Fußball ist wird gern mit der Oper verglichen. Dabei ähnelt er einer anderen Bühnenkunst mehr. Sie bietet „eine heitere oder sentimentale Handlung“ und „gesprochene Dialoge zwischen den Nummern“. Also das, was auch die Bundesliga schön macht. Fußball ist nicht Oper. Fußball ist Operette.
Am Tabellenende hat man nun offenbar gut hingehört. „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“, so wird seit 1874 in der „Fledermaus“ von Johann Strauss eine ewige Lebensweisheit angestimmt, die heutzutage auch jeder Sportpsychologe und Managementberater für gutes Geld im Programm hat. Hertha BSC scheint genau das in der Winterpause gelungen zu sein: das, was nicht mehr zu ändern ist, zu vergessen, nämlich das Jahr 2009 mit der Vorrundenausbeute von sechs Punkten aus siebzehn Spielen. Dafür haben sie geändert, was noch zu ändern war: Kader, Einstellung, Auftreten. Resultat war ein imponierender 3:0-Sieg in Hannover, den sie wie eine Befreiung feierten. Ganz unten stehen sie immer noch, aber es fühlt sich nun viel besser an.
Der Mensch hat ja eine erstaunliche Grundfähigkeit: über Nacht zwar seine Probleme nicht zu lösen, aber doch im Schlaf seine Verzagtheit zu vergessen, also jeden Tag neu anzufangen. Im atemlosen Geschäftsbetrieb geht diese Gabe schnell verloren, erst recht im Fußball, in dem man kaum noch Ruhe bekommt. Da hilft nur die Winterpause, wie ein Mittagsschläfchen an einem hektischen Arbeitstag: eine kurze Auszeit, die Frische für einen Neustart gibt.
Untergegangen ist die Hertha noch nie
Vielleicht ist die durch Terminzwänge im WM-Jahr erforderte und vielkritisierte kurze Form der Bundesliga-Winterpause gar nicht so schlecht. Bei denen, die im Tritt sind, bleiben Sicherheit und Feinabstimmung besser erhalten als bei einer siebenwöchigen Pause. Bei denen, die es nicht sind, reichen auch vier Wochen für einen gefühlten Neuanfang. Das Niveau am ersten Spieltag des neuen Jahrzehnts war jedenfalls erstaunlich gut, viel besser, als man es sonst bei einem Rückrundenstart angesichts rostiger Beine und matschiger Plätze erwarten durfte. Kellerkinder wie Berlin oder Bochum gewannen nicht mit dem im Abstiegskampf üblichen Mix aus Blutgrätsche und Brechstange, sondern kombinierten ihre Treffer fein heraus. Titelkandidaten wie Leverkusen und München hielten ihr vorweihnachtliches Niveau nach kurzem Stotterstart problemlos.
Natürlich gibt es Gegenbeispiele, vor allem die Teams aus dem winterlich geplagten Norden, die zum Rückrundenauftakt nicht auf Betriebstemperatur kamen; nur Hamburg trotzte dem Tief. Dabei hatte Wolfsburg noch im letzten Winter demonstriert, welche Chance die Pause bietet, um Trends zu brechen, und war mit 42 von 51 möglichen Rückrundenpunkten von Platz acht zum Titel gestürmt.
Die Hertha braucht nun aus der Rückrunde 28 Punkte für die Rettung, so jedenfalls rechnet Trainer Funkel. Das klang noch bis Samstag utopisch. Aber erstens ist die Hertha 1919 einem Abstieg schon einmal auf die unglaublichste Weise entgangen, als im Entscheidungsspiel um den Verbleib in der höchsten Hauptstadtliga gegen den Berliner FV ihr Torwart schon geschlagen war, dann aber ein Fan auf den Platz lief und den Ball vor der Linie wegschlug. Und zweitens ist der Vergnügungsdampfer, nach dem der Klub benannt wurde, auch im Alter von 124 Jahren immer noch auf der Kyritzer Seenplatte in Betrieb. Untergegangen ist die Hertha noch nie. Bliebe es dabei, es wäre Stoff für eine Operette.