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Bundesliga-Kommentar Schalke zwischen Vision und Wahn

Die Schalker Trainer-Trennung sagt einiges aus über den Fußball-Lehrer Huub Stevens und noch mehr über den Zustand des Vereins, der permanent darauf angewiesen ist, Zeit zu gewinnen. Jetzt ruhen die Hoffnungen auf Jens Keller.

© dpa Vergrößern Aus und vorbei: „Jahrhunderttrainer“ Huub Stevens verlässt Schalke

Nun ist also auch der Jahrhundert-Trainer des FC Schalke 04 bei diesem verrückten Klub gescheitert. Dieser Befund bedurfte nur noch des Bestätigungsvermerks, den die Leistung der Mannschaft bei der Heimniederlage gegen Freiburg erteilt hat. Die Trennung sagt einiges aus über den Fußball-Lehrer Huub Stevens und noch mehr über den Zustand des Vereins.

Vor fünfzehn Monaten, als Schalke wieder einmal ohne Trainer dastand, kehrte Stevens an den Ort zurück, an dem er seine größten Siege errungen hatte. Auch weil er Fan dieses Vereins ist, wie er behauptet. Er wirkte gereift, geläutert, zuweilen sogar jovial und freundlich - aber nur solange der Erfolg anhielt.

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Als die Mannschaft sich anschickte, ins Bundesliga-Mittelmaß zurückzufallen, verwandelte Stevens sich zurück in den knurrigen, knorrigen Zeitgenossen, dem es letztlich doch schwerfällt zu verstehen, dass Fußball ein Unterhaltungsgeschäft ist, in dem es nicht nur darauf ankommt, eine klare Linie autoritär zu vermitteln, sondern die Autorität mit einem gewissen Charme zu verknüpfen, gerade wenn es nicht so läuft wie gewünscht. Gelungen ist ihm das nicht. Er hat versucht sich zu ändern, es aber nicht geschafft.

Die Schalker hatten Stevens in erster Linie deshalb zurückgeholt, weil sie Zeit gewinnen wollten. Da man einem profilierten Trainer mit solchen Verdiensten um den Klub (Gewinn des Uefa-Cups und zwei DFB-Pokalsiege) keinen Vertrag über neun Monate geben kann, wie es der HSV zum gleichen Zeitpunkt vorhatte, offerierte Manager Horst Heldt eine Zusammenarbeit bis Juni 2013, in der Hoffnung, es werde so lange schon gut gehen.

Kragen hoch und weg: Schalke entlässt „Jahrhunderttrainer“ Huub Stevens Artikel.Text Video starten $fazgets_pct
© AFP, reuters Vergrößern Schalke entlässt Trainer Stevens

Zunächst ging es besser, als viele dachten. Stevens führte eine junge Mannschaft, trotz Torwartproblem, in die Champions League und dort als Gruppensieger ins Achtelfinale. Doch mitten in der ersten Halbserie dieser Saison geriet alles durcheinander.

Das sagt mehr über Schalke als über Stevens. Der Trainer ist letztlich der Alte geblieben, der Klub aber glaubte sich weiterentwickelt zu haben. Doch Schalke bleibt ein Verein, der permanent darauf angewiesen ist, Zeit zu gewinnen. Jetzt ruhen die Hoffnungen auf Jens Keller, dem vorherigen U-17-Trainer, mindestens für ein halbes Jahr. Falls Keller so lange durchhält, wird sich die Frage stellen, ob er bleiben darf oder ob Trainer wie Armin Veh oder Thomas Tuchel bereit sind, den heiklen und doch attraktiven Posten zu übernehmen.

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Diese Trainer, bei ihren aktuellen Klubs Eintracht Frankfurt und Mainz 05 hoch angesehen, wüssten die Chance, in Gelsenkirchen groß rauszukommen, sicher zu schätzen. Sie sind aber auch klug genug zu erkennen, dass ein Wechsel nach Schalke mit dem Risiko eines baldigen Scheiterns behaftet ist. Ob Stevens, Heynckes, Rangnick oder Magath - auf Schalke hat keine dieser Branchengrößen ihre Ruhe gehabt. Das macht die Suche nicht leichter.

Also besitzt Keller mindestens eine Außenseiterchance. Vor einigen Jahren wurde Mirko Slomka, zu jener Zeit als Trainer so unbekannt wie Keller jetzt, zum Schalker Cheftrainer ernannt - und als Übergangslösung gehandelt. Er wurde Bundesliga-Zweiter, erreichte das Viertelfinale der Champions League und blieb - bis Schalke im ewigen Spannungsfeld zwischen Vision und Wahn wieder Zeit gewinnen musste.

Quelle: F.A.Z.

 
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