05.09.2001 · Golfen ohne Clubzwang, in der freien Wildbahn, ohne Grenzen: Gruppendynamik statt Handicap, Spontanität statt Spiessigkeit.
Von Sabine Schreiber„Golfclubs sind langweilig und teuer“ sagt Streetgolf-Erfinder Thorsten Schilling. Birdies und Eagles können auch in freier Natur oder mitten in der City geschlagen werden.
Vor Schilling und 60 weiteren Undergroundsportlern der „Natural Born Golfers“ ist keine Location sicher. Cross-Golfen heißt ihr Sport, und mitmachen kann jeder, der Spaß am Einlochen hat und keinen Wert auf Etiketten, Kleiderordnungen und astronomisch hohe Mitgliedsbeiträge legt.
„Wir waren als Spinner verschrien“
Ob Hamburger Hafen, Parkplätze oder Grünflächen, an denen keine Spaziergänger gefährdet sind - das sonst exklusive Freizeitvergnügen geht bei den „Natural Born Golfers“ auch als Trendsport durch.
Angefangen hat Schilling 1992, als er alleine mit seinem Golfschläger loszog, um ein bisschen „um die Ecke“ zu golfen. Anfangs wurde er belächelt, dann kamen die ersten interessierten Anfragen aus dem Bekanntenkreis. „Damals war es noch schwierig eine Location zu finden, ohne von Polizei oder Security verscheucht zu werden. Dann wurden wir geduldet, waren aber immer noch als Spinner verschrien.“ Mittlerweile sind Spiel-Genehmigungen oder Sponsoren für Turniere kein Problem mehr. „Die allgemeine Akzeptanz wird immer besser“, erzählt Schilling.
Totenkopf mit gekreuzten Golfspielern
Ganz neu ist die Idee vom Golfspielen ohne Clubzwänge nicht, in USA ist das Spielen auf freien Grünflächen schon einige Jahre verbreitet. Darüber hinaus ist Golf auf den britischen Inseln und USA seit jeher nicht nur Sport und Zeitvertreib der Reichen, sondern durchaus ein Volkssport. Dennoch stammt die Idee für Cross-Golfen nicht aus USA, sondern aus deutschen Landen.
Die Hamburger Natural Born Golfers sind zu erkennen an ihrer eigens entworfenen Streetwear: auf Baseball-Kappen, T-Shirts und Windjacken prangt ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Golf-Schlägern. Passend zur Philosophie beziehen Street-Golfer ihr Equipment bevorzugt gebraucht, Thorsten Schilling erstand seinen ersten Schläger für 3 Mark auf dem Flohmarkt.
Glasschäden zahlt der Spieler
Dennoch verstehen sich die NBGs nicht als „Anarcho-Golfer“ und Revoluzzer: „Wir wollen einfach nur Golf spielen und Spaß haben ohne spießige Clubzwänge.“ Der allsonntägliche Cross-Golf-Schnupper-Treff am Hamburger Hafen steht jedem offen, sofern die Gruppe (maximal 30 Personen) nicht zu groß wird. Vor Ort geben die „alten Hasen“ kostenlosen Golf-Unterricht.
Das weltweit erste Cross-Golf-Turnier wurde von den Hamburgern mit 600 Spielern im März 2000 veranstaltet. Das Spielerfeld war bunt gemischt: vom absoluten Laien über erfahrene Cross-Golfer bis hin zum richtigen Golf-Profi. Die Spieler zahlen keine Startgebühr, müssen aber unterschreiben, dass sie für eventuelle Beschädigungen (besonders Glasscheiben sind gefährdet) selbst aufkommen.
Schrottplatz und Baggerschaufel statt gepflegtem Green
Der Spaß am Sport steht im Vordergrund und erstaunte Blicke von Passanten sind keine Seltenheit. Da läßt die Oma schon mal ihren Dackel stehen, um mit dem Eisen durchzuschwingen. Doch ganz ohne Regeln geht es auch hier nicht, denn ein Spiel ohne Grenzen macht auch für X-Golfer keinen Sinn - Leistungen wollen verglichen werden.
Die Driving Range in freier Wildbahn besteht nicht aus gepflegten Greens und Fähnchen. Alte Fabrikanlagen, Schrottplätze oder ehemalige Gefängnisse werden zum Spielplatz umfunktioniert. Vor dem Abschlag wird das Ziel definiert: Bagger-Schaufel, Mülleimer oder Blech-Container. Wo keine Löcher sind, werden auch keine gebuddelt, möglich sind auch „Akkustikziele“.
Locations gibt es in Hülle und Fülle
Mittlerweile hat das zentrale NBG-Büro 15.000 Adressen im Info-Verteiler und Büros in Paris, San Francisco, Amsterdam und London eröffnet. Angst vor der immer größer werdenden Nachfrage und eine eventuelle Entwicklung zum Massensport für jedermann, gibt es nicht: „Wir freuen uns über jeden, der Spaß daran hat und geeignete Locations gibt es in Hülle und Fülle“ so Thorsten Schilling.
Auch die Zusammenarbeit mit der Industrie bereitet keine Kopfschmerzen, auf der Münchner Sommer ISPO wurde erstmalig der Cross-Golf- Eventveranstalter X-Wayz ausgezeichnet mit dem „Brandnew Award“. Im Herbst ist eine Natural Born Golfers Deutschland Tour geplant, sie wird in Köln, Hamburg und Berlin Halt machen.
Ein Tipp für Einsteiger: sich nicht durch ungläubige Blicke von Passanten aus der Konzentration bringen lassen, sonst klappt´s nicht mit dem Einlochen.