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Cricket Brisantes Duell als Friedensfest

Nach Terroranschlägen und politischen Drohgebärden finden Inder und Pakistaner über ihren Lieblingssport Cricket zueinander - zumindest kurzzeitig.

© The Times of India Vergrößern Arbeit am Frieden: Indien und Pakistan (im Bild der Pakistani Umar Gul (r.) und der Inder M S Dhoni) nähern sich wenigstens beim Cricket einander an

„Wir brauchen einen Sieg.“ Der Tuktuk-Fahrer blickt auf ein kleines buntes Bild über dem Rückspiegel. Es ist nur mit einem dünnen Klebestreifen an dem gelben Blech seiner Motorradrikscha befestigt. „Heute braucht Indien einen Sieg“, wiederholt Ajid. Noch immer schaut er auf die kleine Zeichnung. Zu sehen ist ein rundlicher Mann mit bläulich schimmernder Haut. Er sitzt mit verschränkten Beinen auf einem kleinen Podest, hat vier Hände und trägt goldenen Schmuck. Doch das Auffälligste ist sein großer Elefantenkopf: Es ist Ganesha.

Die Gottheit Ganesha steht im Hinduismus für Glück und einen Neuanfang. Beides hat Indien nach der grausamen Vergewaltigung einer jungen Inderin dringend nötig. Doch Ajid spricht von Cricket, als er nochmals Ganesha beschwört und zum Feroz Shah Kotla Stadium abbiegt. In dem 1883 erbauten Cricketstadion fand das letzte von drei ODI-Matches zwischen Indien und Pakistan statt. ODI steht für One Day International, also Ein-Tages-Spiele. Die ersten beiden Spiele in Chennai und Kalkutta hatte schon die pakistanische Mannschaft für sich entschieden.

Hohe politische Brisanz

Die Reise der pakistanischen Nationalmannschaft nach Indien war nicht nur ein sportlich interessantes Kräftemessen. Sie barg auch hohe politische Brisanz, denn die beiden Rivalen trafen zum ersten Mal seit den Terroranschlägen von Bombay vor mehr als fünf Jahren aufeinander. Am 26. November 2008 töteten mehrere Attentäter in der indischen Hafenstadt 174 Menschen, mehr als 200 wurden verletzt. Da die indischen Behörden den pakistanischen Geheimdienst beschuldigten, von den Planungen gewusst zu haben, waren bisher auch sämtliche direkten Duelle der beiden Nationalmannschaften verboten. Lediglich bei internationalen Turnieren traf man notgedrungen aufeinander, wie im WM-Halbfinale 2011.

Und so war dieser kalte Wintertag in Delhi ein besonderer. Dichter Nebel hing über den Dächern der Hauptstadt. Nach den beiden deutlichen Niederlagen schien er fast symbolisch für den aktuellen Zustand der indischen Cricketmannschaft zu stehen, die in dem Nebel zu versinken drohte. Ein historischer 3:0-Erfolg war für die Pakistaner in greifbarer Nähe - doch es kam dann doch etwas anders. Im ausverkauften Feroz Shah Kotla Stadium entwickelte sich über acht Stunden hinweg ein packendes Spiel.

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Indiens Cricketspieler um Mannschaftsführer Mahendra Singh Dhoni erzielten zunächst 167 Punkte. Doch angesichts der schwachen Form der indischen Mannschaft zweifelten viele der 55000 Zuschauer, dass dieser Vorsprung ausreichen würde. Pakistan schlug zurück, punktete kontinuierlich. Die knapp tausend aus Pakistan angereisten Fans bejubelten lautstark jeden Punktgewinn ihres Teams.

So auch ein junger Mann mit dunkelgrünem Pakistan-Trikot. Er sprang von seinem Sitz auf und riss beide Arme in die Höhe - mitten im indischen Fanblock. Sein Nebenmann im hellblauen Shirt der indischen Mannschaft machte ihn vorsichtig darauf aufmerksam, dass der Schiedsrichter zwischenzeitlich anders entschieden hatte. Es folgte ein kurzer Moment der Stille, ehe die beiden - und der halbe Fanblock - ob des vorschnellen Jubels laut lachten.

Cricket als diplomatische Bühne

So wie auf der Tribüne hat Cricket seit je nicht nur Fans, sondern auch Politiker beider Länder zusammengeführt: 1987 nutzte der damalige pakistanische Präsident Zia ul-Haq den Besuch eines Cricketspiels zwischen Pakistan und Indien, um die angespannten Beziehungen nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan zu entlasten. 2005 diente der Besuch eines Cricketspiels Pakistans General Pervez Musharraf als Vorwand, um mit seinem indischen Kollegen über den Kaschmir-Konflikt zu verhandeln. Auch diesmal hofften viele, dass die sogenannte Cricket-Diplomatie wieder im Dienste der Politik stehen möge.

India Pakistan Cricket © dapd Vergrößern Gemeinsame Freude: Nach mehr als vier trafen sich Indien und Pakistan wieder auf dem Spielfeld - zur Freude der Fans

Im Feroz Shah Kotla Stadium von Delhi jedenfalls wirkte die Cricket-Magie. Tausende Fans aus beiden Ländern feierten friedlich zusammen auf den Rängen: Familien mit Kindern; Pakistaner, eingehüllt in ihre grüne Landesfahne, Seite an Seite mit orange gekleideten Indern. Einige Cricketfans malten sich gar die Fahnen beider Länder ins Gesicht, andere schrieben sich mit weißer Farbe das Wort „Peace“ auf die Stirn. Als es über Delhi dann allmählich dunkel wurde, dauerte das Spiel schon acht Stunden.

Der Abstand schrumpfte immer weiter, Punkt um Punkt kam Pakistan heran. Dann stand Mohammad Hafeez für Pakistan am Schlagmal, er holte aus und traf, der Ball flog durch die Luft - doch Yuvraj Singh fing die Kugel ab und sicherte Indien den Gewinn. 167 zu 157, denkbar knapp. Der Seriensieg ging zwar an den großen sportlichen und politischen Rivalen Pakistan. Trotzdem herrschte später auf den Straßen Delhis eine recht entspannte Atmosphäre. Tuktuk-Fahrer Ajid jedenfalls hofft, dass dieser Sieg ein Neuanfang ist. Doch auch er weiß, dass darüber eigentlich nur einer entscheidet: Ganesha.

Quelle: F.A.Z.

 
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