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Der Film "Ali" Ein Treffer aus der Distanz

Noch immer fasziniert Muhammad Ali: Der neueste Film über den Box-Star avanciert in Amerika zum Kassenschlager.

© dpa Vergrößern Der alte und der neue „Ali”

Die Faszination ist ungebrochen. Wo immer Muhammad Ali erscheint, strecken sich ihm unzählige Hände entgegen. Kinder wie Erwachsene jubeln dem Box-Idol zu. Auch an diesem Abend vor dem Broadway Cinema in Louisville.

Der rote Teppich ist ausgerollt. Für den Champ und seine Frau Lonnie. Auf den wenigen Metern von der Limousine zum Kinoeingang greift Ali nach den Händen, liefert sich mit einem Fotografen ein Scheingefecht, um am Ende einen kleinen Jungen zu umarmen und auf die Wange zu küssen. "Es ist schön", meint der an der parkinsonschen Krankheit leidende Weltstar, "wieder daheim zu sein."

Bürgermeister und Gouverneur im Kinosessel

Am 17. Januar 1942 wurde ein gewisser Cassius Marcellus Clay im Stadtkrankenhaus von Louisville, Kentucky geboren. 59 Jahre später ist er der berühmteste Bürger und ein Ehrengast bei dieser besonderen Premiere. Der Film über Alis' bewegtes Leben läuft in seiner Heimatstadt an und selbstverständlich sitzen der Bürgermeister und der Gouverneur auch im Kinosaal.

Die Marketingstrategen von Columbia Pictures mussten sich über den Titel nicht lange den Kopf zerbrechen. Schlichtweg "Ali" heisst das Werk des Star-Regisseurs Michael Mann. Und dieser knappe Titel ist wie kein anderer universell verständlich.

"Es ist ein großartiger Film", meint Muhammad Ali. Natürlich hat der ehemalige Schwergewichts-Weltmeister den Streifen schon vor der Premiere gesehen. Und er ist besonders mit dem Hauptdarsteller zufrieden: "Will Smith spielt meine Rolle erstklassig."

Keine Stunts, echte Boxer

Jener Will Smith, der als "Prinz von Bel-Air" zu Fernsehruhm gelang und später in "Independence Day" und "Men in Black" Hollywood eroberte. Doch der Komödiant zeigt diesmal ernste Züge sowie eine neue Figur. Smith legte 15 Kilo an Muskelmasse zu und lernte so wie Ali zu boxen, zu reden und sich zu bewegen. Es gab keine Stunt-Doubles und der Schauspieler lieferte sich mit echten Boxern einen echten Schlagabtausch nach dem anderen.

"Äußerst strapaziös", so der 33-Jährige, seien die langen Kampfszenen gewesen. Smith: "Essen, trinken waren für mich in diesem Jahr unwichtig. Es ging für mich um Perfektion." Und auch darum, sich mit diesem Prestige-Projekt in Hollywood endgültig zu etablieren.

Gesprengtes Budget

Als das Budget weit über die Kalkulation hinauslief und während der Dreharbeiten das Aus drohte, verzichteten Smith und Regisseur Mann kurzerhand auf insgesamt zehn Millionen Dollar Gage. Letztlich kostete die Filmbiographie stolze 118 Millionen Dollar. Das ist zweimal soviel, was Muhammad Ali während seiner Karriere an Preisgeld einnehmen konnte.

Bei dem Preis, den engagierten Künstlern sowie einer erstklassigen Erfolgsstory dürfte demnach eigentlich nichts schiefgehen. Lehnen wir uns also genüßlich in den Kinosessel.......und drehen die Zeit zurück. "Ali" beginnt mit einer Großaufnahme von Will Smith, der als 22-Jähriger Cassius Clay für den Titelkampf (1964) mit Sonny Liston trainiert.

Zeitreise mit Ali

Die Einstellung ist Teil eines grandiosen Openings, in der kurze Rückblenden auf Clays' Kindheit - er muss als Schwarzer hinten im Bus fahren und ist vom Zeitungsfoto eines gehängten Mannes wie hypnotisiert - mit einem Soul Medley unterlegt werden. Für Michael Mann geht es darum, die Story des ehemaligen Schwergewichtsweltmeisters mit einer phänomenalen Detailtreue zu erzählen. Es ist eine Zeitreise, die 1964 startet und 1974 mit dem "Rumble In the Jungle"-Comeback gegen George Foreman in Zaire endet. Zehn Jahre, die gewiss die provozierendsten und aufregendsten in Alis' Leben sind.

Die Konversion zum Islam, die Namensänderung von Cassius Clay zu Muhammad Ali, die Wehrdienstverweigerung mit dem unvergessenen Satz "ich habe keinen Streit mit dem Vietcong" sowie die anschließende Aberkennung des WM-Titels werden in "Ali" dokumentiert. Allerdings, ohne einen Einblick in den Seelenzustand des Privatmenschen zu geben.

Ali bleibt ein Rätsel

Was geschah wirklich hinter verschlossenen Türen? Was ging im Kopf dieses einzigartigen Sportlers vor? Der Film bietet nicht mehr, als die bereits hinlänglich von den Massenmedien beschriebenen Taten zu wiederholen. Doch wenn man den Zuschauer schon mit dem Slogan "Vergiss' was Du zu wissen glaubst" ins Kino lockt, dann muss man ihm die Person Ali der damaligen Zeit auch wirklich näher bringen.

Doch selbst nach zwei Stunden und 38 Minuten Filmdauer bleibt der berühmteste Athlet des 20. Jahrhunderts ein Rätsel. Dabei wünscht man sich nichts mehr, als einmal in seine Gedankenwelt einzudringen. Gleiches gilt sowohl für seine religiösen und politischen Aktionen als auch für sein Liebesleben. Auf seine ersten drei Ehen wird ebenfalls ohne Tiefgang verwiesen.

Was bleibt ist ein meisterhafter Sprücheklopfer und Haudrauf, den Will Smith erstklassig porträtiert. Der amerikanische Schauspieler, der Ali mit jeder Filmminute ähnlicher wird, erntete bereits eine Golden Globe-Nominierung und darf sich als großer Sieger feiern. Wie in der Schlußszene, als Smith den siegreichen Ali spielt, wie der nach seinem Triumph über George Foreman auf die Ringseile klettert und seine Arme in den Nachthimmel streckt.

Meisterhafte Premiere

Nur dumm, dass die Dokumentation "When We Were Kings" über den legendären Kampf in Zaire 1996 bereits einen Oscar erhielt und elektrisierender war. "Ich prophezeie", sagte Muhammad Ali, der die vergangenen Tage von einer Premiere zur anderen quer durch die USA jettete, "dass dieser Film erfolgreicher als 'Der Pate' und 'Die 10 Gebote' sein wird." Ein Spruch wie zu besten Ali-Zeiten.

Doch der Auftakt war zumindest vielversprechend. In dem Land, in dem der Wert eines Films am Einspielergebnis abgelesen wird, brachte es "Ali" am ersten Spieltag vergangenen Dienstag auf 10,2 Millionen Dollar. Damit ist die Boxbiographie der Champion aller bisherigen amerikanischen Christmas Day-Kinopremieren. Muhammad Ali dürfte sich über diesen weiteren Titelgewinn ganz besonders freuen.

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