Es war die Nacht der Gastgeber, eine Nacht, an die man sich in Japan und mehr noch in Korea noch lange erinnern wird. Die Nacht, in der Asiens Fußball aus den Babyschuhen wuchs, endlich ernst genommen auf dem großen Laufsteg der Fußball-Welt.
In den lauten Jubel der Koreaner, die nach ihrem 2:0 gegen Polen ausgelassen ihren ersten Sieg bei einer Weltmeisterschaft feierten, mischte sich die etwas verhaltenere Freude der Japaner über den „historischen Punktgewinn“.
Endlich positive Nachrichten
Fast unbemerkt bleibt die Niederlage des mächtigen Verwandten China, beim enttäuschenden Debüt gegen Costa Rica. Die Gastgeber sind viel zu sehr mit sich beschäftigt. Am Mittwoch morgen erwachte Japan nach langer Zeit einmal mit positiven Nachrichten aus dem eigenen Land. Für das 2:2 von Saitama räumen die großen Tageszeitungen die ersten Seiten: „Japan kriegt seinen ersten WM-Punkt“, frohlocken die liberale “Asahi“ und die konservative “Yomiuri“.
Die englischsprachige „Japan Times“ lobt: „Suzuki und Inamoto glänzen für Japan.“ Nur die ernste Wirtschaftszeitung „Nihon Keizai“ will das Feld nicht ganz dem Ball überlassen und warnt vor einem Krieg zwischen Indien und Pakistan.
Keine Schlagzeilen für China
Natürlich bleibt auch der erfolgreiche Mitgastgeber nicht unerwähnt. Am meisten freut sich die „Sankei Sports“ über die koreanischen Leistungen: Korea habe Ostasien den ersten Sieg seit 1966 beschert, schreibt die Zeitung - und erinnert an den abwesenden Bruder, an Nordkorea, das vor 36 Jahren Italien 1:0 bezwang.
Pjöngjangs letzter Verbündeter China bekommt mit seiner sportlichen Niederlage zur WM-Premiere 2002 keine Schlagzeilen, nur höfliche Spielberichte, knappe Pflichtmeldungen. Die Sportpresse, die in Japan die Lücke der Boulevardzeitungen füllt, vermag an diesem Tag nicht zwischen echten und falschen Gewinnern zu trennen.
Das Unentschieden der eigenen Spieler wird wie ein Sieg zelebriert: Japan hat zwei Tore, Korea auch. In einem Atemzug fallen beide, doch der Platz gehört der eigenen Nationalmannschaft. Acht bis zehn Seiten für Japan, eine für Korea - bei aller Fairneß bleibt die Präferenz gewahrt. Schließlich wäre Japan beinahe als wahrer Sieger vom Feld gezogen.
„Fragwürdige Entscheidung“
Japanische Fußballfans beschwerten sich bei der Begegnung mit Belgien mit lauten Buhrufen, weil Junichi Inamotos Treffer kurz vor dem Abpfiff nicht die Anerkennung des Schiedsrichters fand. Die Sportzeitungen erwähnen diese „fragwürdige Entscheidung“, aber halten sich nicht lang mit Vergangenem auf.
Japan ist jetzt schon weiter als 1998, nach seiner ersten Weltmeisterschafts-Teilnahme. Wenn bisher abseits der Stadien noch weitgehend Ruhe herrschte, so ist mit dem gelungenen Auftakt gegen Belgien in Saitama auch bei den Baseball-Fans das „Sokka“-Fieber ausgebrochen.
Begeisterter Minsiterpräsident
Am Dienstag abend war Tokios gewöhnlich überfüllte Flanierstraße Omotesando menschenleer. Vor überfüllten Sportlerkneipen standen Fernseher, weil man dem Andrang im Inneren nicht anders Herr werden konnte. Sogar Ministerpräsident Koizumi, der es erst zur zweiten Halbzeit ins Stadion nach Saitama schaffte, zeigte, ein wenig verblendet allerdings, Begeisterung: „Das war das bewegendste Spiel, das ich je gesehen habe!“
Einen Sinn für die Realität bewahrt allein Starspieler Hidetoshi Nakata: „Wir sind halt noch ein junges Team. Aber auch, wenn es nur ein Unentschieden gegeben hat, war es gut für unser Selbstvertrauen.“
Sieg für eine stolze Nation
Unter diesem Gesichtspunkt hat Korea nichts mehr aufzuholen. „Endlich Sieg!“ Die Schlagzeile der „Korea Times“ spiegelt die Gefühle einer stolzen Nation, die es satt hat, immer nur die zweite Geige zu spielen. Einen “historischen Erfolg“ nannte auch der niederländische Trainer Guus Hiddink den ersten WM-Sieg bei der sechsten Endrunden-Teilnahme.
„Ein enormer Tag für die Menschen in Korea, für die Fans, für alle, die Fußball lieben“ - die Presse wiederholt diese Einschätzung am Mittwoch in vielfachem Echo. Angeblich verfolgten - neben den rund 55.000 Fans im Stadion - mehr als eine Million Koreaner auf öffentlichen Bildschirmen das Spiel.
Rot war die Farbe Koreas an diesem denkwürdigen Abend - nicht nur in Busan, im ganzen Land. Und während Japan seiner Mentalität zumindest außerhalb des Stadions treu blieb und sich leise freute, gaben sich die Koreaner ihrem Ruf entsprechend dem emotionalen Taumel hin.
„Ein Traum?“
„Korea hat in der vergangenen Nacht eine stolze Seite der Geschichte geschrieben“, jubelt der „Korea Herald“, eine englischsprachige Zeitung für die Ausländer im Land. „Ist dies ein Traum?“ fragt die Zeitung “Joongang Ilbo“ und verweist auf Jahrzehnte der Fußball-Dürre, die nun zu Ende seien - dank der exzellenten Zusammenarbeit der Mannschaft und den Toren von Hwang Sun-hong und Yoo Sang-chul.
Für die beiden Gastgeber hat sich der Heimvorteil schon jetzt gezeigt, und doch sind längst nicht alle zufrieden. Japan und Korea sind entrüstet über die mangelnde Organisation bei der Auslieferung der Eintrittskarten.
Ärgernis Tickets
Selbst beim Heimspiel von Japan gegen Belgien blieben Sitze leer. Die “Nikkan Sports“ zählte 8444 unbesetzte Plätze: „Unglaublich!“ Das japanische Organisationskomitee (Jawoc), das die Mängel der FIFA ankreidet, hält am Mittwoch allerdings etwas dagegen: Ziehe man die Plätze ab, die aus sicherheitstechnischen und anderen Gründen nicht verkauft wurden, seien am Dienstag nur 700 bis 800 Sitze in Saitama leer geblieben.
Nach den Spielberichten über den Auftakt der beiden Gastgebermannschaften ist das „große Ärgernis“ über die fehlenden Tickets das beherrschende Fußballthema. „Jawoc ist begeistert und zufrieden mit den Spielen, der Atmosphäre in den Stadien und mit dem Verhalten der Fans, aber ich bin enttäuscht, leere Sitze zu sehen“, sagte Jawoc-Generalsekretär Yasuhiko Endo. Diese Worte geben am Mittwoch alle japanischen Zeitungen wieder.
Fifa in der Kritik
Und schlimmer noch: Auch Ministerpräsident Koizumi habe die Mängel während einer Kabinettssitzung angeprangert. Öffentlich wurde die FIFA von zwei Ministerinnen gescholten. Das südkoreanische Organisationskomitee (Kowoc) kündigte an, den Verkauf der Eintrittskarten in eigener Regie vorzunehmen.
Eine Schadensersatzklage gegen die britische Agentur Byrom scheint noch immer möglich zu sein. Jawoc verkündete dagegen, gemeinsam mit dem Weltverband und der Agentur habe man eine Lösung gefunden, die die Bedürfnisse der Fans berücksichtige.