Noch ist vom "Business-Gefühl" auf der Haupttribüne nichts zu spüren: Von den VIP-Logen stehen nur die Betonwände. Doch Rainer Mutschler, Mitarbeiter der VfB Stuttgart Marketing GmbH, kann die Sitzordnung schon aufmalen. "Hier ist die DaimlerChrysler-Loge, nebenan debitel", erklärt der frühere Trainer der deutschen alpinen Skiläuferinnen. Die Hälfte der 42 Logen mit VIP-Service und Büro-Ausstattung, die dem Verein bis zu 185 000 DM jährlich bringen sollen, sei schon vermietet, ein weiteres Viertel reserviert.
"Alles, was Rang und Namen hat", sagt Peter Godenrath, Chef der Marketing GmbH: "ist interessiert". Für die Unternehmen sind die VIP-Plätze Chefsache: 87 Prozent der aussichtsreichen Stadionssitze werden auf höchster Ebene vergeben. Das ergab eine Studie des Vermarkters UFA Sports, der in Hamburg, Berlin und Dortmund für die Ehrengäste der Profi-Clubs zuständig ist. 41 Prozent der Logen-Zuschauer sind demnach Geschäftspartner des Mieters, 29 Prozent Kunden.
Wachstumsmarkt Sport-Sponsoring
Zwischen drei und vier Milliarden Mark setzen Unternehmen in Deutschland pro Jahr mit Sport-Sponsoring um - Tendenz steigend. Auch der VfB Stuttgart will von der zunehmenden Verschmelzung von Sport, Kultur und Wirtschaft profitieren. Manfred Haas, im Hauptberuf Vorstandschef der baden-württembergischen Sparkassen-Versicherung und nach der Mitgliederversammlung des VfB am 30. Oktober vermutlich Nachfolger von Gerhard Mayer-Vorfelder als VfB-Präsident, zeigt sich für das Thema Börsengang offen. "Wir beschäftigen uns konzeptionell damit".
Ermuntert durch den Vorstoß des Konkurrenten Borussia Dortmund will der designierte VfB-Präsident die Umwandlung des Vereins in eine neue Rechtsform mit Aussicht auf eine spätere Börsennotierung prüfen lassen. Eine Anwaltskanzlei sei bereits mit einem Gutachten für die Umwandlung des Vereins in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) beauftragt worden.
Kapitalbeschaffung für neue Anforderungen
Stuttgarts Bundesliga-Konkurrent Borussia Dortmund hatte bereits im Herbst 1999 die Umwandlung in eine KGaA beschlossen. Anfang dieses Monats verkündeten die Dortmunder, am 31. Oktober als erster deutscher Proficlub an die Börse gehen zu wollen.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) schreibt nach Haas' Angaben vor, dass die Vereine mit mindestens 51 Prozent an der neuen Gesellschaft beteiligt bleiben. Die übrigen Anteile können andere Eigentümer erwerben. Der Vorteil seien neue Möglichkeiten zur Kapitalbeschaffung. "Es kommen erhöhte Anforderungen auf uns zu", begründete der Manager den geplanten Schritt.
Derzeit erzielt der VfB ohne Spielertransfers mit 260 Mitarbeitern rund 70 Millionen Mark Umsatz. Wirtschaftlich nicht unbedeutend ist eine andere Zahl: der Tabellenplatz. Stuttgart belegt zur Zeit Rang 15 in der Bundesliga-Tabelle. Abstiegsgefahr. Doch auch ohne Spitzenplätze könnte ein gut geführter Verein an der Börse Erfolg haben, meint Thomas Dörflinger, Spezialist der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) für Fußball-Aktien. Er ist überzeugt, dass sich mehr als zwei oder drei der 18 Bundesliga-Clubs den Schritt überlegen werden. Das Kapital aus dem Börsengang können die Vereine in den Ausbau der Mannschaft, aber auch in eigene Reisebüros oder Internet-Unternehmen investieren. Trendsetter Borussia Dortmund nennt sein Investitions-Programm plakativ: "Steine und Beine".