26.01.2001 · In der Todeszone des Himalaya einen Film zu drehen, ist unmöglich. Hollywood hat es trotzdem versucht. Diese Woche kommt der Bergsteiger-Thriller „Vertical Limit“ in die Kinos. Der Gipfelstürmer Reinhold Messner hat den Film gesehen und bespricht ihn für FAZ.NET.
Von Reinhold MessnerPeter und Annie haben bei einem Kletterunfall ihren Vater verloren. Jahre später wird Annie am K2, dem zweithöchsten und gefährlichsten Berg der Welt, gemeinsam mit einem Milliardär und ihrem Bergführer in einer Gletscherspalte verschüttet. Im Wettlauf gegen die Zeit versucht nun Annies Bruder, zusammen mit einem exzentrischen Bergsteigerveteran und einem kleinen Team von Spezialisten, das Unmögliche: Die Rettung aus der Todeszone, wo der Mensch nur 36 Stunden überleben kann.
Dies kurz die Geschichte eines haarsträubenden Action-Films über eine Rettungsaktion ohnegleichen. Ein Film für alle! Wer die Berge nicht kennt, wird mitgerissen vom Wahnwitz der extremen Szenen - die Bergfreaks sollen wissen, wozu Berge missbraucht werden können. Der K2, als suggerierte Arena von „Vertical Limit“, dient dem Film nur als Metapher, als Schauplatz auch für ein Drama, das von Familienbande und Bergkrankheit, vom Kämpfen und Sterben erzählt. Aber „Vertical Limit“ ist nicht nur ein Drama, das am Berg spielt. Es ist, wenn auch misslungen, ein Psychothriller.
Peter, der bei einem Kletterunfall gezwungen war, seinen Vater vom Seil zu schneiden, um sein und das Leben seiner Schwester zu retten, kommt am Ende seiner Schwester zu Hilfe, die ihm das Kappen des Seils nie verziehen hat. Um jeden Preis, auch wenn er dabei umkommen sollte, will er sie jetzt aus der Todeszone retten. Die schwierige Beziehung zwischen Geschwistern ist also das Herzstück des Films: Eine emotionsgeladene Familiengeschichte, die in den Bergen Neuseelands gedreht wurde. Mit riesigem Aufwand!
Profis sichern sich ab, sie springen nicht über Abgründe
„Vertical Limit“ ist unterschnitten mit Stunts und Trickaufnahmen, wie sie bisher nicht zu sehen waren. Nein, nie wurde so viel gestürzt und gefroren und gestorben wie in „Vertical Limit“. Wie die Kletterer im Überhang an der Haue des Eispickels hängen, wie sie über Abgründe springen und in Serie aus der Wand fallen ist atemberaubend. Und einer schneidet am Ende immer das Seil durch. Um die anderen zu retten! So heldenhaft sind Bergsteiger! Wenigstens im Film.
Expeditionen, wie sie in diesem Film gezeigt werden, sind seit einem guten Jahrzehnt Realität und das Basislager am K2 gleicht heutzutage wirklich dem im Film. Auch die Gänsemarschausflüge in die Todeszone sind inzwischen Alltag - nur werden an den Flanken des K2 Lager aufgebaut, Fixseile verankert und nicht Spiele geprobt: Seilbrücken oder Sprünge über Abgründe kommen am K2 nicht vor.
Viel Party, dazwischen geruhsames Bergsteigen - der K2, wie Hollywood ihn sieht
Im berühmten „Flaschenhals“ unterm Gipfel ist der Mensch weit weg von jeder Zivilisation, in der Arena der Einsamkeit. Im Film hingegen erscheint der Aufstieg als Spaziergang im Schnee. Klar, in der wahren Todeszone kann niemand Szenen für einen Spielfilm drehen, kein Schauspieler würde dort seine Rolle spielen, die Kamera liefe nicht und der Sturm würde oft jedes Wort übertönen. Dass die allermeisten Szenen in Neuseeland nachgestellt wurden, geht also in Ordnung.
Die spannendsten Actionszenen sind natürlich im Studio gedreht worden: Das Abspringen von den Kufen des Hubschraubers; die Gletscherspalte, 16 Meter tief, in die aus großen Tanks „eine Schneelawine hineingepustet“ wird. Trotz des großen Aufwands aber ist es nicht gelungen, die Handlung realistisch erscheinen zu lassen. Fast nichts in diesem Film sieht aus wie am wirklichen Berg. Ob mit einer Sprengladung eine Lawine ausgelöst wird oder nach einer Explosion der halbe Berg in die Luft fliegt - es ist zum Lachen.
Leider strotzt dieser Film auch vor Heldentümelei, Vorurteilen und Klischees. Wer aber die Welt über den Wolken nicht kennt, ist verleitet, „Vertical Limit“ mit der Realität zu verwechseln: sehr viel Hightech, Partys, Wetterstation und Hubschrauber, die einschweben und aufsteigen wie auf einem Provinzflughafen. Dazwischen ein bisschen Bergsteigen.
Leichtfertiger Umgang mit Nitroglyzerin
Mag „Vertical Limit“ der Film mit den meisten und aufwändigsten Helikopterszenen sein, den Wahn, menschliche Grenzen zu überschreiten, zeigt er nicht. Peter schafft es zwar seine Schwester zu retten, der Film schafft es aber nicht, erfahrene Bergsteiger zu überzeugen. So wenig die Berge um den Mount Cook aussehen wie der Himalaja, so wenig verhalten sich Menschen im Grenzbereich zwischen Leben und Tod wie in diesem Film.
Auch die Rettung selbst wirkt auf mich wie ein Pfadfinderspiel. Dabei gehen die Helfer als lebende Bomben ans Werk. Sie tragen Nitroglyzerin im Rucksack und machen alles falsch. Nein, sie kommen nicht höher, im Gegenteil, die Bilder im Film suggerieren mit zunehmender Höhe tiefere Gefilde. Und wie die Sicherung aus dem Eis kippt, hat etwas Irreales! Als wären die Naturgesetze außer Kraft gesetzt! Pit Schubert, der weltweit erfahrenste Sicherheitsexperte, ein Deutscher, kann bei so vielen „Wundern“ nur noch den Kopf schütteln oder an sich selbst zweifeln. Wie Ed Viesturs, ein US-Star-Bergsteiger, der hinter der Kamera als Berater fungierte, so viel Unfug durchgehen lassen konnte, bleibt mir ein Rätsel.
Den Bilder fehlt die Atmosphäre extremer Höhen
Mit Hilfe von Idealismen, Klischees und Action sollte in „Vertical Limit“ die Illusion projiziert werden, wie sich das Leben in „10.000 Metern Höhe“ so abspielt. Nur, den Bildern fehlt die Atmosphäre extremer Höhen, den Akteuren, von denen wir glauben sollen, dass sie die besten Kletterer der Welt sind, sieht man in den aufregenden Action-Sequenzen nicht an, dass sie in eine menschenfeindliche Welt geworfen sind. Film-Realität also, die es so nicht gibt, obwohl solche Szenen nie vorher gefilmt worden sind.
Es wird in Wirklichkeit viel schwieriger geklettert und viel mehr gewagt als in „Vertical Limit“ gezeigt. Und noch ein Missverständnis. Das viel beschworene Dexamethasone (oder „Dex“, wie man im Film dazu sagt) ist nicht der Unterschied zwischen Leben und Tod. „Dex“ ist das Eingeständnis des Scheiterns. Wie schon mit Cliffhanger (Cliffhanger - Nur die Starken überleben, 1993), K2 (K2 - Das letzte Abenteuer, 1992) und The Edge (Auf Messers Schneide - Rivalen am Abgrund, 1997) zeigt auch „Vertical Limit“, dass der Berg, vor allem der K2, eine Nummer zu groß ist für Hollywood.