15.12.2008 · Herbstmeister Hoffenheim hat die Hierarchie der Liga durcheinandergewirbelt und die Spannung erhöht. Mit dem Uraltmotto „Weiter so“ ist immer weniger zu gewinnen. Gleichwohl hat sich der Abstand der Habenichtse zu den Spitzen der Fußball-Gesellschaft weiter vergrößert.
Von Michael HoreniHoffenheim? Nein. Wer verstehen will, wie sich die Fußball-Bundesliga in diesem Jahr verändert hat, sollte auf Arminia Bielefeld schauen. Artur Wichniarek erzielte in Hannover sein zehntes Saisontor, die Mannschaft holte mit dem 1:1 in Hannover einen Punkt und überwintert auf Tabellenplatz 14, knapp entfernt von den Abstiegsrängen.
In diesen Regionen fühlt sich Bielefeld seit jeher heimisch, sechsmal ist die Arminia schon abgestiegen, siebenmal aufgestiegen. Aber noch nie seit der Einführung der Dreipunkteregel musste eine Mannschaft weniger leisten, um sich Platz 14 zu sichern. Bielefeld reichen dafür schon 14 Pünktchen. Die Pendlerpauschale zwischen erster und zweiter Liga – in 45 Jahren Bundesliga war sie nie so gering wie heute.
Spaltung zwischen Arm und Reich
Der Abstand der Habenichtse zu den Spitzen der Fußball-Gesellschaft hat sich in dieser Saison noch einmal vergrößert. Auch dies ist eine unmittelbare Folge des verschärften Verdrängungswettbewerbs, den Aufsteiger und Herbstmeister Hoffenheim an der Spitze bis in die Niederungen der Liga ausgelöst hat. Mönchengladbach, Bochum, Cottbus, Karlsruhe und Bielefeld haben gemeinsam weniger Punkte zusammengekratzt und Tore geschossen als das so ungleiche deutsche Spitzenduo Bayern und Hoffenheim.
Die immer weiter voneinander entfernten Fußball-Welten innerhalb der Liga sind der Preis für den Leistungsfortschritt, den die Liga in ihren besseren Kreisen zahlt. So stimmen auch die alten Bezugsrahmen nicht mehr. 40 Punkte holen zu müssen, um sich vor dem Abstieg zu retten, darum geht es schon längst nicht mehr. In dieser Saison könnten erstmals 30 Punkte reichen.
Überall neue Wege
Der durch Hoffenheim exemplarisch verschärfte Wettbewerb erhöht nicht nur die Spannung in der Liga, in der viel zu lange neue Konzepte als alltagsuntauglich verworfen wurden. Die Hinrunde hat wie vielleicht noch nie deutlich gemacht, dass mit dem Uraltmotto „Weiter so“ auch in der Bundesliga immer weniger zu gewinnen ist. Vor drei, vier Jahren, als Jürgen Klinsmann die Nationalmannschaft als Bundestrainer vorantrieb, hörte man als Reaktion noch viel zu oft den Bundesliga-Sound der Selbstzufriedenheit: Geht nicht, gibt’s nicht, gab’s noch nie.
Die Halbserie 2008 hat dagegen eine sportliche und gedankliche Vielfalt offenbart, die nicht nur dazu geeignet scheint, die Bundesliga in Zeiten der Finanzkrise im internationalen Geschäft mehr als nur zu stabilisieren, sondern sie nach vielen Jahren des Rückschritts auch mal wieder ein Stück voranzubringen. Neben der Innovationskraft der Hoffenheimer Reißbrettkonstruktion bewegt sich nicht nur der Rekordmeister FC Bayern in seinen viel fester gefügten Strukturen und Traditionen schneller als in der Vergangenheit.
Überall sind neue Wege zu erkennen, wie Klubs und Trainer auf ihre ganz eigene Weise vorankommen: Der Leverkusener Neuling Bruno Labbadia hat die Liga ebenso und dennoch ganz anders bereichert als Routinier Felix Magath mit Wolfsburg oder Jürgen Klopp mit Borussia Dortmund und nicht zuletzt Lucien Favre mit dem Überraschungsdritten Hertha BSC. Das neue, höhere Tempo, das die Bundesliga in der Spitze eingeschlagen hat, ist das seit vielen Jahren schönste Versprechen für ein gutes neues Fußballjahr.