Eines Tages wird es diesen Film geben. Die Story ist einfach zu gut, als dass Hollywood die Chance verpassen könnte:
Tochter italienischer Einwanderer wird von ehrgeizigem Vater in den Hochleistungssport getrieben, steigt zum jugendlichen Weltstar auf und verdient Millionen, kommt auf die schiefe Bahn, hört mit den falschen Freunden die falsche Musik, wird mit Haschisch und beim Ladendiebstahl erwischt. Zieht sich aus dem Sumpf, versöhnt sich mit Daddy und steht eines Tages wieder im Rampenlicht, besser als je zuvor.
Doch auf absehbare Zeit wird es die Lebensgeschichte von Jennifer Capriati nicht im Kino zu sehen geben. Die Protagonistin diese Oskar-reifen Drehbuchs will die Rechte an der Story ihre ersten 24 Lebensjahre noch nicht auf Zelluloid produzieren lassen. "Vielleicht später mal, aber nur zu meinen Bedingungen", sagte die 24-jährige Amerikanerin, auch wenn sie am Samstag selbst mit dem 6:4, 6:3 im Finale der Australian Open gegen Martina Hingis für eine Schlussszene gesorgt hat wie sie schöner nicht sein konnte.
„I love you!“ Capriati hat mit ihrem ersten Leben endgültig abgechlossen
Wie ein kleines Mädchen hüpfte sie übermütig auf und nieder. Plötzlich erinnerte sie wieder an "Jenny-Baby", die 18 Tage vor ihrem 14. Geburtstag bei ihrem ersten Profi-Turnier gleich das Endspiel erreichte. "In einem anderen Leben", wie sie selbst beschrieb. "I love you", sagte Capriati zu allen, die es hören wollten. Zu Daddy Stefano auf dem Platz, zu Bruder Steven im heimischen Florida per Handy, zu den Zuschauern in Melbourne und sogar zum lieben Gott.
Pappa Stefano, dem lange die Rolle des Bösewichts in dem möglichen Capriati-Drama auf den stämmigen Leib geschneidert schien, durfte vor laufenden Kameras sein Glück heraussprudeln. Er habe immer an Jennifer gelaubt "In meinem Herzen habe ich gewusst, dass sie es schaffen kann". Schöner als der ehemalige Lastwagenfahrer hätte es auch kein Hollywood-Drehbuchautor schreiben können.
"Endlich habe ich einen dieser Titel gewonnen, wer hätte das gedacht, nach allem was passiert ist", sagte Capriati und zeigte sich immer wieder stolz mit der Trophäe im einen Arm und dem obligatorischen Stoffkänguru im anderen. Und dann schrieb sie Autogramme, so als ob sie sich nichts Schöneres vorstellen könnte, als ob sie solange wie nur möglich auf dem Centre Court bleiben wollte.
Martina Hingis: Grand Slam Endspiele werden zum Horrorstreifen
Finals Martina Hingis sah dagegen, dass sie schnellstens wegkam. Ihr Lebensfilm entwickelt sich allmählich zum Horrorstreifen, zumindest wenn es um Endspiele bei Grand-Slam-Turnieren geht. Zum fünften Mal hintereinander hat sie den letzten entscheidenden Schritt zum Titel nicht geschafft. "Hoffentlich werde ich wieder gewinnen", sagte die Weltranglisten-Erste, deren Top-Position trotz der Niederlage nicht gefährdet ist.
Zu viele zu knappe Spiele, zuviele Einsätze in Perth, Sydney und Melbourne, darunter allein fünf gegen die Williams-Schwestern im Einzel und Doppel, hatten ausgerechnet in diesem wichtigsten Match ihrer Australien-Tournee ihren Tribut gefordert. "Ich glaube, dass ich trotzdem die bessere Spielerin bin", behauptete Hingis trotzig und "bewarb" sich mit einer weiteren düsteren Bemerkung um die Rolle der bösen Rivalin. "Ich habe eine Menge Respekt für Jennifer als Tennisspielerin. Ausserhalb des Platzes ist das eine andere Geschichte."
Prinosil verpasst zum zweiten Mal Doppel-Sieg
Als kleines Nachspiel zu dem Damen-Drama gab es noch vier Sätze Herrendoppel. David Prinosil schaffte es dabei nicht, als erster Deutscher seit Michael Stich (1992 mit John McEnroe in Wimbledon) einen Grand-Slam-Titel im Doppel zu gewinnen. Mit Byron Black (Simbabwe) unterlag er Jonas Björkmann/Todd Woodbridge (Schweden/Australien) 1:6, 7:5, 4:6, 4:6. "Das ist schon enttäuschend, wenn man im Finale steht, will man natürlich auch gewinnen." Prinosil hatte 1993 mit Marc-Kevin Goellner in Paris auch das Endspiel erreicht.