Home
http://www.faz.net/-gtl-znvx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Der Tour-Kommentar Eine ganz spezielle Normalität

09.07.2008 ·  Alle Achtung, noch ein Schumi: Deutschland macht mächtig Tempo, früher in knalligem Rot, jetzt in Blau. Soll man sich die Freude darüber vermiesen lassen von einigen Nörglern?

Von Rainer Seele
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Alle Achtung, noch ein Schumi: Deutschland macht mächtig Tempo, früher in knalligem Rot, jetzt in Blau. Soll man sich die Freude darüber vermiesen lassen von einigen Nörglern? Die Franzosen sind ja vermutlich nur enttäuscht, dass Schumacher II einem ihrer Landsleute bei der Tour de France das Gelbe Trikot entrissen hat. Jetzt schreiben sie, dass dieses Gelb - wegen der wechselvollen Laufbahn von Schumacher - ein bisschen blass sei.

Dabei strahlt es doch, überhaupt keine Frage, wie ehedem. Oder die Belgier: Gönnen dem Radfahrer Schumacher offensichtlich auch nichts, nur weil ihr Volksheld Tom Boonen im Gegensatz zu dem glatzköpfigen Schwaben nicht dabei sein darf. Aber der Mann ist selbst schuld, er hatte einfach einen ungünstigen Zeitpunkt gewählt, um sich ein wenig aufzuputschen.

Viele seltsame Geschichten - aber schnell

Stefan Schumacher machte das deutlich besser: Er fuhr auf dem Rad wie im Rausch, das hat sich wenigstens gelohnt. Und es zeigte: Der deutsche Radsport lebt, eindeutig. Zwar ist längst kein Jan Ullrich mehr da, und Sprint-As Erik Zabel ist in die Jahre gekommen, aber immer wieder kommt trotzdem jemand groß heraus.

2007 beispielsweise Linus Gerdemann, eine große deutsche Hoffnung, in Gelb! Und jetzt Schumacher, der Nürtinger, um den sich viele seltsame Geschichten ranken, der aber am Dienstag - das muss man festhalten - schlichtweg unwiderstehlich rund um Cholet raste.

Bei der Tour läuft nichts schief - es läuft normal

Soll man nun wirklich behaupten, dass die Tour gleich in den ersten Tagen das bekommen hat, was sie verdient? Nur weil der Hundefreund Alejandro Valverde, der sich des spanischen Doping-Netzwerks um den Arzt Eufemiano Fuentes bedient haben soll, prompt in den Blickpunkt rückte wie kurz darauf auch ein deutscher Radprofi, der schon mal den rechten Weg verlassen hat?

Nein, es läuft keinesfalls etwas schief bei dieser Tour de France, nur weil es umgehend einen Fall für zwei gegeben hat: "ausgerechnet" Valverde und Schumacher. Die Tour spiegelt mit den Debatten über diese beiden Profis lediglich den Radsport von heute, mit all seinen Facetten, mit all seiner speziellen Normalität.

Jeden wirft es auf seine Art um

Nur die Ruhe also: Es ist tatsächlich nichts Ungewöhnliches geschehen in den vergangenen Tagen. Wobei, zugegeben, bestimmt nicht jedermann mit Schumachers Solo gerechnet hatte. Um wirklich verstehen zu können, was das für den Schwaben selbst bedeutet, sollte man sich vielleicht seinen Erzählungen danach hingeben: Ihnen ist zu entnehmen, dass er das gelbe Hemd in der Nacht über einen Stuhl in der Nähe seines Bettes hängte - um beim Wachwerden sofort sehen zu können, dass das alles nicht nur ein Traum ist.

Ist ja vermutlich tatsächlich nicht einfach, einen solchen Tag zu verarbeiten. Der Radprofi Schumacher hat von einem überwältigenden Erlebnis gesprochen. Es hat andere, ganz gewiss, auch umgeworfen. Jeden auf seine Art.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1957, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Ein Renner

Von Michael Wittershagen, Monte Carlo

Mit 43 Jahren beschleunigt Michael Schumacher noch einmal - sich und andere. Doch die Maschine zeigt ihm immer wieder Grenzen auf. Die Führung des Teams steht nun in der Verantwortung. Mehr