Felix Baumgartner, heißt es, ist Extremsportler. Also ist das, was er macht Sport, wenn auch extrem. Also so etwas wie Turmspringen, 100-Meter-Laufen oder Luftgewehrschießen - eine gepflegte olympische Disziplin. Warum auch nicht? Wer aus heiterem Himmel 39 Kilometer fällt und noch alle Sinne beieinander hat, muss schon recht sportlich sein. Kraft, Ausdauer, Konzentration, also starke Muskeln, ein trainiertes Herz und ein strukturiertes Hirn sind unbedingte Voraussetzungen, nach der Luftfahrt am Stück, atmend und nicht innerlich zerrissen, auf Mutter Erde anzukommen. Chapeau.
Die Bewunderung des Millionenpublikums ist gewiss, die materielle Entlohnung, direkt oder indirekt gezahlt, wird wohl fürstlich sein. Und Rekorde, Charakteristikum des Sports, hat der 43-jährige Österreicher ja auch gebrochen. 1342 Kilometer pro Stunde, 1000 schneller als Schumi in besten Zeiten auf der Geraden von Monza, ohne Ferrari unter dem Allerwertesten. Millionen Fernseh-Zuschauer haben sich offensichtlich gut unterhalten gefühlt. Kaum jemand wird sich bei Aufstieg und Fall des schlagfertigen Felix B. entrüstet nach dem tieferen Sinn gefragt haben, sieht man mal von der Werbestrategie seines Finanziers Red Bull ab. Es war also wie im richtigen Sport.
Verbände ziehen mit
Keine Sorge. Es wird an dieser Stelle zukünftig keine Berichterstattung über eine Himmelfall-Meisterschaft á la Baumgartner mit Sprung-Wertung, Haltungsnoten, Tabelle und Absturzliste geben. So etwas steht nicht mal in den Sternen. Aber ist der Sport nicht längst auf dem Weg in die sauerstofffreie Zone?
Die kleinen Baumgartners dieser Welt turnen auf Skiern, Snowboards, auf Surfbrettern wie superprofessionelle Artisten durch die Welt. Sie kreiseln fliegend in ihren Youtube-Filmchen, ob nur mit Leib und Seele oder mit allen möglichen Geräten, immer höher in die Welt hinaus. Ihr Schwung ist so mitreißend, ihr Tempo so hoch, dass ihnen zwar Lawinen folgen, aber Wiederholungen gähnende Langeweile erzeugen. Gestern hießen die bewunderten Kunststücke noch Turnübungen, heute müssen es nervenkitzelnde Stunts sein und morgen Handgriffe, Drehungen, Sprünge, die über Leben oder Tod entscheiden.
Das lehnen wir Sportfreunde brüsk ab? Zu spät. Von dieser Atmosphäre sind Verbände schon erfasst worden. Das Internationale Olympische Komitee reagierte bei der Modernisierung seines Winter-Sportprogramms etwa mit der Einführung des spektakulären, aber gefährlichen Ski-Cross. Dabei wird es wohl kaum bleiben. Denn das Konkurrenz-Angebot von Unternehmen wie Red Bull wächst. Deshalb ist Baumgartners beeindruckender Fall ein Symbol für den drohenden Sturz des Sports in die Welt des Spektakels.
Also als Sport...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 16.10.2012, 14:22 Uhr