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Champions-League-Kommentar Stürmische Zeiten

28.05.2009 ·  Mit Barcelonas Sieg im Endspiel der Champions League triumphierte der publikumsfreundliche, spektakuläre Fußball. Nicht nur die Defensive gewinnt Titel. Das zeigte auch der deutsche Meister VfL Wolfsburg auf niedrigerem Niveau. Am Offensivgeist sollten sich andere ein Beispiel nehmen.

Von Roland Zorn
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Die Fußball-Lehrsätze von gestern sind manchmal auch nicht mehr als Leergut von heute. Wer immer behauptet hat, dass Offensive Spiele und Defensive Meisterschaften gewinne, sollte sich derzeit weitere Zettelkastenweisheiten verkneifen. Der FC Barcelona hat in dieser Saison neue Leitlinien durchgesetzt: Mit dem ständigen Mut zur Offensive und zur Phantasie hat der neue Champions-League-Eroberer die europäische Meisterklasse spielend aufgemischt (siehe auch: 2:0 gegen United: Messi und Eto'o krönen Barça).

Dreißig Treffer, mehr als jedes andere Team, erzielten die Katalanen bis zum Finale in Rom. Gegen Manchester United packten sie noch zwei Tore drauf – und bewiesen dazu trotz des Ausfalls von vier Abwehrsäulen eine beachtliche defensive Qualität. Zu null gegen stürmische Widersacher wie Cristiano Ronaldo, Wayne Rooney oder Carlos Tevez, auch das war eine bemerkenswerte Leistung des in allen Mannschaftsteilen positiv und vorwärts orientierten Champions (siehe auch: Pressestimmen: „Ein argentinischer Kobold erleuchtet die Nacht“).

Da von den Endspielen im wichtigsten internationalen Vereinswettbewerb immer auch Impulse und Signale ausgehen, hat der FC Barcelona all jenen Trainern frischen Mut gemacht, die von vornherein – und nicht erst unter dem Zwang der Verhältnisse – etwas riskieren wollen. Es triumphierte in Rom der publikumsfreundliche, spektakuläre Fußball. Sicher auch, weil der FC Barcelona die Kombinationskunst seiner Protagonisten zu einem einmaligen Markenzeichen des Fußballs der Gegenwart erhoben hat (dem nur noch die spanische Nationalmannschaft mit den Barça-Stars Iniesta und Xavi vorneweg nahekommt).

Video: Barcelona feiert historischen Sieg

Die katalanische Weltattraktion anderswo zu kopieren wird mangels individueller Klasse nicht gelingen. Wohl aber regt die systematische Angriffslust der von Josep Guardiola stürmisch beflügelten Mannschaft dazu an, auch anderswo, wenn auch mit bescheideneren Mitteln, zur Attacke überzugehen. Fußballspieler, die erst einmal gewinnen und nicht zuerst verlieren wollen, unterhalten ihre Anhänger grundsätzlich besser – vorausgesetzt, sie laufen dabei nicht ständig ins Verderben.

Dass auch in Deutschland den Verfechtern des defensiv verankerten Ergebnisfußballs in diesem Spieljahr ein leuchtendes Gegenbeispiel vor Augen gehalten wurde, ist dem neuen Meister zu verdanken. Der VfL Wolfsburg kam zwar im Vergleich zu den 104 Toren, die der FC Barcelona in der Primera División bisher erzielte, „nur“ auf 80 Saisontore, doch war auch diese respektable Ausbeute ein Kennzeichen für den Angriffsschwung, den die Stürmer Grafite und Dzeko, dazu aufgefordert von ihrem Trainer Felix Magath, in der Bundesliga verbreiteten (siehe auch: VfL Wolfsburg: Grafite, Dzeko, Misimovic - die perfekte Offensive ).

Stürmische Zeiten: Gibt der Fußball diesem Trend zum Trefferreichtum weiter nach, werden die Stadien auch in Zukunft eine Spielwiese des Massenvergnügens bleiben. Barcelona hat im Großen, Wolfsburg im etwas Kleineren Maßstäbe gesetzt, die der vorherrschenden Lehrmeinung widersprachen. Und das war sehr gut so.

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