07.08.2006 · Sechsmal Gold, viermal Silber und zweimal Bronze: die EM-Bilanz des deutschen Schwimm-Verbandes kann sich dank der starken Frauen sehen lassen. Britta Steffen, die „Königin von Budapest“, übertraf dabei alle Erwartungen.
Von Von Gerd Schneider, BudapestDie Schwimm-Europameisterschaften, die am Sonntag in Budapest zu Ende gingen, waren aus deutscher Sicht eine einseitige Angelegenheit: Die Frauen flogen, die Männer gingen unter. Der geschlechterspezifische Unterschied bei den Leistungen der Deutschen war so auffällig, daß auch die Offiziellen vom Schwimm-Verband (DSV) am Ende Klartext sprachen. „Bei den Mädels haben wir hervorragende Leistungen gesehen, sie haben ihr Soll übererfüllt“, sagte Sportdirektor Örjan Madsen, ehe er den Stab über das schwache Geschlecht im Nationalteam brach: „Die Jungs müssen mehr üben.“ Peng. Das saß.
Das harsche Urteil ihres Vorgesetzten wird den deutschen Schwimmern noch lange in den Ohren hallen. „Sie müssen mehr und härter trainieren, das haben die Europameisterschaften deutlich gezeigt“, legte Madsen nach, „ihre Ergebnisse haben weniger mit dem Kopf zu tun, ihr Leistungsvermögen ist einfach nicht da.“
Meeuw und Kollegen nicht in Top-Form
Der unübersehbare Kontrast prägte auch die beiden letzten Tage von Budapest. Selbst Helge Meeuw entrann dem Abwärtssog nicht. Der 21 Jahre alte Wiesbadener war zuvor der einzige männliche DSV-Athlet gewesen, der auf der Margareten-Insel inmitten von Budapest Glanz verbreiten konnte. Wenn auch nur einmal, bei seinem Sieg über 50 Meter Rücken am Donnerstag.
Am Samstag landete der künftige Medizinstudent im Finale über 200 Meter Rücken nur auf dem fünften Rang (1:59,70); dabei war er im Halbfinale tags zuvor deutlich schneller gewesen. Auch in den anderen Disziplinen zuvor waren seine Auftritte eher mittelmäßig. Er hat es offensichtlich nicht geschafft, seine bemerkenswerte Form von den deutschen Meisterschaften Ende Juni in Berlin bis zur EM zu konservieren. Wie ihm erging es den meisten seiner Kollegen.
Britta Steffen: Viermal Gold, drei Weltrekorde
So gab das deutsche Team auch am Wochenende ein uneinheitliches, ja sperriges Bild ab. Denn bei den Frauen ging die deutsche Welle weiter. Britta Steffen, der Shootingstar der Europameisterschaften, gewann am Sonntag vor 8000 Zuschauern auch das Einzelrennen über 50 Meter Freistil. Trotz schwachem Start schlug sie nach 24,72 Sekunden als Erste an und stellte damit den deutschen Rekord von Sandra Völker ein. Damit erhöhte sie ihren Ertrag auf zwei Einzelsiege (50 und 100 Meter Freistil), zwei Staffeltitel (4 x 100 und 4 x 200 Meter Freistil) und drei Weltrekorde (100 Meter Freistil und die zwei Freistilstaffeln). Am Sonntag abend belegte sie mit der 4 x 100-Meter-Lagenstaffel den zweiten Rang, nur knapp geschlagen von den Engländerinnen. „Es war eine traumhafte Woche für mich“, sagte Britta Steffen, „aber jetzt bin ich froh, daß alles vorbei ist.“
Die 22 Jahre alte Berlinerin war neben Laure Manaudou die dominierende Figur der EM. Die Französin gewann in Budapest vier Einzeltitel. Dazu kamen ein zweiter und zwei dritte Plätze. Sie krönte ihr Werk am letzten Wettkampftag mit einer Verbesserung ihres Weltrekords über 400 Meter Freistil auf nun 4:02,13 Minuten.
Annika Liebs stolz auf ihre Zeit
Tags zuvor hatte Janine Pietsch vom SC Delphin Ingolstadt mit dem Sieg über 50 Meter Rücken (28,36 Sekunden) ihren ersten großen Einzeltitel auf der Langbahn gewonnen; mit einem miserablen Anschlag vergab sie eine Verbesserung ihres eigenen Weltrekords (28,19). Antje Buschschulte wurde Dritte. Die Würzburgerin Annika Liebs, nach Britta Steffen die zweite Aufsteigerin im DSV-Team, belegte über 200 Meter Freistil den zweiten Rang. Nach ihrer Vorstellung im Staffelrennen hatten manche schon damit gerechnet, daß Franziska van Almsick ihren Weltrekord (1:56,64 Minuten) verlieren würde. Ein Irrtum. Im vielleicht schönsten Rennen der EM siegte die polnische Olympiasiegerin Otylia Jedrzejczak (1:57,25). Annika Liebs war hinterher zurecht stolz - auf ihre bemerkenswerte Zeit (1:57,48) und darauf, die lange führende Laure Manaudou (1: 58,38) auf der letzten Bahn niedergekämpft zu haben.
Vor zwei Jahren noch lag Annika Liebs' Bestzeit auf dieser Distanz um sieben Sekunden über der vom Samstag. „Diese Woche hier war unglaublich, es hat uns alle mitgerissen“, sagte die Heidelbergerin Beatrice Dallmann, die inzwischen ihre Ausbildung zur Ärztin abgeschlossen hat. Im Sog von Steffen oder Liebs schwammen auch etliche der weniger populäreren Figuren gut wie nie.
Höhentrainingslager für „Team Peking“
Dank seiner starken Frauen ist die Perspektive des Schwimm-Verbandes nun bei weitem nicht so schlecht, wie man sie vor der EM eingeschätzt hatte. Aber sie ist auch nicht so rosig, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Die Welt der Schwimmer ist unverändert in Bewegung, mit ständig wechselnden Hierarchien. Um seine Schwimmer auf den globalen Verdrängungswettbewerb vorzubereiten, wird Örjan Madsen sie in den nächsten zwei Jahren einer Roßkur unterziehen.
Bis Ende August wird der Norweger etwa 30 Athleten für das „Team Peking“ benennen. Auch ein Perspektivkader soll gegründet werden, dem ebenfalls ungefähr 30 - junge - Schwimmer angehören. Die Schwimmelite wird künftig an 170 Tagen im Jahr in Trainingscamps zusammen sein. Das zentrale Element des Madsen-Plans sind die Höhentrainingslager, von denen das erste am 27. September beginnt. Vier Wochen in der dünnen Luft und der Einsamkeit der Sierra Nevada, das muß man sich ungefähr so spannend vorstellen wie eine nie enden wollende Fahrt im U-Boot. Auf dem Weg nach Peking müssen die deutschen Schwimmer durch die Hölle - ganz gleich, welchen Geschlechts sie sind.
Britta Steffen - die „Königin von Budapest”
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