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Britta Steffen „Ich habe am Menschsein gearbeitet"

01.08.2006 ·  Britta Steffen ist keine Frau, die man übersieht. Sie ist 1,80 groß und schlank, sie hat blonde Haare und blaue Augen, sie hat sehr lange Beine und eine perfekte Schwimmerfigur. Aber sie stand nie im Mittelpunkt - bis sie plötzlich mit der Staffel Weltrekord schwamm.

Von Gerd Schneider, Budapest
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Britta Steffen ist eigentlich keine Frau, die man leicht übersieht. Sie ist 1,80 Meter groß und gertenschlank, sie hat blonde Haare und blaue Augen, und sie hat sehr lange Beine und Arme, eine perfekte Schwimmerfigur.

Den größten Teil ihres Lebens hat die Dreiundzwanzigjährige aus dem Oder-Städtchen Schwedt im Schwimmbecken verbracht, sie galt einst als Supertalent. Aber sie hat es nie in die erste Reihe geschafft und nie in die Schlagzeilen, und deshalb können nur die Leute aus der Schwimmszene etwas mit ihrem Namen anfangen.

Weltrekord aus heiterem Himmel

Aber jetzt steht diese Britta Steffen auf einmal vor einem Pulk vor Journalisten und Kameraleuten. Sie soll ihnen erklären, was am Abend zuvor passiert ist im Schwimmbad auf der Margareten-Insel in Budapest. Die deutsche Frauen-Staffel hat bei den Europameisterschaften, aus heiterem Himmel, einen Weltrekord über 4 x 100 Meter Freistil (3:55,22 Minuten) geschwommen; und sie, Britta Steffen, war die Hauptfigur.

Sie schwamm als dritte, es sah leicht aus, sie flog. Nach 52,66 Sekunden schlug sie an, es war die schnellste Zeit, die jemals eine Frau über 100 Meter schwamm. Kann man das erklären? Britta Steffen sagt einen Satz, der so außergewöhnlich ist wie ihr Rennen am Abend zuvor: „Ich kann jetzt schnell schwimmen, weil ich am Menschsein gearbeitet habe. Ich habe das Leben gelernt.“ So spricht jemand, der einiges durchgemacht hat. Sie macht auch kein Geheimnis daraus, daß sie durch manche Krise ging, ehe sie doch noch auf der Sonnenseite ihres Sportlerlebens ankam.

„Ich habe mich nur über das Schwimmen definiert“

Es ist eine typische Geschichte für das eindimensionale Leben des Hochleistungsschwimmens, das nicht alle aushalten. Dabei war es für die Hochbegabte aus der Uckermark jahrelang nur aufwärtsgegangen. Als Kind und Jugendliche schwamm sie von Sieg zu Sieg, mit zwölf verließ sie das Elternhaus und ging in die Sportschule nach Potsdam. Bald galt sie als neue Franzi, als Nachfolgerin von Franziska van Almsick. Mit 17 schon nahm sie der Verband mit zu den Olympischen Spielen nach Sydney. Dort wurde sie nur im Staffelvorlauf eingesetzt, es war ihre erste große Enttäuschung, ein Karriereknick. Von da an ging es nicht mehr voran.

Ihre Leistungen stagnierten, der Trainingsalltag setzte ihr zu, sie litt unter Verletzungen. Auch die Wirkung des Wechsels zur SG Neukölln, in die Trainingsgruppe Franziska van Almsick, verpuffte. Oft genug schlug sie im Training ihr Vorbild; aber der große Befreiungsschlag blieb aus, auch bei ihren zweiten Olympischen Spielen vor zwei Jahren in Athen. Dann war Britta Steffen am Ende. Sie konnte nicht mehr. Sie sagt: „Ich habe mich nur über das Schwimmen definiert. Wenn ich schlecht geschwommen bin, habe ich mich als schlechter Mensch gefühlt. Ich habe resigniert.“

„Ich fühle mich frei, das ist der Zauberschlüssel“

Sie nahm sich, auch auf Anraten ihres Trainers Norbert Warnatzsch, eine Auszeit. Sie begann ein Studium zum Wirtschaftsingenieur in Berlin, und sie begab sich in therapeutische Behandlung bei der Psychologin Friederike Janofske. Die Berlinerin arbeitete jahrelang mit Franziska van Almsick zusammen, die unter Eßstörungen litt. Ein Jahr lang arbeitete Britta Steffen an Kopf und Seele, studierte, ging in die Disco. „Das Leben ausprobieren“, nennt sie das heute. Im August vergangenen Jahres fühlte sie sich wieder stark genug für die Rückkehr in den Sport. „Ich habe gespürt, daß mein Traum noch nicht zu Ende ist“, sagt sie.

Vermutlich ist es kein Zufall, daß ihr nun in der Staffel das Rennen ihres Lebens gelang. Das Gemeinschaftswerk kann Athleten bremsen, und es kann ihnen Flügel verleihen. Petra Dallmann, die Startschwimmerin, sprach hinterher von einem „Weltrekord aus einer anderen Welt“. Die 27 Jahre alte Heidelbergerin schwamm als einzige bei der Staffel mit, die bei der EM vor vier Jahren in Berlin einen Weltrekord aufgestellt hatte. Damals waren Stars wie Franziska van Almsick, Antje Buschschulte und Sandra Völker dabei. In der aktuellen Weltrekord-Staffel, zu der neben Petra Dallmann und Britta Steffen auch Daniela Götz (Erlangen) und Annika Liebs (Würzburg) gehörten, gibt es keine prominente Athletin. Gerade deshalb ging von dem Budapester Auftritt eine heftige Erschütterung aus.

Favoritin für das Einzelfinale

Die Schockwellen dürften inzwischen auch Australien erreicht haben. Die Schwimmnation feiert seit einigen Jahren ihr Fräulein-Wunder; die Australierinnen hielten seit den Spielen von Athen den Staffel-Weltrekord (3:35,94 Minuten). Gut möglich, daß sich manche fragen, ob bei dem unerwarteten Konter alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Damit werden die Deutschen wohl leben müssen.

Ob Britta Steffen in die Phalanx der großen Australierinnen wie Lisbeth Lenton oder Jodie Henry einbrechen kann, auf diese Frage könnte es in den nächsten Tagen eine Antwort geben. Wie die anderen deutschen Staffelschwimmerinnen hatte sie schon im Juni bei den deutschen Meisterschaften ihr Potential angedeutet; ihr nationaler Rekord (54,29) sprach dafür, daß sie ihre Fesseln abgelegt hat. An diesem Mittwoch findet in Budapest das Einzelfinale über 100 Meter Freistil statt. Sie wird als Favoritin antreten. Aber auch davon will sie sich nicht mehr bremsen lassen. „Ich fühle mich frei“, sagt sie, „das ist der Zauberschlüssel.“

Quelle: F.A.Z. vom 2. August 2006
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