Wenn um vier Uhr morgens das Telefon klingelt, sind das zumeist keine guten Nachrichten. So auch an diesem Mittwoch bei Thomas Kurschilgen. Der Sportdirektor des deutschen Leichtathletik-Verbandes wurde aus dem Bett geworfen, weil eine seiner wichtigsten Sportlerinnen ein akutes Problem hatte. Hochspringerin Ariane Friedrich verspürte starke Übelkeit. Sensible Menschen kennen das Symptom: nicht überwundene Probleme oder anstehende schwere Aufgaben schlagen einem schon mal auf den Magen.
Und Ariane Friedrich hatte zuletzt mit einer Reihe von Schwierigkeiten zu kämpfen. Facebook-Affäre, Katzenbiss, fehlende Olympianorm, Anlaufumstellung, immer noch fehlende Olympianorm. Nichts ging richtig geradeaus, geschweige denn hoch hinaus, seit sich die Polizeimeisterin kurz vor Weihnachten 2010 beim Training einen Achillessehnenriss im linken Sprungfuß zugezogen hatte.
Nun setzte ihr auch noch ein Magen-Darm-Infekt zu – ausgerechnet vor den beiden Tagen, die sie zurück in die Spur bringen sollten. „Sie war am Abend noch beim Sushi-Essen, aber das machen wir seit fünf Jahren vor jedem Wettkampf so“, sagte ihr Trainer-Manager Günter Eisinger. Nachts stellten sich die Beschwerden ein. Gegen halb acht am Morgen stellten die Verbandsärzte Professor Dr. Andreas Nieß und Dr. Helmut Schreiber die vorläufige Diagnose und entschieden, Friedrichs Teilnahme an der Qualifikation an diesem Mittwoch abzusagen. Und damit auch das Finale am Donnerstag (16.50 MESZ). Der nächste Rückschlag.
„Das ist ein großes Pech“, sagte Kurschilgen: „Ariane war sehr optimistisch, sie wollte hier eine Medaille holen.“ Stattdessen sah die 28-Jährige bei diesen Europameisterschaften nicht einmal das Stadion. Die kranke Athletin blieb im Mannschaftshotel „Radisson Blu Seaside“ in der Ruoholahdenranta im Bett liegen, während das schmale Teilnehmerfeld ohne ihr Mitwirken die zwölf Plätze für das EM-Finale aussprang.
Dabei hätte der Wettkampf ihr gelegen: Entgegen der Wettervorhersage schien die Sonne in Helsinki, er herrschten angenehme Temperaturen. Auch das Niveau hätte Friedrich vermutlich gehalten. 1,90 Meter reichten schon für den Sprung ins Hauptfeld. Weil selbst dieses Maß nur elf überwanden, wurde sogar noch eine nachgeschoben - die Griechen Adonia Steryiou kam mit 1,87 weiter. Die schaffte zwar auch die andere deutsche Starterin Marie-Laurence Jungfleisch - allerdings erst im zweiten Versuch. Damit findet das Finale am Donnerstag ohne deutsche Beteiligung statt.
Höhen in dieser Größenordnung hat die 2,06-Meter-Springerin aus Frankfurt früher mit verbundenen Augen überwunden. Sogar in dieser für sie so unbefriedigend verlaufenen Saison kam sie schon darüber hinweg: 1,92 schaffte sie Ende Mai in Rehlingen. Danach ging es allerdings eher rückwärts als hoch hinaus. Bei den verregneten deutschen Meisterschaften reichten 1,86 zum Sieg, bei einem kurzfristig eingeschobenen Springen in Erfurt überwand sie mit verlängertem Anlauf auch nur 1,88.
Das war schon ein unsinniges Engagement, weil der sensiblen Sportlerin enge Wettkampffolgen eigentlich nicht liegen. Aber der Kampf um die Olympianorm von 1,95 trieb sie an. Ariane Friedrich ist offensichtlich in einer Negativ-Spirale gefangen, die sie mental und körperlich blockiert.
Zuletzt hatte die eigentlich extrovertierte Frau - der es an besten Tagen gelang, ein ganzes Stadion mit einem Fingerzeig zum Schweigen, und einem gelungenen Sprung zum Jubeln zu bringen - die Angst vorm Scheitern belastet: „Ich bin zum Kopfmensch mutiert“, entdeckte sie eine unbekannte und unbeliebte Seite an sich. In Helsinki bedauerten die wenigen ernsthaften Siegspringerinnen Friedrichs Fehlen glaubwürdig.
„Ich habe sie heute vermisst“, sagte die Spanierin Ruth Beitia. „Schade, dass Ariane nicht da ist“, erklärte Emma Green: „Ich fühle mit ihr.“ Bei der EM 2010 hatte die Schwedin vor der Deutschen die Silbermedaille gewonnen. Nun liebäugelt sie abermals mit einem Platz auf dem Podest. Da nach Europameisterin Blanka Vlasic (Kroatin), Weltmeisterin Anna Tschitscherowa (Russland) und Olympiasiegerin Tia Hellebaut (Belgien) nun eine weitere Konkurrentin fehlt, dürften die EM-Medaillen in Helsinki für kleine Leistungen weggehen.
Da konnte sich auch Emma Green ein leichtes Grinsen nicht verkneifen: „So ist das Leben.“ Während sich die Titelträgerinnen Vlasic, Tschitscherowa und Hellebaut gezielt auf die Olympischen Spiele vorbereiten und deshalb die EM sausen lassen, muss die deutsche Meisterin mehr denn je bangen, ob sie in London überhaupt mitmachen darf. Einen Versuch hat sie noch, die Norm zu springen. Am kommenden Sonntag (1. Juli) ist ihr Start in Eberstadt geplant - sofern es ihre Gesundheit zulässt. „Wir werden alles versuchen, diese letzte Chance noch einmal wahrzunehmen“, sagte Eisinger am Mittwoch. „Wir geben erst dann auf, wenn es keine Chance mehr gibt.“
Auch ein Hintertürchen steht allerdings offen: Vor der letzten Nominierungsrunde des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hat Generaldirektor Michael Vesper durchblicken lassen, dass am 4. Juli auch Einzelfallentscheidungen getroffen werden. Zwar hat Eisinger die Härtefallregelung für Ariane Friedrich schon abgelehnt und eine sportliche Qualifikation angekündigt – da wusste er aber auch noch nicht vom Magen-Darm-Infekt seines Schützlings.