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Armin Hary wird siebzig Hundert Meter in zehn Komma null

22.03.2007 ·  Seine spektakuläre Bestleistung ist ihm immer noch weniger wert als die Goldmedaille: „Weltrekorde werden verbessert, der Olympiasieg bleibt“, sagt Armin Hary. Was ist sonst geblieben? An diesem Donnerstag wird der deutsche Sprinter siebzig.

Von Hans-Joachim Waldbröl
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Tatsächlich: Tellerwäscher war er auch mal. Sogar im Tellerwäscherland Amerika, wo er kurz Sport studierte. Aber den legendären, schnurgeraden Aufstieg aus der Hotelküche in die Millionärsetage hat Armin Hary im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten nicht geschafft. Ersatzweise legte er in der deutschen Heimat einen eindrucksvollen Zickzackkurs hin: als Feinmechaniker und Hilfsarbeiter in einer Autoschlosserei. Und Angestellter der Saarländischen Bergwerksdirektion. Und Mitglied der Verfahrensabteilung beim Chemiekonzern Bayer Leverkusen. Und Angestellter eines Frankfurter Kaufhauses. Und selbständiger Kaufmann. Armin Hary brachte Telefonverstärker, Versicherungen, Sportschuhe, Automaten und Immobilien an den Mann.

Beim Aufzählen dieser Berufslitanei geht einem glatt die Puste aus - während Armin Hary auf dem wichtigsten all seiner Arbeitswege nicht ein einziges Mal zu atmen brauchte: Hundert Meter in zehn Komma null, die haben ihn weltberühmt gemacht. Gerannt auf Asche, wie in Stein gemeißelt. Der Weltrekord 1960 in Zürich, anschließend die olympische Goldmedaille in Rom, erst im Solo, dann mit der Staffel. Das Quartett hat der bis dato einzige deutsche Sprint-Olympiasieger an diesem Donnerstag, an seinem 70. Geburtstag, in einem Örtchen bei Landsberg beisammen: Außer ihm selbst Bernd Cullmann, Walter Mahlendorf und Martin Lauer.

Hary: „Den hol ich mir“

Ein „Selfmademan“, wie er sich gerne nennt, war der gebürtige Saarländer Armin Hary vor allem in der Leichtathletik. Zwar soll Bert Sumser, der damals wohl erfolgreichste deutsche Sprinttrainer, nach Harys erstem deutschen Titelgewinn 1957 in 10,5 Sekunden gesagt haben: „Den hol ich mir. Der wird der Erste in der Welt werden, der die 100 Meter in 10,0 Sekunden läuft.“ Aber Sumser sei ihm in Leverkusen, so Hary heute, lediglich „ein väterlicher Freund“ gewesen. Auf die Frage, wer sonst seine sportliche Klasse geprägt habe, antwortet Armin Hary: „Armin Hary.“

Eigenwillig war er, nicht wenige sagen: egozentrisch. In jedem Fall aber ein herausragender Solist, der felsenfest an seiner Version des kuriosen Weltrekord-Kapitels festhält. Unbestritten blieb, dass die Provinzbahn in Friedrichshafen, wo Hary schon 1958 über die 100 Meter mit 10,0 Sekunden gestoppt worden war, ein Gesamtgefälle von 10, 9 Zentimetern aufwies. Erlaubt sind jedoch höchstens 10,0. Aber zwei Jahre später, an jenem 21. Juni 1960, stimmte alles - fast alles. „Ich hatte, wie so oft, einen Blitzstart und gewann das Rennen regulär in 10,0 Sekunden.“ Regulär nur insofern, als der zögerliche Starter die Sprinter nicht mit einem zweiten Knaller zurückschoss.

Unschöne Erinnerungen an das Ende seiner Karriere

Doch das Kampfgericht wollte das Rekordprotokoll wegen Fehlstarts des Siegers nicht unterschreiben. Hary, überzeugt davon, „dass mir so einige von denen meinen Weltrekord nicht gönnten“, war empört - bis der regelfeste Journalist Gustav Schwenk ihn darauf aufmerksam machte, dass er einen Wiederholungslauf fordern könne. Das tat er. Und gewann innerhalb von 35 Minuten zum zweiten Mal in 10,0 Sekunden. Am Weltrekord war nicht mehr zu rütteln. Olympiasieger wurde Hary knapp drei Monate später in 10,2 Sekunden.

Die spektakuläre Bestleistung ist ihm immer noch weniger wert als die Goldmedaille: „Weltrekorde werden verbessert, der Olympiasieg bleibt.“ Was ist sonst geblieben? Unschöne Erinnerungen an das schnelle Ende seiner Karriere, schon 1961, er war 24 Jahre alt. Ein Autounfall traf ihn körperlich, die Funktionäre des Deutschen Leichtathletik-Verbandes fand er allzu ärgerlich. „Man muss sich das heute mal vorstellen: Wegen einer Spesenabrechnung von 70 Mark haben sie mich vom 1. Januar bis zum Mai 1961 gesperrt.“ Begründung: Verstoß gegen den Amateurstatus. Hinzu gekommen war „verbandsschädigendes Verhalten“.

„Wir armen Schlucker im Trainingsanzug“

Hary hatte sich die Unverschämtheit geleistet, zu fordern: „Die Funktionäre sollten für die Athleten da sein und nicht umgekehrt.“ Heute das Credo jedes mündigen Athleten. Doch damals sind ihm die Funktionäre über den Mund gefahren. Die Hierarchie sah anders aus: „Die Funktionäre standen im Smoking da, wir armen Schlucker im Trainingsanzug.“ Exakt am 1. Mai 1961, als seine Sperre abgelaufen war, erklärte Hary seinen Rücktritt.

„Aus dem Rennen“ war Armin Hary die längste Zeit seines Lebens. Bis er seinen Namen vor zwei Jahren wieder zu nutzen begann - für den sportlichen Nachwuchs: Er gründete die „Initiative zur kommunalen Förderung jugendlicher Sporttalente“ im Alter zwischen vier und zwölf Jahren. Hary und einige Mitarbeiter akquirieren „echte Partner, keine eigennützigen Sponsoren“, um Jahr für Jahr je drei Talente in mittlerweile rund 3000 Städten mit dem Nötigsten auszustatten.

Der Erfinder hält es für „ein Trauerspiel, dass Unternehmer lieber einem 38-jährigen Athleten, der nicht aufhören kann, einen Werbevertrag geben, anstatt begabte Kinder und Jugendliche zu fördern“. Die Eltern von etwa 2,5 Millionen Kindern könnten es sich nicht leisten, eine Sportausstattung zu kaufen. Da springt seine „AHA-F“ ein, die eine sportlich-soziale Einschätzung Harys beherzigt: „Die meisten Kämpfer und Siegertypen kommen aus hungrigen Bevölkerungsschichten, nicht aus satten.“ Dazu sagt der Bergmannssohn Armin Hary nur: „Ich weiß, wovon ich spreche.“

Quelle: F.A.Z. vom 22. März 2007
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