aber auch nicht aus. Der Verband will sich erst in den nächsten Tagen nach eingehender Analyse zu diesem Thema äußern. Sicher ist: Wenn Becker Kohlmann nicht mehr haben will, dann muss Kohlmann gehen. Höchst unsicher wäre aber, dass dann ein besserer Nachfolger gefunden würde.

          Quelle: F.A.Z.

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