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Artisten-Duo Grynchenko Hauptsache, der Bruder hält

 ·  Die Artisten Aleksandar und Sergej Grynchenko sind in aller Welt für acht Minuten berühmt. Aber ihr einzigartiges Kunststück bereitet den Ukrainern mehr als Kopfschmerzen.

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© Wresch, Jonas Kopf an Kopf: Diesen Trick beherrscht keiner außer den Brüdern

Alles für diese acht Minuten! Seit Kindheitstagen haben die „Grynchenko-Brothers“ auf diese, ihre acht Minuten hingearbeitet. Seit zwölf Jahren stehen die beiden auf den wichtigsten Varieté-Bühnen und in den wichtigsten Zirkus-Manegen - acht Minuten lang. Ihre Nummer ist ihnen damals auf die durchtrainierten Leiber geschneidert und seitdem nicht mehr verändert worden. Etwa 15000 Mal, schätzt Sergej, der Jüngere der beiden, hätten sie ihre brüderliche Inszenierung aus Kraft, Balance und Harmonie schon absolviert. Im Training und vor Publikum.

Und täglich werden es mehr. Im Frankfurter Tigerpalast, einem der feinsten Varietés des Kontinents, stehen die beiden derzeit zweimal täglich auf der Bühne. sechsmal in der Woche. Seit August 2012 und noch bis Juni dieses Jahres. Zuvor waren sie einige Monate lang in einem großen Theater bei Straßburg unter Vertrag. So lange sesshaft sind sie selten. Die Grynchenkos sind Nomaden, ziehen das ganze Jahr um die Welt und bieten: ihre acht Minuten gegen Geld. Denn Aleksandar und Sergej können etwas, das sonst niemand auf der Welt beherrscht.

Kopf an Kopf

Der Hinterhof des Tigerpalastes in der Frankfurter Innenstadt ist ein denkbar unglamouröser Ort. Einst hat die Heilsarmee die Räumlichkeiten genutzt, in der heute die weltbesten Künstler und Artisten bis zu 190 Zuschauer unterhalten. Die beiden Ukrainer stehen neben einer Regenpfütze und rauchen. Bis zur ersten Show des Abends sind es noch drei Stunden. Unter ihren Jacken lugen schon ihre Kostüme hervor, ihre Füße stecken in ausgetretenen Badelatschen. Ihrer Arbeit gehen sie stets barfuß nach. Hinter der Bühne, in einem winkligen, weiß gekachelten Raum, machen sie ein kurzes Aufwärmprogramm. Aleksandar, der Große, stemmt Sergej, den Kleinen, mit einer verblüffenden Leichtigkeit in die Luft. Und Sergej macht einen einarmigen Handstand auf dem Kopf seines Bruders. Dies ist auch Teil ihrer anmutigen Nummer voller Höchstschwierigkeiten, aber nicht das, was sie von zig anderen Hand-auf-Hand-Akrobaten unterscheidet. Nicht das, was sie auf die wichtigsten und bestbezahlten Varietébühnen von Moskau, Paris, New York, Las Vegas bringt.

Die Brüder treten hinaus auf die Bühne, die Kellner haben schon damit begonnen, Tische und Stühle zu rücken, Gläser werden poliert. Nachmittags steht die Bühne allen Künstlern der Show nacheinander zum Proben zur Verfügung. Aleksandar (73 Kilo) hat nie Krafttraining gemacht. Ihm reicht eine 70 Kilo schwere Hantel: der Körper seines Bruders. Aleksandar schnappt sich Sergej - und stellt ihn sich auf den Kopf. In einer Selbstverständlichkeit, in der andere nach einem Hut langen und ihn aufsetzen. Langsam lösen sich ihre Hände voneinander, und sie stehen dort Schädel auf Schädel. Am Blick des 31 Jahre alten Aleksandar kann man nur erahnen, welch ein Druck auf seinem Kopf und der Wirbelsäule lastet. Diese Übung ist ihr Alleinstellungsmerkmal, diese hat noch kein Artisten-Duo fertiggebracht. Jedenfalls nicht ohne Gummiring zwischen den Köpfen.

Das Publikum will überzeugt werden

“Dieser Trick“, sagt Aleksandar, müsse jeden Tag geprobt werden. Würden sie fünf Tage pausieren, würde er zunächst nicht mehr funktionieren. Und der Druck presse ihm bei einem Neuanfang die Tränen aus den Augen. „Das Vertrauen und das Gefühl gehen ein bisschen verloren“, sagt er und tippt sich mit einem Finger an die Schläfe: „Das findet im Kopf statt.“

Sie sind Hochleistungssportler. Sie arbeiten nicht auf den Wettkampf an Tag X hin, für sie ist jeder Tag Tag X. Sie haben keinen Gegner, nur das Publikum, das es zu unterhalten und überzeugen gilt. Ein Publikum, das nichts über sie wissen will, sondern nur ihre Kunst genießen will, das raunt, staunt und applaudiert - dann Vorhang zu, nächste Nummer.

Ihre Tagesform ist für die Brüder längst nicht mehr entscheidend für das Gelingen der Nummer. Die Vorbereitung, der Ablauf, der Abgang, ja selbst der Adrenalineinschuss beim Betreten der Bühne sind längst pure Routine. Und doch können die Profis ihren Auftritt nachher in Dutzende Versatzstücke - von Ausführung bis Ausstrahlung - zerlegen und diese bewerten. „Ihr wart phantastisch gestern“, lobt die künstlerische Direktorin des Tigerpalasts, Margareta Dillinger, im Vorbeigehen. Die Grynchenkos lächeln etwas schüchtern und nicken.

„Schmerzen gehören zu unserem Leben dazu“

“Die Nummer auf der Bühne ist immer die gleiche, das Gefühl dabei aber immer anders“, sagt der 27 Jahr alte Sergej. Die beiden versinken dann in tiefer Konzentration, kommunizieren auf der Bühne mit kleinsten, fast unmerklichen Bewegungen. Und sie haben sensible Antennen für alles, was im Saal passiert, auch wenn sie das Publikum im Scheinwerferlicht nur schemenhaft erkennen. Die Atmosphäre im Varieté variiere je nach Zusammensetzung der Zuschauer - ob mehrheitlich alt oder jung, schweigend oder vor Begeisterung mit den Füßen trampelnd, nur staunend oder ständig klatschend. Der Applaus während der Nummer, der in Westeuropa häufig aufbrandet, irritiert die beiden Brüder bis heute. Sie hätten es lieber, wenn die Leute ihre Begeisterung erst nach der Nummer kundtäten. Wenn sie sich verbeugen.

In jenem Moment wird auch die kahle Stelle sichtbar auf den Köpfen der Grynchenkos. Dort, wo Schädel auf Schädel drückt. „Schmerzen gehören zu unserem Leben dazu“, sagt Aleksandar. Im Grundschulalter begannen die gebürtigen Moldauer ihre Karriere in einer Zirkusschule in Pervomaisk, einer Kleinstadt 300 Kilometer südlich von Kiew. Vier bis fünf Stunden am Tag wurden sie gedrillt, sechs Tage in der Woche, vier Jahre lang. Nur Training, keine Auftritte. Erst auf der staatlichen Zirkusschule in Kiew wurde auch an Mimik und Choreographie gearbeitet. Und es fiel die Entscheidung, als Bruder-Duo zu reüssieren. Von Beginn an war klar, dass Aleksandar als vier Jahre Älterer den Kraftmeier und Balancekünstler mimen würde. Der feingliedrige Sergej hatte sich mehr kopfüber in der Luft aufzuhalten. Obwohl er wuchs und wuchs, bis er den großen Bruder schließlich um einen Zentimeter überragte.

Acht Minuten auf der Bühne

Ihre Laufbahn als ukrainische Staatskünstler nahm Fahrt auf, sie sammelten Preise und Auszeichnungen, und zum Dank schenkte die Regierung ihnen je ein Haus in Odessa direkt an der Schwarzmeerküste. Nur sind sie fast nie daheim, weil sie mit ihren Frauen und Kindern um die Welt tingeln. Sie verbringen quasi 365 Tage im Jahr zusammen unterwegs. „In der Champions League gibt es keine deutschen Artisten. Sie sind nicht bereit, diesen harten Weg zu gehen, sich so zu quälen“, sagt Johnny Klinke. Der Gründer und Direktor des Tigerpalasts ist seit 25 Jahren in diesem Geschäft. „Neunzig Prozent der Artisten sind Handwerker, zehn Prozent wollen wir im Tigerpalast.“ 300 bis 500 Euro Gage pro Arbeitstag werden in den besten Varietés gezahlt.

Die Frage, wie lange sie so weitermachen wollen, stellt sich den Grynchenkos nicht. Die Frage lautet, wie lange sie weitermachen können. Denn die Brüder haben nichts anderes als den Zauber ihrer Achtminutennummer, sie sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Eine schwere Verletzung oder Krankheit von einem, und ihr Lebenskonstrukt bricht auseinander. „Vielleicht ist es morgen vorbei, vielleicht in 30 Jahren“, sagt Aleksandar. Sein Arzt rät ihm beim Blick auf seine Wirbelsäule stets, sofort aufzuhören. Noch hat sein Muskelpanzer um den Gelenken nicht den Dienst versagt. Die größere Gefahr seien eher „irgendwelche Russen und Chinesen“, sagt Aleksandar, die angeblich an einer Kopie ihres Tricks ohne Gummiring arbeiteten und den Grynchenkos ihr Alleinstellungsmerkmal rauben könnten. Die Plätze in der Zirkus-Champions-League sind schließlich begrenzt, die Konkurrenz eh schon groß.

90 Minuten vor Beginn der ersten Show des Abends begeben sich die Brüder hinter die Kulissen der Bühne, betreiben ihre Verwandlung zu den Hochleistungsmaschinen, die sie gleich wieder sein müssen. Dann runterfahren, warten, sich für den zweiten Auftritt kurz vor Mitternacht vorbereiten, wieder acht Minuten auf die Bühne, Vorhang zu. Vor 4 Uhr am Morgen finden sie keinen Schlaf. Wenige Stunden später beginnt der nächste doppelte Achtminutentag.

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