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BVB-Kommentar Der Schrecken der Stecknadel

Dortmund fürchtet vor dem Pokal-Achtelfinale die Ruhe während des Sturms. Deshalb richtet sich der deutsche Meister in einem offenen Brief an seine Fans - als Bittsteller. In der Debatte um die äußere Sicherheit laufen selbst die großen Revierklubs Gefahr, ihre innere Stabilität einzubüßen.

© imago sportfotodienst Vergrößern So soll es sein: Wenn die BVB-Fans Stimmung machen, freuts auch die Verantwortlichen des Vereins

Fußball wird ja gerne mit Kunst verglichen oder gar als eigene Kunstform eingestuft. Jüngst hat Cheftrainer Jürgen Klopp seinen Klub Borussia Dortmund als Gesamtkunstwerk gepriesen, das aus vielen Komponenten bestehe. Zu diesem Gesamtkunstwerk gehören auch die Fans, die nicht nur Eintritt zahlen, sondern ihre Mannschaft auch lautstark nach vorne peitschen. Doch die Einpeitscher sind verärgert, zumindest in Teilen. Sie gehen dazu über, dem Gesamtkunstwerk den Faktor Emotion zu entziehen, um gegen das Sicherheitskonzept der Verbände DFB und DFL zu streiken. Das Stadion, sonst Heimat der lauten Töne, könnte zur stimmungsberuhigten Zone mutieren, nach dem Motto: Durch unser Schweigen protestieren wir laut.

BVB in der Rolle des Bittstellers

Der BVB fürchtet nicht die Ruhe vor dem Sturm, sondern die Ruhe während des Sturms. Vor dem Pokal-Achtelfinale gegen Hannover 96 (Mittwoch, 20.30 Uhr / Live im DFB-Pokal-Ticker bei FAZ.NET) hat sich der deutsche Meister mit einem offenen Brief an seine Fans gewandt. Der erfolgreichste Bundesligaverein der vergangenen beiden Jahre sieht sich in die Rolle des Bittstellers gedrängt. „Wir bitten euch alle, keine Gräben innerhalb der Fangemeinschaft und zwischen uns und euch entstehen zu lassen“, lautet einer der Kernsätze. „Wir möchten euch bitten, uns wieder zu unterstützen.“ Wie wichtig das Thema dem Klub ist, zeigt auch, wer den Brief unterzeichnet hat: Geschäftsführer Watzke, Sportdirektor Zorc, Trainer Klopp und Kapitän Kehl. Sie bedienen sich sogar einer Formulierung der „Toten Hosen“, die mit Fortuna Düsseldorf sympathisieren. Es gehe „um Tage wie diese, damals im Mai 2012“. Gemeint ist der Tag, an dem Dortmund den FC Bayern mit dem 5:2 im Pokalfinale gedemütigt hat. An jenem Abend erhoben die Borussen ihr Spiel tatsächlich zur Kunstform.

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Verantwortlichen und Spielern des BVB muss es wie ein Horror vorkommen, Deutschlands größtes Fußballstadion könnte zu einem Ort werden, an dem 80.000 Menschen neunzig oder hundertzwanzig Minuten lang jede Stecknadel fallen hören könnten. Das ist zwar kaum vorstellbar, aber auch nicht auszuschließen. Sonst hätten Klopp & Co den Brief nicht geschrieben. Zuletzt in Hoffenheim hatten Begleiter der Borussia die meiste Zeit geschwiegen und ihre Plakate falsch herum aufgehängt. Vorher war die Geschäftsstelle beschmiert worden, ebenso die Kanzlei des Vereinspräsidenten Rauball.

Unerschöpfliche Reserve an Liebe

Das ist auch damit zu erklären, dass Rauball zugleich der Deutschen Fußball-Liga vorsteht, einer Organisation also, der manche Fans, besonders die Ultras, feindselig gegenüberstehen. Ein ähnliches Problem gibt es beim Nachbarn Schalke 04. Dort riefen Ultras beim Spiel gegen Freiburg „Peters raus!“. Der Finanzmanager ist bei der DFL Rauballs Stellvertreter. Andere entgegneten: „Ultras raus!“.

Sogar die großen Klubs aus dem Ruhrgebiet, deren Fans über scheinbar unerschöpfliche Reserven an Liebe und Geduld verfügen, laufen also Gefahr, in der Debatte um die äußere Sicherheit ihre innere Stabilität einzubüßen.

Quelle: F.A.Z.

 
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