14.03.2010 · Bei den Ausschreitungen im Berliner Olympiastadion sind mehrere Grenzen überschritten worden. Die Unberechenbarkeit und Intensität von Gewalt ist ein wachsendes Problem der Gesellschaft. Ob eine Lösung innerhalb des Fußballs möglich ist, scheint fraglich.
Von Christian KampIn Berlin sind an diesem Samstag gleich mehrere Grenzen überschritten worden. Die des tolerablen Verhaltens sowieso: Randale ist keine durch den Kauf einer Eintrittskarte gedeckte Form der Unmutsbekundung. Dass eine Gruppe von rund hundert Zuschauern nach dem Abpfiff des Spiels zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Nürnberg den Rasen des Olympiastadions stürmte, verletzte eine Linie aber in besonderer Weise: Wenn selbst die Spieler auf dem Platz um ihre Gesundheit fürchten müssen, dann berührt das den Kern des Zuschauersports Fußball. So weit darf der Arm der Fans unter keinen Umständen reichen. Und so weit, dass das möglich wird, darf auch die Strategie der Deeskalation von Seiten der Ordnungskräfte nicht gehen.
Platzstürme mögen in den unteren Ligen nach wie vor zum unseligen Repertoire gehören, in der auf Hochglanz polierten Bundesliga aber hielt man derlei nicht mehr für möglich. Das machte die Bilder von flüchtenden Spielern und verwüstetem Mobiliar auch so verstörend. Zugleich, und das ist das wirklich Beunruhigende, passen die Berliner Jagdszenen ins Bild der vergangenen Monate.
Kaum eine Woche verging zuletzt, ohne dass ein Bundesligaklub für das Fehlverhalten seiner Fans eine Strafe vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes aufgebrummt bekam. Gewiss war auch manches Bagatelldelikt darunter. Dass aber Verfehlungen pyrotechnischer Art nicht als harmlose Zündeleien durchgehen dürfen, zeigten spätestens die acht Verletzten im Nürnberger Block beim Spiel in Bochum Ende Februar.
Schlimmer jedoch waren einige unvermittelte Gewaltausbrüche, die von niedriger Hemmschwelle und willkürlicher Aggression zeugten. Wie im November, als Kölner Fans in Bochum randalierten und dabei zwei Ordner schwer verletzten. Oder vor 14 Tagen, als Spieler von Union Berlin beim Stadionbesuch in Gelsenkirchen von Schalker Fans angegriffen wurden. Spontane Prügeleien auf Autobahnrasthöfen oder in Zügen scheinen mittlerweile ohnehin zum Begleitprogramm der Spieltage zu gehören.
Niedrige Hemmschwelle, willkürliche Aggression
Auf Seiten der Fans wurde offenbar nicht erkannt, dass Ausschreitungen dieser Art langfristig vor allem ihnen selbst schaden. In der vergangenen Woche formulierten die Fanbeauftragten der Bundesligaklubs einen offenen Brief an die eigene Klientel, in dem sie die Fehlentwicklungen anprangerten. Indiz für eine schmerzhafte Selbsterkenntnis, dass die oft beschworenen Selbstreinigungskräfte bei bestimmten Gruppen innerhalb der immer stärker fragmentierten Fanszene an Grenzen stoßen.
Thomas Schneider, der Fan-Experte der Deutschen Fußball Liga (DFL), hatte kürzlich gar den Begriff „Hooliganismus 2.0“ gebraucht. Bei der DFL zeigt man sich beunruhigt über die „Häufung gewalttätiger Vorkommnisse“, von der Präsident Reinhard Rauball am Sonntag sprach. Nun soll eine „ligaweite Strategie“ entwickelt werden. Die Frage wird jedoch sein, ob eine Lösung innerhalb der Grenzen des Fußballs überhaupt möglich ist.
Schließlich ist zunehmende Unberechenbarkeit und Intensität von Gewalt, zumal bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ein wachsendes Problem der Gesellschaft insgesamt. Der Berliner Fall mag noch vergleichsweise glimpflich ausgegangen sein und der deutsche Fußball von italienischen Verhältnissen weit entfernt. Dennoch hat Dieter Hecking, der Nürnberger Trainer, recht, wenn er sagt: „Wir müssen aufpassen, dass der Fußball nicht verkommt.“