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Chinas U 20 lernt Meinungsfreiheit kennen : Wer auf diese Weise „Respekt“ einfordert, handelt respektlos

An der Flagge Tibets in Mainz-Mombach stören sich die Chinesen: aber deutsche Gesetze erlauben Meinungsäußerungen. Bild: dpa

Die Regierung in Peking ist gewohnt, dass so ziemlich alle Welt nach ihrer Pfeife tanzt. Aber Deutschland darf erwarten, dass die deutschen Gesetze auch von Gästen eingehalten werden.

          In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass ein Verlag in Australien von der Veröffentlichung eines Buches in Australien absieht. Begründung: Die Thesen des Autors seien gegenüber China zu kritisch. Vor diesem Hintergrund ist es wahrlich kein Wunder, dass das chinesische Außenministerium die Kleinstdemonstration einiger Tibeter beim Testspiel der chinesischen U-20-Nationalmannschaft am Samstag in Mainz zum Anlass für eine großspurige Intervention genommen hat. Die Regierung in Peking ist mittlerweile gewohnt, dass so ziemlich alle Welt nach ihrer Pfeife tanzt. Die Formulierung des Außenministeriums, der „Respekt“ gegenüber Gästen aus China gebiete ein anderes Verhalten, soll nur kaschieren, dass China von Deutschland ganz schlicht Gehorsam erwartet.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Der „Respekt“, den China da einfordert, ist in der Tat angebracht – wenn schon, dann aber von beiden Seiten. Deutschland darf erwarten, Deutschland muss verlangen, dass die deutschen Gesetze auch von Gästen eingehalten werden. Unsere Gesetze erlauben Meinungsäußerungen. Und dass von den tibetischen Demonstranten irgendeine Bedrohung ausgegangen sei, behauptet nicht einmal die chinesische Regierung. Wenn chinesische Funktionäre (die Spieler der Jugendnationalmannschaft fragt ja niemand) mit friedlichen Demonstranten nicht umgehen können, ist das ihr Problem, nicht das ihrer deutschen Gastgeber.

          Der Deutsche Fußball-Bund mahnt jetzt mehr Gelassenheit bei den Chinesen an. Recht so, und mehr sollte der DFB auch nicht tun. Das Gastspiel der chinesischen U 20 in der Regionalliga Südwest ist bei den betroffenen Vereinen ohnehin nicht auf ungeteilte Zustimmung gestoßen. Da sollte man sich jetzt nicht auch noch politische Vorschriften machen lassen.

          Diese Flagge ist Peking genehm

          Wenn die chinesischen Funktionäre ihre armen jungen Fußballer nicht dem erfrischenden Wind freier Meinungsäußerung aussetzen wollen, gibt es reichlich andere Möglichkeiten. Die Jugendnationalmannschaft könnte zum Beispiel in Russland, in Aserbaidschan oder in einer der China benachbarten zentralasiatischen Republiken ihre Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2020 absolvieren. Ob das sportlich so wertvoll wäre wie der Ausflug in die vierthöchste Spielklasse in Deutschland, sei dahingestellt. Aber das Sportliche ist in diesem Fall ja ganz offensichtlich zweitrangig. Der DFB macht Sportpolitik. Und in China ist sowieso alles, was irgendwie mit Sport zu tun hat, hochpolitisch.

          Wenn China meint, es sei gut, viele Testspielerfahrungen in Deutschland zu sammeln – herzlich gerne. Wenn China freilich meint, es könne sich gegenüber den freundlichen Gastgebern herrisch aufführen – danke, nein. Wer auf diese Weise „Respekt“ einfordert, handelt respektlos.

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