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DFB-Team beim Confed-Cup : WM-Vorbereitung der politischen Art

„Gesellschaftspolitische Vorstellungen über die vier Eckfahnen hinaus“: DFB-Präsident Reinhard Grindel. Bild: dpa

Beim Confed-Cup in Russland begibt sich die Fußball-Nationalelf auf politisch brisantes Terrain. Zuvor erzählt DFB-Präsident Grindel, wie er vor Ort die westlichen Werte vertreten will.

          Planmäßig ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am frühen Donnerstagnachmittag in Sotschi gelandet. Am Abend stand ein erstes Training auf dem Programm – eingeladen waren auch, im Rahmen der örtlichen Gegebenheiten im Olympiapark, russische Kinder und Jugendliche. Eine kleine Geste des Austausches und der Verständigung, die man beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) aber auch als Signal dafür verstanden wissen wollte, dass der Weltmeister es ernst meint mit seiner – neben der sportlichen – zweiten Ambition beim Confed-Cup und vor allem im kommenden Sommer bei der WM in Russland.

          Vor dem Abflug hatte Reinhard Grindel, der DFB-Präsident, in Frankfurt noch einmal ausführlich über die „gesellschaftspolitischen Vorstellungen über die vier Eckfahnen hinaus“ gesprochen. Und dabei den Eindruck erweckt, der DFB begebe sich tatsächlich mit einigen guten Vorsätzen auf die Reise nach Russland – und damit auf politisch brisantes Terrain wie seit der WM 1978 in der argentinischen Militärdiktatur nicht mehr, einer fernen Zeit, in der sich der Fußball für Fragen etwa nach der Menschenrechtssituation noch für unzuständig erklären konnte.

          Heute klingt es bei Grindel mit Blick auf die aktuellen Ereignisse in Russland, etwa die Inhaftierung des Kreml-Kritikers Aleksej Nawalnyj, so: „Wir werden ganz klar machen, dass Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit und Pressefreiheit etwas ist, wozu sich auch Russland durch die Mitgliedschaft in der OSZE und dem Europarat verpflichtet hat.“ Oder: „Wir beobachten, dass es einen sehr starken bürgergesellschaftlichen Protest gibt, etwa gegen Korruption, und nach unserem Verständnis muss man darauf mit Dialog reagieren und nicht mit Haftstrafen.“ Töne wie diese hört man immer noch nicht alle Tage auf der Fußballbühne – und schon gar nicht von Gianni Infantino, dem Präsidenten des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa). Der Schweizer zieht sich, was das betrifft, auf die altbekannte Position der Neutralität zurück und scheint jeden Konflikt mit Wladimir Putin vermeiden zu wollen.

          Natürlich ist sich auch Grindel bewusst, dass er nicht als Menschenrechtsbeauftragter oder Ersatz-Außenminister in Russland unterwegs ist, aber er wirkt bemüht, aus seiner Rolle als Fußballfunktionär etwas in dieser Hinsicht zu machen. Am Donnerstagabend stand ein ausführliches Gespräch mit dem russischen Botschafter auf dem Programm, an diesem Freitag will er sich mit den politischen Stiftungen in Moskau treffen, am Samstag hält er beim Petersburger Dialog eine Grundsatzrede zur gesellschaftlichen Verantwortung des Fußballs mit Blick auf die beiden Turniere in Russland. Schon im Vorfeld, ergänzte Grindel am Mittwoch, habe er unter anderen mit dem Russland-Beauftragten der Bundesregierung, dem Vorsitzenden der Deutsch-Russischen Gesellschaft sowie mit Vertretern von Reporter ohne Grenzen, Amnesty International und dem Deutsch-Russischen Austausch gesprochen.

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          Eines der Ergebnisse, so deutete er an, war jedoch, dass es mitunter leichter sei, das Richtige zu wollen, als es auch zu tun. Grindel berichtete von der Idee einer Aktion anlässlich des zweiten Gruppenspiels der Nationalmannschaft in Kasan, einer Stadt, die „von religiöser Vielfalt geprägt“ sei. Amnesty International aber habe aufgrund einer „übergroßen Nähe“ der orthodoxen Kirche zu den Machthabern klar abgeraten. Generell will Grindel den Confed Cup – wie auch Bundestrainer Joachim Löw im sportlichen Bereich – eher als Vorbereitungsturnier nutzen: um sich mit den Umständen vertraut zu machen und Kontakte zu zivilgesellschaftlichen Akteuren zu knüpfen. Vor „allzu großen Erwartungen“ schon jetzt, in den kommenden gut zwei Wochen, warnte er deshalb. „Wir wollen gut vorbereitet sein für die WM, aber Schnellschüsse können da das falsche Signal sein.“

          Zu den konkreten Überlegungen für den WM-Sommer gehören offenbar vor allem Kontakte auf sportlicher Ebene. Grindel erwähnte, dass Amateurteams, etwa aus deutschen Partnerstädten, in Russland antreten könnten. Er stellte auch ein Spiel der Blindenfußball-Nationalmannschaft in Aussicht. Besonders angetan schien es ihm aber die Idee eines U-Länderspiels kurz vor dem oder während des Turniers zu haben. Er verspreche sich davon „eine Initialzündung für den Jugendaustausch“ ähnlich dem regelmäßigen Gastspiel beim Winterturnier in Israel, sagte Grindel. Auch die A-Mannschaft werde, wie das immer bei Turnieren üblich sei, „in gesellschaftspolitische Aktivitäten eingebunden“ sein. „Wir wollen einen Beitrag dazu leisten, dass sich die Menschen bei der WM begegnen und nicht nur die Mächtigen sich an der WM begeistern.“

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          Quelle: F.A.Z.

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