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Champions League Mourinho rauft sich im Steinbruch

 ·  Vor dem Spiel gegen Dortmund zettelt José Mourinho eine Debatte über die Nachwuchsarbeit bei Real Madrid an. Die Nachwuchsmannschaft spiele nicht dasselbe System. Seit Raúl und Casillas schaffte es kein „canterano“ mehr dauerhaft in die erste Mannschaft.

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© dpa Vergrößern Feldherr: Vor Mourinho gehen Sergio Ramos (rechts) und Özil in die Knie.

Was wird José Mourinho mal tun, wenn er sich mit niemandem mehr anlegen, niemanden ärgern und keinen mehr verdrängen kann, weil seine Macht längst absolut ist und alle vor ihm kuschen? Und das bei dem Weltklub Real Madrid? Antwort: Er wird sich neue Gegner erfinden. Er ist schon dabei. Man hätte gedacht, die vergangene Woche würde im Zeichen ernsthafter Vorbereitungen des Champions-League-Rückspiels gegen Borussia Dortmund an diesem Dienstag (20.45 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker) stehen, wofür es nach dem 1:2 beim BVB eine Menge guter Gründe gegeben hätte. Aber weit gefehlt. Sie stand im Zeichen des Zanks um den Real-Nachwuchs. Und diesen Zank brach Manager Mourinho höchstpersönlich vom Zaun: mit dem absurden Vorwurf, Real Madrid Castella, die kürzlich in die zweite spanische Liga aufgestiegene Nachwuchsmannschaft des Klubs, spiele nicht dasselbe System wie Ronaldo, Özil & Co.

Natürlich gibt es für diese Klage einen Hintergrund, der dann doch mit dem Dortmund-Spiel zu tun hat. Es fehlen Defensivkräfte. Der linke Außenverteidiger Marcelo soll in zwei Wochen seinen Gips abbekommen. Sein Stellvertreter Fabio Coentrão ist auch nicht fit. In diesem Zusammenhang kam vor vierzehn Tagen die Rede auf Nacho, einen Nachwuchsmann von Real Madrid Castilla, von dem Mourinho plötzlich sagte, er spiele bei seinem Team ja als Innen-, nicht Außenverteidiger, wie das denn komme? Und warum der Nachwuchstrainer die Leute nicht so ausbilde, wie er, Mourinho, sie brauche?

Keine Rohdiamanten wie bei der Jugend von Barcelona

Also schaute man etwas genauer hin und rieb sich die Augen, denn ausgerechnet der Nachwuchs - in Spanien sagt man dazu „cantera“, Steinbruch - ist bei Real Madrid ziemlich auf den Hund gekommen. Nach Raúl, Guti und Casillas hat es kein „canterano“ mehr dauerhaft in die erste Mannschaft geschafft. Während der Erzrivale FC Barcelona in seiner Jugendakademie einen Rohdiamanten nach dem anderen hervorbringt und in manchen Partien acht Spieler aus dem eigenen Nachwuchs auf dem Platz stehen - zum Beispiel Messi, Xavi, Iniesta, Busquets, Puyol, Piqué, Pedro, Tello, Montoya -, müssen die Real-Jungen sich die ersten Sporen meist anderswo verdienen und werden dann in Ausnahmefällen vom Mutterhaus zurückgekauft, selten mit Erfolg.

Für die Jungspieler ist das ebenso wenig erbaulich wie für den Trainer des B-Kaders, denn einerseits soll man stets zur Verfügung stehen, obwohl die Gelegenheit sich in der Praxis nie ergibt, andererseits soll man das taktische System Mourinhos in Ehren halten, für das man gar nicht die geeigneten Spieler hat. Jetzt hoffen die Beteiligten, dass das Thema vom Tisch ist, sobald der Portugiese alle Mann an Bord hat.

Álvaro Arbeloa wird gegen Dortmund auflaufen, vermutlich auf links, während Pepe und Varane die Innenverteidigung bilden und der angeschlagene Sergio Ramos die rechte Außenbahn bewacht. Seit zwei Wochen trainiert der Nationalspieler wegen Schmerzen im Lendenwirbelbereich nicht mehr mit dem Ball und beschränkt sich auf Fitnessübungen. Eigentlich müsste Ramos eine Pause einlegen, aber das lässt die Bedeutung der Partie nicht zu. Im Verein halten sie ihn, so die Sportzeitung „Marca“, für einen harten Jungen, dessen Schmerzgrenze zehnmal höher liege als beim Rest der Mannschaft.

Beträchtlicher Respekt vor Dortmund

Was Dortmund betrifft, macht man sich in Madrid nichts vor: Die Mannschaft schwächelt zwar in der Bundesliga, hat aber in der Champions League den Biss der Großen entwickelt. Der Respekt der Madrilenen vor Götze, Reus, Hummels und ihren Kameraden ist beträchtlich. Mag die spanische Nationalmannschaft der deutschen immer wieder den Schneid abgekauft haben, auf Vereinsebene läuft es oft noch umgekehrt.

Real ist es nicht mehr gewohnt, Gruppenspiele in der Champions League zu verlieren. Noch ist keine Endspielstimmung eingezogen, aber das Match wird mitentscheidend für den Gruppensieg sein, von der moralischen Wirkung zu schweigen. Da wäre ein wenig Kreativität willkommen. Aber wer von den beiden Filigrantechnikern im Team gerade die Nase vorn hat, Mesut Özil oder Luka Modric, ist schwer zu sagen. Mourinho wird wohl einen der beiden vor Xabi Alonso und dessen Gehilfen Michael Essien plazieren. Essien ist der klassische Mourinho-Spieler: starke Physis, diszipliniert, technisch nicht zu fein. Auch solche Leute werden gegen Dortmund gebraucht.

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