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Bundesinnenminister Friedrich „Sportlicher Erfolg ist nicht nur eine Frage des Geldes“

 ·  Bundesinnenminister Friedrich möchte nicht mehr Geld für Spitzensportler ausgeben. Im F.A.Z.-Interview erklärt er, dass neben staatlicher Förderung andere Wege denkbar seien - zum Beispiel eine privatisierte Nachwuchsförderung.

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© dpa Zwei, die gefordert sind: Bundesinnenminister Friedrich (links) und DOSB-Präsident Bach

Der Deutsche Olympische Sportbund fordert in Person seines Präsidenten Thomas Bach bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro 25 Millionen Euro mehr Sportförderung; das sind nur gut sechs Millionen pro Jahr auf die 130 Millionen drauf, die der Bund gibt. Ist das bescheiden genug, um es zu erfüllen.

Bescheidenheit ist immer eine Zier . . . aber Spaß beiseite: Wir müssen realistisch sein. Im Haushalt ist eine Schuldenbremse vereinbart, und in fast allen Politikbereichen gibt es Forderungen nach mehr Geld. Wie dort müssen wir uns auch im Sport nach der Decke strecken, die uns zur Verfügung steht. Es kann jetzt nicht in erster Linie um mehr Geld gehen, sondern wir müssen Wege finden, die Effizienz zu steigern. Das sehen übrigens meine Kolleginnen und Kollegen in den Bundesländern genauso.


Weiter kommt man ohne ihr, heißt es weiter: ohne die Bescheidenheit. Wenn die Olympiamannschaft in Rio dasselbe Ziel haben soll wie in London, nämlich in der Breite aller Sportarten dafür zu sorgen, dass sie im Medaillenspiegel zu den top fünf gehört - in London war sie Nummer sechs -, hätte Thomas Bach gut und gern das Zehnfache oder gar das Hundertfache fordern können . . .

Sportlicher Erfolg ist doch nicht nur eine Frage des Geldes. Sonst würden ja die reichsten Länder immer die meisten Medaillen gewinnen. Aber so ist es ja nicht. Wir haben dreimal so viele Kaderathleten wie Großbritannien, bei Olympia hat das Königreich aber 29 und wir elf Goldmedaillen errungen. Das ist nicht allein mit dem Heimvorteil zu erklären.

Spielen Sie darauf an, sich auf die Sportarten zu konzentrieren, die den größten Erfolg versprechen?

Wir waren immer stolz darauf, dass wir die olympischen Sportarten in großer Breite fördern. Rein emotional würde ich gerne daran festhalten. Aber notwendige strukturelle Überlegungen kann ich nicht ausschließen. Wir sollten uns auch über andere Wege der Spitzensportförderung Gedanken machen. Zum Beispiel muss man stärker als bisher im Vorfeld von internationalen Spitzenleistungen ansetzen. Wir sind dabei, Unternehmen für die Förderung von jungen Leuten zu gewinnen, die erst noch in den Spitzensport hineinwachsen.

Sie wollen die Nachwuchsförderung privatisieren?

Nicht alles im Sport ist öffentliche Aufgabe, wir haben in Deutschland keinen Staatssport. Der Bund trägt einen großen Teil zur Finanzierung des Spitzensports bei, weil er ein wichtiges Aushängeschild fürs Land ist. Der Blick auf unsere Spitzenstellung im Juniorensport zeigt, dass wir die Verzahnung mit dem Vorfeld des olympischen Leistungssports verbessern müssen.

Wie sieht das konkret aus?

Wenn beispielsweise eine Region sich gern im Handball engagieren möchte, könnte man ihr dabei helfen, ein Unternehmen zu finden, das vielleicht einen Trainer finanziert. So könnte man auch den Übergang vom Breitensport, für den die Länder zuständig sind, zum Spitzensport, für den der Bund verantwortlich ist, verbessern. In London haben mir Kollegen erzählt, dass in Ländern mit Staatsbetrieben schon mal zweistellige Millionenbeträge in Sportverbände gegeben werden. Da ist es doch nicht abwegig, auch bei uns die Wirtschaft stärker ins Boot zu holen.

Wie groß ist der sportliche Ehrgeiz des Staates?

Mit den Ergebnissen von London können wir durchaus zufrieden sein: 44 Medaillen, davon elf goldene, bei den Olympischen Spielen und 66 Medaillen und 18 Siege bei den Paralympics. Das ist bei dem immer höheren Leistungsniveau auf internationaler Ebene ein tolles Ergebnis.

Wir haben einen Staatsbetrieb, der massiv den Spitzensport fördert: die Bundeswehr. Wissen Sie, wie viel sie sich das kosten lässt?

Neben der Bundeswehr unterstützen auch die Bundespolizei und der Zoll unsere deutschen Sportler in großem Umfang. Sie können rechnen, dass wir fast genauso viel wie für die direkte Spitzensportförderung ...

... 130 Millionen Euro ...

... für die Spitzensportförderung unserer Beamten auf den Tisch legen. Da kommen wir summa summarum auf rund 250 Millionen pro Jahr.

Ist die Bundeswehr noch das richtige Instrument zur Sportförderung? Sollten die offiziell 30 Millionen Euro nicht besser über die Sporthilfe an Athletinnen und Athleten gehen?

Warum sollte man etwas ändern, das sehr gut funktioniert? Im Bereich der Bundespolizei sehe ich mit großer Freude, dass sich junge Leute für den Polizeiberuf entscheiden und zugleich sportliches Aushängeschild für ihr Land sind. Das ist ein gutes System, von dem alle Beteiligten profitieren.

Sollen die öffentlich-rechtlichen Sender sich mehr für kleine Sportarten engagieren?

Wir haben vor London an ARD und ZDF appelliert, mehr von den Paralympics zu senden. Sie haben ihre Sendezeit verdoppelt. Noch nie habe ich so viele Leute getroffen, die mit Begeisterung die Paralympics verfolgen, wie in diesem Jahr. Es stimmt: Wer im Scheinwerferlicht steht, hat gute Chancen beim Publikum, bei Sponsoren und beim Nachwuchs.

Wünschen Sie sich einen öffentlich-rechtlichen Sportkanal?

Mir reicht es, wenn die Öffentlich-Rechtlichen sich ihrer Verantwortung für den Sport bewusst sind.

Etwa, indem sie die Übertragungsrechte der Champions League kaufen?

Natürlich wünsche ich mir, dass die kleineren Sportarten im normalen öffentlich-rechtlichen Programm berücksichtigt werden. Aber die Verdopplung der Sendezeit für die Paralympics zeigt doch, dass sich ARD und ZDF beim Sport nicht nur nach Quoten richten. Außerdem haben wir ja noch Sender wie Eurosport und Sport 1. Stundenlang Billard, das ist was für Feinschmecker ...

Liegt es im nationalen Interesse, dass Thomas Bach Präsident des Internationalen Olympischen Komitees wird?

Es liegt grundsätzlich im nationalen Interesse, wenn ein Bürger unseres Landes international ein hohes Amt bekleidet. Und wenn man weiß, welche Bedeutung Sport und Olympische Spiele in der Weltöffentlichkeit haben, gilt das für das IOC in besonderer Weise.

Können Sie ihn unterstützen?

Die Autonomie und das Selbstorganisationsrecht des Sports gilt auch international. Diese Souveränität achten wir selbstverständlich.

Kann sich der deutsche Sport eigentlich den Aufstieg von Thomas Bach leisten? Mit hervorragenden Sportführern sind die Verbände nicht gerade gesegnet.

So ist das doch immer bei Beförderungen: Es entsteht erst einmal eine Lücke. Aber ich bin mir sicher, dass die das hinkriegen im deutschen Sport.

Adipositas bei Kindern greift um sich, Integration ist ein nationales Anliegen. Sehen Sie eine Notwendigkeit, dass der Bund sich mit dem Sport in der Breite beschäftigt bis hin zur dritten Schulsportstunde?

Jugendarbeit, Kindergärten, Schule ... Das sind alles Aufgaben, um die sich die Bundesländer mit Nachdruck und im Bewusstsein der gesellschaftlichen Relevanz kümmern. Natürlich ist es auch für die Bundespolitik wichtig, dass die Bevölkerung gesund und leistungsfähig bleibt. Nehmen Sie unsere Demographiestrategie als Beispiel: Die Leute sollen ja möglichst gesund alt werden.

Birgt das nicht die Perspektive, die Themen zu bündeln?

Unser Staat ist grundlegend anders aufgebaut als einige zentralistisch organisierte Nachbarn. Bei uns gibt es keine Provinzen als bloße Verwaltungseinheiten eines Zentralstaates. Aus meiner Sicht funktionieren Aufgabenteilung und Föderalismus bei uns auch im Sport gut, wie zum Beispiel die Sportministerkonferenz zeigt. Die Länder wissen, was sie an ihren Sportverbänden haben, denn diese leisten auch Jugend- und Integrationsarbeit.

Mancher wünscht sich einen Staatssekretär für Sport im Bundeskanzleramt. Wäre der Sport damit einen Schritt näher an der Macht als heute?

Der Innenminister ist der geborene Sportminister, schon weil er auch für Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt zuständig ist. Insofern wäre es fast wesensfremd, den Sport nicht im Innenministerium zu haben.

Was sagt Ihnen der Fall, besser: der Sturz von Lance Armstrong und wie er zustande gekommen ist?

Wenn man nicht rechtzeitig solchen Tendenzen entgegenwirkt, kann man eine ganze Sportart in Verruf bringen. Das ist im Radsport geschehen.

Wäre die Demaskierung einer solchen Ikone des Sports als Doper auch in Deutschland möglich?

Grundsätzlich schon - und zwar mit den Möglichkeiten, die wir bereits haben. Dafür braucht man keine neuen Gesetze. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass man konsequentes Vorgehen durch Strafverschärfung ersetzen kann. Statt schärfere Gesetze zu fordern, sollte man besser dafür sorgen, dass Institutionen wie die Nationale Anti-Doping-Agentur arbeitsfähig bleiben und die bestehenden Möglichkeiten ausgeschöpft werden.

Das Verfahren gegen Jan Ullrich wie die gegen seine Freiburger Sportärzte sind eingestellt. Stellt Sie das zufrieden?

Man braucht im Strafrecht konkrete Beweise. Ansonsten gilt die Unschuldsvermutung.

Der Nationalen Anti-Doping-Agentur sind die Hände gebunden.

Die Nada ist nicht gehindert, mit den Staatsanwaltschaften zusammenzuarbeiten. Diese sind gesetzlich verpflichtet, bei Vorliegen von Anhaltspunkten für eine Straftat Ermittlungen aufzunehmen. In der aktuellen Evaluierung des Anti-Doping-Gesetzes aus dem Jahr 2007 wird deshalb die Einrichtung von Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften mit Spezialisten gefordert. Ich halte das für einen guten Weg.

Sie haben versucht, die sogenannte Anschubfinanzierung für die Nada von einer Million einzustellen und damit Wirtschaft und Länder zur Finanzierung zu animieren. Diese Erwartung hat sich in keinster Weise erfüllt ...

Der Bund hat zur Verdoppelung der Dopingkontrollen in 2008 einen kräftigen, von vornherein befristeten Geldbetrag geleistet. Nun geht es darum, andere Verantwortliche wie die Wirtschaft und die Länder an dieser Finanzierung stärker zu beteiligen. Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern haben immerhin etwas auf den Tisch gelegt. Daran sollten sich die anderen Länder ein Beispiel nehmen.

Einige zehntausend. Sie mussten doch wieder eine Million lockermachen...

Damit haben wir die Finanzierung wieder für ein Jahr gesichert. Im neuen Jahr müssen wir schauen, welche Optionen wir haben, dieses Hüpfen von Ast zu Ast zu beenden. Wir brauchen eine längerfristige Lösung für die Nada. Sie ist es wert, denn sie hat sich in den zehn Jahren ihres Bestehens einen guten Ruf erarbeitet.

Die Fragen stellten Michael Horeni und Michael Reinsch.

Quelle: F.A.Z.
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