15.01.2003 · Selbst das Bremer Sechstagerennen verzeichnete in diesem Jahr ein leichtes Minus. Sieger wurden überraschend die Holländer Robert Slippens und Danny Stam.
Von Frank Hellmann, Bremen„Das macht süchtig.“ Robert Slippens konnte sein Glück kurz nach Mitternacht kaum fassen. Ein sensationelles Finale des 39. Bremer Sechstagerennen hatte einen unerwarteten Ausgang genommen. Der 30-jährige Niederländer Slippens und sein Landsmann Danny Stam gewannen das größte und bedeutendste Sechstagerennen der Saison. „Endlich ein Sieg für uns“, wähnte sich der 27-Jährige Slippens zusammen mit Stam an der Endstation Sehnsucht.
Erst 28 Runden vor Schluss holte das Duo die entscheidende Führung heraus - rundengleich hatte der Bremer Lokalmatador Andreas Kappes mit Partner Andreas Beikirch das Nachsehen. Die Vorjahressieger und Topfavoriten Bruno Risi und Kurt Betschart waren schon zuvor ausgebremst worden - eine hartnäckige Nebenhöhlenvereiterung stoppte Bahnriese „Riiisi“.
Alpen-Express ausgebremst
Das Pech des Alpen-Express war das Glück zweier Niederländer, die angesichts der hochkarätigen Konkurrenz allenfalls als vierte, fünfte Kraft der Siegfavoriten galten. Sogar die Mitfahrer waren verblüfft. „Am Samstag standen die beiden noch kurz vor dem Einbruch“, wunderte sich der Deutsche Stefan Steinweg. Dem sportlichen Leiter der Bremer Sixdays, Patrick Sercu, kam der überraschende Triumph ganz gelegen: „Die letzte Jagd war irre.“
Die Gesamtbilanz der Bremer Veranstaltung, die einen einmaligen Mix aus Sport und Show bietet, fiel dagegen eher durchwachsen aus. Bremen blieb zwar von einem existenzgefährdenden Einbruch verschont, doch Chef Frank Minder musste zähneknirschend ein Zuschauer-Minus von 2,5 Prozent einräumen. „Das können wir aber verschmerzen.“
Jeder Besucher trinkt ein Liter Bier
Statt 129.800 Zuschauern kamen diesmal 126.500. Rund ein Liter trank jeder Besucher im Durchschnitt, was Sercu überhaupt nicht anstößig findet. „Was der Zuschauer macht, bestimmt er für sich selbst. Hauptsache, die Leute kommen.“
Traditionell sei die Verbindung zwischen dem Gerstensaft und dem Sechstagerennen eine entscheidende. „Das Bier spielt eine bestimmte Rolle. Sixdays funktionieren in Belgien, Holland, Dänemark und Deutschland: Das sind auch die populärsten Bier-Länder.“ Selten hat sich der 58-jährige Sportsmann, einst ebenso exzellenter Bahn- wie Straßenfahrer, so deutlich zur Abhängig vom Sektor Unterhaltung und Gastronomie bekannt.
Reichlich Prominenz in Bremen
Allen voran Show-Chef Klaus Baumgart, der dicke Teil der Bremen-Institution „Klaus&Klaus“, darf für sich in Anspruch nehmen, das Publikum wie in der Vergangenheit elektrisiert zu haben. Als der Entertrainer in weißer Hose und durchgeschwitztem weißen T-Shirt seine Kult-Hits „Polizeistunde“ oder „Eiermann“ trällerte, musste zwischenzeitlich der Zugang zur Halle eins abgeriegelt werden.
„Zum Sport gehört die Show“, sagt Boss Minder. „In Bremen ist das gewachsen“, weiß der Fahrer Kappes. „Das kannst du nicht einfach in eine andere Stadt kopieren“, glaubt der Leiter Sercu. Bremen bleibt in dieser Hinsicht besser und anders als Dortmund, München, Stuttgart und Berlin - die Logen der Hansestadt ziehen automatisch die Prominenz an: Diesmal auf Stippvisite: Dieter Bohlen, Sarah Connor, Udo Lindenberg oder Uwe Seeler an.
Am Freitag startet Stuttgart
In Stuttgart (17. bis 22. Januar) werden vom kommenden Freitag an die Fahrer fast ein bisschen Ruhe genießen können. Die Grenze von 50.000 Zuschauern gilt dort schon als magisch. „An der langen 'Autobahn' dort kommt keine Stimmung auf“, findet Sercu.
Allenfalls Berlin, wegen der Absage von Kopenhagen diesmal vom 23. bis 28. Januar Schauplatz des Abschlussrennens, kann in Sachen Resonanz und Umsatz da noch annähernd mithalten.
Keine Sixdays in Kiel
Dennoch sind die verbliebenen fünf deutschen Veranstalter in kollektiver Sorge, da diese Saison nur noch in Amsterdam, Grenoble und Gent unterm Dach im Kreis geradelt wurde. Einig sind sich alle: Das untere Ende in der Zahl der Veranstaltungen ist erreicht.
Doch weitere Sixdays-Spektakel sind nicht in Sicht: Selbst Visionär Minder hat seine Pläne aufgegeben, in Kiel oder Hamburg ähnliches wie in Bremen zu veranstalten. „Dafür fehlt auch ein Investor, der die ersten Jahre mitfinanziert.“
Bahnfahren lohnt nicht mehr richtig
Auch die Hauptdarsteller werden weniger - Stuttgart hat mächtig Mühe, sein Starterfeld zusammenzustellen. Für viele Sixdays-Spezialisten ist das Geschäft kaum mehr ein lohnendes: Weil die Bahnfahrer Selbstständige sind, Mechaniker und Pfleger selbst bezahlen müssen, kommt die Mittelklasse nur noch auf bescheidene Einkünfte.
Zumal Veranstalter wie Stuttgart bereits die Gagen kürzen, um der Entwicklung Rechnung zu tragen. Sportdirektor Winfried Holtmann: „Den Fahrern bläst der Wind frontal ins Gesicht.“
Rennbahn zu Feuerholz
Ein Profi wie Gerd Döhrich, 119 Mal am Start, kein Mal Sieger, verdient nicht mehr als 30.000 bis 40.000 Euro im Jahr. „Es lohnt sich im Vergleich zur Straße immer weniger, Sechstagerennen zu fahren“, sagt Sercu, der sich wehmütig an die Zeit erinnert, als Eddy Merckx oder Rudi Altig erst im Winter ihre Erfolge des Sommers in Bares in bare Münze verwandelten.
Demnächst gehen noch zwei bekannte Namen der Bahn in den Ruhestand: Verabschiedet werden allerorten die beiden Italiener Silvio Martinello und Andriano Baffi, die diesen Winter ihre Abschiedsvorstellung geben. Traditionell erhalten verdiente Rennfahrer in Bremen Originalteile des Holzovals. Die haben echten Erinnerungswert, denn von der bremischen Bahn bleibt ansonsten nicht viel übrig. Das Holz wird zum Verfeuern an Waisenhäuser verschenkt.