27.04.2009 · Die Bayern-Führung hält sich mit dem Rausschmiss von Jürgen Klinsmann für konsequent, tatsächlich hat sie ihren Kompass verloren. Sie vertraut ihren eigenen Entscheidungen nicht mehr - und wechselt ihre Strategie in atemraubendem Tempo. Den Verlust an Seriosität kann sich der Verein auf Dauer nicht leisten.
Von Michael HoreniSelbst die Niederlage von Tabellenführer Wolfsburg konnte den Rauswurf von Jürgen Klinsmann nicht mehr verhindern. Es waren beim FC Bayern in den letzten Wochen und Monaten weit mehr Dinge als nur der Rückstand von drei Punkten zusammengekommen, die beim Rekordmeister einen Leidensdruck erzeugten, den die Verantwortlichen nicht mehr aushielten.
Nun soll in den letzten fünf Spielen ausgerechnet der vor achtzehn Jahren bei den Bayern entlassene Altmeister Jupp Heynckes, der seine Trainerkarriere schon beendet hatte, zumindest noch die Qualifikation für die Champions League sichern. Ein Fußball-Frührentner als letzte Hoffnung – krachender hätte das Bayern-Projekt Erneuerung nach nur zehn Monaten mit Klinsmann nicht in sich zusammenstürzen können.
Freier Blick auf das Dilemma
Was nun, FC Bayern? Mit dem Scheitern der Beziehung zum früheren Bundestrainer, die mit so hohen Erwartungen versehen war – selbst die Bundeskanzlerin zeigte sich erfreut –, ist ein weiterer Aufbruchversuch des FC Bayern an die europäische Spitze zu einem vorzeitigen und arg ernüchternden Ende gekommen. Nachdem zuletzt alleine die Frage um die Entlassung Klinsmanns die Diskussion in München beherrschte, wird nach dem Rauswurf der Blick frei auf das Dilemma des FC Bayern und die Schwächen seiner Führung.
Der bayerische Familienbetrieb hat in den vergangenen Jahren, getrieben von der Fußball-Globalisierung, noch jeden seiner leitenden Angestellten geschafft – ganz gleich mit welchen Konzepten die Trainer angetreten waren und welche Erfolge ihnen glückten. Der Umgang von Manager Hoeneß und dem Vorstandsvorsitzenden Rummenigge mit Hitzfeld, mit Magath und nun mit Klinsmann verläuft nach dem immer gleichen Muster. Sobald kurzfristige Ziele in Gefahr sind, erschöpft sich bei den Bayern die Geduld. Die Reibungsverluste in dem von operativer Hektik gekennzeichneten Klub machen kontinuierliches Arbeiten für Trainer, die für Erfolg stehen, zu einem fast aussichtslosen Unterfangen.
Nicht die nötige Macht und Freiheit in München
Der Versuch des Meisters, sich das Sommermärchen anzueignen, beruhte im Kern auf einem Missverständnis – von den Bayern und von Klinsmann. Denn für die Veränderung, die sich der Klub mit dem Reformer ins Haus geholt hatte, gab es bei den Münchnern immer nur eine behauptete, aber keine tatsächliche Bereitschaft. Ein Vertrag beim FC Bayern ist für die Spieler sportliches Lebensziel.
Das ist aber mit der sich international verschiebenden Finanzkraft mittlerweile ein sportliches Kernproblem des Klubs, bei dem in dieser Dekade nur zwei Spieler ihre individuellen Fähigkeiten so weiterentwickelten, dass sie zu Weltklasseteams gelangten: Michael Ballack (Chelsea) und Owen Hargreaves (Manchester United). Für Veränderung hätte Klinsmann unter diesen Bedingungen viel härter als bei der Nationalelf werben müssen. Dort besaß er die nötige Macht und Freiheit, in München nicht.
Auf Kosten der Seriösität
Die Bayern-Führung hält sich für konsequent, tatsächlich hat sie ihren Kompass verloren. Sie vertraut ihren eigenen Entscheidungen nicht mehr – und wechselt ihre Strategie in atemraubendem Tempo. Vor zwei Jahren hatte Hoeneß entgegen seinen jahrzehntelangen Gepflogenheiten das Festgeldkonto für Ribéry und Toni geplündert, um der internationalen Spitze näher zu kommen. Das teure Modell „Stars“ funktionierte jedoch nicht – und lässt sich nicht beliebig wiederholen. Mit Klinsmann setzten die Bayern danach umgehend auf das Modell „Team“, das aus der Mannschaft dauerhaft mehr machen sollte als die Summe seiner Einzelteile. Die Stars fanden im Vorstand aber mit ihren Klagen immer weiter Gehör.
Die Bayern stehen nun vor den Trümmern ihrer Wankelmütigkeit. Der erste Weg hat den Klub viel Geld gekostet, der zweite viel Vertrauen – und alles zusammen viel mehr an Seriosität, als sich der FC Bayern auf Dauer leisten kann.