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Bundesliga-Kommentar Stimmen und Stimmung

Die Fußballfans in deutschen Stadien sind von Konsumenten zu Akteuren des Spektakels geworden. Das heißt nicht, dass sie die Spielregeln bestimmen können. Und doch wäre die Deutsche Fußball-Liga gut beraten gewesen, ihre Stimme rechtzeitig zu hören.

© dpa Vergrößern Das große Schweigen: In den deutschen Stadien ist das farbenfrohe Spektakel Stille gewichen - zumindest in den Anfangsphasen der Spiele

Um sich Gehör zu verschaffen, glaubten die Fans in den Stadien zuletzt nur noch ein Mittel zu haben: Sie stellten sich stumm. Seit drei Spieltagen schon fehlt den Partien der Bundesliga in den ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden eine Tonspur, die ganz wesentlich zum akustischen Gesamteindruck der größten deutschen Volksbühne beiträgt: „Ohne Stimme keine Stimmung“ - das Motto der Aktion ist nicht nur die Logik der Fans, mit der sie gegen das an diesem Mittwoch zur Abstimmung anstehende Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga (DFL) protestieren. Es beschreibt vielmehr die Realität in deutschen Stadien auch aus objektiver Sicht ziemlich treffend.

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In Verbindung mit den farbenfrohen Protestmärschen durch deutsche Städte setzte ein Teil des Publikums damit kurz vor dem Votum der Liga-Vollversammlung noch einmal ein eindrucksvolles Zeichen: Wir gehören dazu. Tatsächlich wäre die Bundesliga ohne ihre besondere Fankultur nicht das, als was man sie ohne Übertreibung preisen darf: die wohl attraktivste Fußball-Liga Europas.

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Um zu sehen, dass es auch ganz anders geht, genügt ein Blick nach England oder Italien. In beiden Ländern hat sich der Fußball von seiner Basis gelöst - nur auf ganz unterschiedliche Weise. Während in England die hochpreisige Ticket-Politik für saturierte Langeweile auf den Tribünen sorgt, hat der italienische Fußball jegliche Kontrolle über sein Publikum verloren. Weder in die eine noch in die andere Richtung darf der deutsche Fußball abdriften, will er sein Erfolgsmodell nicht gefährden. Anlass, über die Bedingungen eines „sicheren Stadionerlebnisses“ nachzudenken, gibt es allemal.

Von Konsumenten zu Akteuren des Spektakels

Ein echtes Gewaltproblem hat der deutsche Fußball zwar (noch) nicht, beunruhigende Tendenzen zu einer anmaßenden Haltung in Teilen seines Publikums aber schon - auch, weil die Vereine dem nicht entschlossen genug entgegenwirkten. Wer ernsthaft den Gebrauch von Pyrotechnik zur Conditio sine qua non eines Dialogs erhebt, hat auf seine Art den Bezug zur Realität verloren. Die Fans, insbesondere die als Ultras organisierten, mögen von reinen Konsumenten zu Akteuren des Spektakels geworden sein - das heißt aber noch lange nicht, dass sie auch die Spielregeln bestimmen können.

Das Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" soll bei der DFL-Mitgliederversammlung am 12.12. beschlossen werden. Die Fans kritisieren, dass mit den vorgeschlagenen Maßnahmen die Fankultur zerstört werde. Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© reuters Vergrößern DFL-Sicherheitspapier: Fußballfans protestieren

Und doch wären die Strategen der DFL gut beraten gewesen, die Stimme der Fans rechtzeitig und in angemessenem Umfang zu hören. Das gebietet nicht nur ein vernünftiges Miteinander, es wäre auch die Voraussetzung für einen konstruktiven Austausch gewesen. So ist eine verzwickte Situation entstanden, in der viel Druck auf allen Beteiligten lastet - und in der das Risiko eines Scheiterns des spät und mühsam in die Gänge gekommenen Dialogs ziemlich groß ist.

All diejenigen aber, die in den vergangenen Tagen aus Überzeugung oder bloßem Kalkül die Law-and-Order-Karte gespielt haben, sollten wissen, dass dies nicht der Trumpf in diesem Spiel sein kann. Nicht nur der Fußball, auch die Gesellschaft insgesamt braucht (Frei-)Räume, in denen junge Erwachsene sich ausprobieren und entfalten können - selbstverständlich in einem Rahmen, der niemandem Schaden verheißt. Die Fans, die am Wochenende protestierten, haben Angst, genau jenen Freiraum zu verlieren. Es wäre ein Verlust, der nicht nur sie allein trifft.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.12.2012, 15:38 Uhr

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Von Michael Ashelm

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