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Biathlon-Kommentar : Der Reiz des Dramas bleibt

Letzte Meter: Aber Biathlon ist mehr als nur Magdalena Neuner Bild: dapd

Die Biathlon-WM war ein Erfolg - auch dank der Abschiedsauftritte von Magdalena Neuner. Ihrem Sport könnte der Abschied des Superstars zu neuer Stärke verhelfen. Denn Biathlon ist mehr als nur eine Sportlerin.

          Insgesamt 218.000 zahlende Zuschauer - WM-Rekord; Einschaltquoten von bis zu 33,4 Prozent, in der Spitze 7,1 Millionen Fernsehzuschauer - der höchste Wert für eine Biathlon-Übertragung außerhalb Olympias, Champions-League-Niveau; 44 Nationen - Teilnehmerrekord; keine Staus an den Stadioneingängen, eine ausgeklügelte Logistik, die den Verkehr rund um das 6500-Einwohner-Dorf und die Chiemgau Arena fließen ließ; eine stimmungsvolle Atmosphäre, spannende Wettkämpfe.

          Kein Wunder, dass Anders Besseberg, der Präsident der Internationalen Biathlon-Union (IBU), die Weltmeisterschaften in Ruhpolding als perfekte Veranstaltung lobt, weit mehr als nur eine WM - ein „Biathlon-Fest“. Niemand wird dem Norweger widersprechen.

          Ruhpolding hat ein neues Maß gesetzt, das nur schwer zu übertreffen sein wird. Das allein am Magdalena-Neuner-Faktor festzumachen, wäre zu einfach. Natürlich hat ihr Abschied bei der Heim-WM dramaturgisch bestens ins Konzept gepasst und vor allem den Kartenverkauf angekurbelt, aber schon bei der WM 2004 in Oberhof kamen - ganz ohne Neuner - 204.000 Zuschauer, die Einschaltquoten waren ähnlich hoch.

          Mag sein, dass der Boom seinen Höhepunkt erreicht hat, aber jetzt den Niedergang der Sportart zu befürchten, nur weil die Ikone abtritt, das tun nicht einmal Pessimisten. Biathlon ist mehr als Magdalena Neuner.

          Hoffnung Russland

          Biathlon ist nicht mehr allein von Deutschland abhängig, auch wenn es der wichtigste TV- und Sponsorenmarkt bleibt. Aber die Basis ist in den vergangen Jahren weiter gewachsen. Fernsehanstalten in 13 Ländern haben die WM live übertragen, nicht nur in den Kernländern entstehen neue Stadien, für die neun Weltcups pro Saison gibt es inzwischen 15 bis 18 Bewerber.

          Sponsoren vor allem aus Russland warten nur auf ihre Chance. Die Leistungsdichte nimmt immer mehr zu, und wie breit auch beim Nachwuchs das Fundament mittlerweile ist, zeigt die Tatsache, dass bei der letzten Junioren-WM 16 Nationen Medaillen gewonnen haben. Das alles spricht gegen einen tiefgreifenden Rückschritt. Dazu kommt eine spezifische „Spannungskultur“. Keine andere Wintersportart produziert so viele Dramen. Das macht den Reiz aus - und die Sportart unabhängiger von Personen als andere.

          Deutschland braucht Geduld

          Deswegen nimmt man bei der IBU den Rückritt von Magdalena Neuner bei allem Bedauern mit einer gewissen Gelassenheit zur Kenntnis. Er ist in erster Linie ein deutsches Problem. Natürlich braucht der Deutsche Skiverband (DSV) Erfolge, weil Biathlon der Quoten bringende Anker für das restliche TV-Wintersportpaket ist. Das erklärt die Langläufer-zu-Biathleten-Aktion des DSV. Aber selbst wenn der Verband seinen Nachwuchs noch so gewissenhaft sichten und fördern würde, ein Multi-Ausnahmetalent vom Schlage Neuner gibt es nicht in Serie. Nirgendwo. Da sollte man einfach nur dankbar sein.

          Es ist auch keineswegs so, dass Deutschland jetzt von der Biathlon-Karte verschwände. Die Männer mit Arnd Peiffer als Frontmann sind auch perspektivisch für Erfolge gut, und gerade die Frauen-Staffel am Samstag hat ein ermutigendes Signal für die Zukunft gesetzt: Es gibt noch andere, die ihr Handwerk verstehen. Wie Peiffer es ausgedrückt hat: „Wenn ein großer Baum stirbt, bekommen die kleinen mehr Licht und können besser wachsen.“ Ein bisschen Zeit muss man ihnen aber lassen.

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