Home
http://www.faz.net/-gtl-tp25
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Britta Steffen im Interview „Ich mußte erst lernen, gewinnen zu wollen“

20.11.2006 ·  Schwimmen als Kopfsache: Britta Steffen spricht im Interview über mitleidige Blicke von früher und den Star-Rummel von heute. „Ich will keine neue Franzi sein. Ich hatte früher richtig Angst vor ihr, so groß war sie für mich.“

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Schwimmen als Kopfsache: Britta Steffen spricht im Interview über mitleidige Blicke von früher und den Star-Rummel von heute. Seit den Europameisterschaften vor vier Monaten in Budapest ist sie die neue deutsche Schwimm-Hoffnung. „Ich will keine neue Franzi sein. Ich hatte früher richtig Angst vor ihr, so groß war sie für mich.“

Seit Ihren Weltrekorden bei der EM in Budapest sind Sie ein Star. Fühlen Sie sich auch so?

Als Star? Nein. Was ich fühle, ist, daß ich seitdem kaum noch Zeit habe, weder für die Familie noch für Freunde. Die Uni, das Schwimmen, mein Freund, zu mehr komme ich kaum. Es ist nicht einfach, auch noch viele Medientermine wie bei „Wetten, daß . . .“ wahrzunehmen. Man glaubt gar nicht, was für ein psychischer Stress das ist. Aber es ist auch ein Erfahrungsschatz. Bei der Verleihung der Goldenen Henne mußte ich vor all den Leuten eine Rede halten - ich, die früher immer Probleme damit hatte, vor anderen frei zu sprechen.

Wohnen Sie noch in einem zwölf Quadratmeter großen Zimmer am Olympiastützpunkt in Berlin?

Ja. Ich bin ohnehin nicht oft da. In den nächsten 20 Monaten bis zu den Olympischen Spielen in Peking liegen allein fünf Höhentrainingslager vor uns, von denen jedes vier Wochen dauert. Was brauche ich da mehr? Schauen Sie, ich bin in Schwedt im Plattenbau groß geworden, zu fünft in einer Drei-Zimmer-Wohnung, Mutter, Papa, meine zwei Brüder und ich. Da bin ich schon froh, daß ich jetzt ein eigenes Zimmer habe.

Haben Sie sich nach der EM eine Strategie zurechtgelegt, was Ihre Medienpräsenz angeht?

Sie meinen, daß einen das nicht verzehrt? Ich habe tatsächlich das Gefühl, daß mich das erdrückt. Für mich ist klar, daß die Uni und der Sport absolut Vorrang haben. Meine Managerin sagt ja selbst: Das Entscheidende ist die Leistung, ohne sportlichen Erfolg kann man keinen vermarkten. Die Uni will ich nicht aufgeben, weil ich etwas für den Kopf brauche.

Haben die Weltrekorde über 100 Meter Freistil und mit den Staffeln etwas an oder in Ihnen verändert?

Ich habe schon immer die Leute nicht gemocht, die, nachdem sie etwas geleistet haben, sich als etwas Besonderes fühlten. Gut, ich habe Weltrekorde geschwommen, aber ich bin immer noch Britta Steffen. Ich habe mal einen schönen Spruch gelesen: Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden. Das gefällt mir.

Für die Regenbogenpresse sind Sie der neue Goldfisch der Nation. Dieser Begriff war sonst für Franziska van Almsick reserviert. Stört Sie das Etikett?

Jede Schwimmerin, die Medaillen und Titel holt, ist eben ein Goldfisch. Aber ich will keine neue Franzi sein. Ich will lieber Britta sein.

Sie haben zwei Jahre gemeinsam mit Franziska van Almsick trainiert. War Sie Ihr Vorbild?

Sie war früher ein ganz großes Vorbild. Sie war ja schon mit 14 Jahren ganz oben, bei ihr ging es ständig auf und ab. Und dann das Weltrekord-Comeback bei der EM 2002, das war unglaublich. Ich hatte richtig Angst vor ihr, so groß war sie für mich.

Als die Erfolge ausblieben, machten die Boulevardblätter aus dem Goldfisch Franzi die Blei-Ente Franzi. Ängstigt Sie so etwas?

Das einzige, was man tun kann, ist: realistisch zu bleiben und nicht allzu große Erwartungen zu schüren. Und zu wissen, daß es genauso schnell bergab gehen kann, wie man hochgekommen ist. Deshalb sage ich nicht, daß ich noch schneller schwimmen kann als in Budapest. Ich sage nur: Ich glaube, daß ich noch Reserven habe. Und daß es theoretisch möglich ist.

Sie haben nicht nur denselben Trainer und dieselbe Managerin wie Franziska van Almsick, sondern arbeiten auch mit derselben Psychologin zusammen.

Ja, Friederike Janofske. Ich habe vor zwei Jahren wegen meiner mentalen Schwächen ihre Hilfe gesucht.

Welche Probleme hatten Sie?

Ich war im Training immer gut, aber im Wettkampf konnte ich es einfach nicht bringen. Ich habe mich viel zuviel damit befaßt, was ist, wenn ich nicht schnell genug schwimme. Sie hat mir beigebracht, wie ich mich konzentrieren und steuern kann. Diese Frau kann zaubern.

Welchen Anteil hat Ihre Psychologin an den Erfolgen?

50 Prozent. Die anderen 50 Prozent hat mein Trainer Norbert Warnatzsch. Es heißt zwar immer im Schwimmen, der Körper ist entscheidend, nicht der Kopf. Aber für mich ist der Kopf wichtiger.

Sie haben bei der EM gesagt, Sie hätten mit ihr am Menschsein gearbeitet. Was heißt das?

Für mich war es wichtig, daß ich mich von meinen Leistungen im Sport abkopple. Früher war es immer so, daß ich nur dann selbstbewußt war, wenn ich schnell geschwommen bin. Durch die Arbeit mit der Psychologin habe ich es geschafft zu empfinden, daß ich mehr bin als der Sport. Und mehr als die Definition der anderen von mir, wenn ich nicht gut geschwommen bin. Ich habe mich sozusagen eine Stufe erhöht im Menschsein, so daß ich sage: Ich bin die Sportlerin, und ich bin Britta Steffen, die ein ganz normales Leben führt.

Die Angst vor dem Versagen hat Sie gebremst?

Ja. Ich hatte unheimlich Angst davor, was die anderen sagen, wenn ich nicht schnell schwimme. Ich habe diese mitleidigen Blicke gehaßt, sie haben mich erniedrigt. So kam ich nach den Spielen in Athen an den Punkt, wo ich mir sagte: Warum tust du dir das noch an? Aber nach drei Monaten habe ich rumgeheult: Ich will zurück! Es war schrecklich ohne Sport.

Ihre Psychologin ist mit dem Satz zitiert worden: „Britta wollte nicht gewinnen.“ Erklären Sie uns das.

Wir haben diesen Muskeltest gemacht, der mit Gegendruck am ausgestreckten Arm funktioniert. Wenn man ja sagt und überzeugt von etwas ist, hält man dem Druck stand. Wenn nicht, geht der Arm runter. Es ging um die Frage: Traue ich mir einen Sieg bei der EM zu? Ich habe geantwortet: Ja, ich will gewinnen - aber innerlich habe ich es mir eben nicht zugetraut. Da habe ich eher so gefühlt: Wer bist du denn schon? Prompt ging der Arm runter. Dann hat mich Frau Janofske gefragt: „Warum willst du nicht gewinnen?“ Meine Antwort kam ganz unbewußt und spontan: „Weil die anderen dann verlieren.“ Eigentlich würde ich sagen: Schwachsinn! Aber das war tatsächlich ein Problem für mich. Das haben wir dann umgepolt. Ich mußte erst lernen, gewinnen zu wollen.

Es gab viele, die für Ihre Weltrekorde in Budapest eine andere Erklärung hatten.

Doping. Sprechen Sie es ruhig aus.

Wie sehr hat es Sie getroffen, daß Ihnen unmittelbar nach den Rennen in Budapest Mißtrauen entgegenschlug?

Es hat mich zutiefst gekränkt. Es war ein Schock für mich, erst die Weltrekorde und dann die Reaktionen der Medien. Ich habe so einen Ehrbegriff, daß der Beste gewinnt, und nicht der, der am besten trickst. Auf der anderen Seite habe ich auch verstanden, daß meine Leistungen manchen verdächtig vorkamen. Es war die Zeit nach der Tour de France, da wurde ständig über Doping gesprochen...

...und dann kommt eine gewisse Britta Steffen und schwimmt Weltrekord über 100 Meter Kraul.

Genau. Vor der EM war ich ein Niemand. Aber wer kannte außerhalb der Schwimmszene schon meine Geschichte? Ich habe mit 16 Jahren acht Titel bei der Junioren-EM gewonnen. Ich und die anderen wußten, daß bei mir ein großes Potential da ist. Aber mit den Jahren bekam ich zuviel Gewicht, dazu kamen meine mentalen Probleme. In dem Jahr Pause nach den Spielen von Athen habe ich das alles in den Griff bekommen. Ich wiege heute vier, fünf Kilo weniger, und ich habe jetzt viel mehr Kraft. Bei den deutschen Meisterschaften sechs Wochen vor der EM war ich schon sehr schnell. Nur hat das kaum einer mitbekommen. Also, das ist schon erklärbar.

Trotzdem, Zweifel bleiben.

Ich habe immer gesagt: Kontrolliert mich, wann immer und sooft ihr wollt! Von mir aus zweimal im Monat. Mehr kann ich nicht tun.

Fühlen Sie sich stark genug, 2008 bei den Spielen in Peking den Berg zu bezwingen, an dem Franziska van Almsick und Hannah Stockbauer gescheitert sind?

Ich gebe keine Prognosen ab. Ich will wissen, wo meine Grenzen sind. Noch weiß ich es nicht.

Das Gespräch führte Gerd Schneider.

Quelle: F.A.S., 19.11.2006, Nr. 46 / Seite 24
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Nicht gewonnen, nicht verloren

Von Peter Heß

Im Formel-1-Tempo sollte in der durch Korruptionsvorwürfe durchgeschüttelten Fifa aufgeräumt werden. Im Moment bewegt sie sich mit der Geschwindigkeit eines Motorrollers. Mehr 1

Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche